Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Aufmacher 4 30. Juni 2026

Psychologische Mechanismen im Umgang mit dem Genozid in Gaza
von Iris Hefets

Der nachstehende Beitrag ist das bearbeitete Transkript eines Vortrags, den Iris Hefets am 28.Juni 2025 in Bremen gehalten hat.

Die Veranstaltung sollte ursprünglich in den Räumen der Uni Bremen stattfinden, doch die gebuchten Räumlichkeiten wurden wieder entzogen – obwohl das Rektorat sich intern angeblich gegen die Antisemitismus-Resolution des Bundestags stellt. Dazu reichte allein ihre Mitgliedschaft bei der Jüdischen Stimme, die wohlgemerkt 2019 noch den Göttinger Friedenspreis verliehen bekommen hat. Die Veranstaltung fand deshalb in der Bremer Zionskirche statt.

Iris Hefets ist in Israel geboren und hat das Land während der zweiten Intifada 2002 aus politischen Gründen verlassen. Sie ist Psychoanalytikerin und arbeitet mit transgenerationalen Traumata, auch mit Kindern und Enkelkindern von Holocaust-Überlebenden. Sie setzt sich für die Rechte der Palästinenser:innen ein und wurde dafür schon unzählige Male zeitweise festgenommen, zum Beispiel wegen eines Schildes mit der Aufschrift »Jews against Genocide«. Sie ist Mitglied der Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost.

Eine Jüdin findet Asyl in der Kirche, nicht um zu konvertieren, sondern um einen Vortrag zu halten. Es ist heute in Deutschland – jedenfalls in Berlin – leider so, dass die meisten Vorträge zu Palästina, aber auch zu Antikolonialismus nicht mehr an der Uni stattfinden, sondern außerhalb. Die Räume sind zunehmend eingeschränkt. Für Deutschland ist es kein gutes Zeichen, dass Menschen der Mund verboten wird und bestimmte Dinge tabuisiert werden. Als ich vor 23 Jahren nach Deutschland kam, habe ich in Bremen noch im Museum gesprochen. Damals saßen in dem Vortrag zwei Antideutsche, die mich als Antisemitin denunzierten. Sie unterstellten mir etwas Antisemitisches, das ich nicht gesagt hatte. Ich klagte dagegen und gewann. Heute möchte ich über die Frage sprechen: »Wie sind wir soweit gekommen?«
Fangen wir beim Holocaust an und betrachten die psychologischen Mechanismen, die ihn und das ganze Naziprojekt ermöglicht haben.

Das Naziprojekt war, was wir in der Psychoanalyse ein manisches Projekt nennen. Also getrieben von der Vorstellung, dass man Gott ersetzen kann – eine Instanz, die nicht menschengemacht ist und die uns die Grenze aufzeigt zu dem, was wir nicht kontrollieren können. Wir können vieles nicht kontrollieren, auch in der heutigen Kultur und mit den heutigen Technologie nicht, obwohl wir es versuchen. Wir können zum Beispiel nicht kontrollieren, wie unsere Kinder werden, obwohl wir es versuchen. Wir versuchen zu wissen, welche genetischen Anlagen sie haben.
Es wird versucht, Kinder zu selektieren. Das haben die Nazis sehr weit getrieben, und das kommt aus einer Welt, in der man denkt, wir sind gottähnlich, wir sind allmächtig. Wir können alles kontrollieren, wir können über Leben und Tod entscheiden, darüber, welches Leben einen Wert hat und welches nicht.
So haben die Nazis gedacht: Wir können die Welt beherrschen, und wir sind unabhängig von anderen Menschen. Wenn etwas uns stört, dann können wir einfach sagen: abschieben, vernichten, umbringen. In dieser Welt denkt man: Ich habe die Macht alles zu tun, und mir wird nichts passieren, weil ich über dem Menschlichen stehe.
Das nennen wir in der Psychoanalyse ein manisches Projekt. Menschen mit einer psychischen Störung, die eine manische Attacke haben, denken: Ich kann jetzt alle Aktien der Welt kaufen oder zwanzig Gitarren, und dann werde ich der beste Gitarrenspieler der Welt. Solche Projekte sind zum Scheitern verurteilt. Weil es nicht so ist, dass man einfach ohne zu lernen und zu schwitzen das Gitarrenspiel beherrscht
Die manische Idee kommt aus einer Welt, die mit Verleugnung verbunden ist. Menschen denken, sie sind so einzigartig, dass sie etwas tun können, was übermenschlich ist. Auch Gruppen oder Nationen können das denken. Sie können zum Beispiel eine neue Gesellschaft errichten, indem sie Menschen selektieren, jeden umbringen, der ihnen nicht gefällt, versuchen, die Gesellschaft nach ihren Vorstellungen zu modellieren – dazu ist alles erlaubt. Dazu braucht es aber das Gefühl, dass es existenziell wichtig ist, dieses Projekt zu verfolgen. Menschen müssen sich dazu so bedroht fühlen, dass sie sterben, wenn sie es nicht tun.
Und das ist mit Verleugnung verbunden. Einerseits wird das deutsche Volk idealisiert, und man denkt, wir sind alle blond, blauäugig, kräftig, gesund und können etwas anderes machen – dann muss aber alles, was nicht in dieses Ideal passt, aus der Welt geschaffen werden. Und zwar real, nicht nur in der Vorstellung. Das Psychotische daran ist, dass dies in die Realität umgesetzt wird.
Wie gesagt, ist ein solches Projekt zum Scheitern verdammt. Weil es eine Verleugnung enthält. Wenn wir etwa in die Geschichte schauen, war spätestens nach Stalingrad klar, dass die wahnsinnige Idee, auch Russland besiegen zu können, gescheitert war. Aber dann konnte man nicht mehr innehalten und zugeben, verloren zu haben. Man hatte so viel in das Projekt investiert, dass es eine große Kränkung gewesen wäre zu sagen, wir haben uns geirrt. Man hängt an der psychotischen Idee so fest, dass die Vorstellung, ein stinknormaler Mensch zu sein, eine Kränkung bedeutet.

Weiter so – auch nach dem Untergang
Nach dem Untergang des Nazi-Projekts gab es zwei Arten, das zu verarbeiten. Wenn man dabei war – und das waren die meisten Menschen in Deutschland –, konnte man depressiv werden. Viele Männer sind als Wracks zurückgekommen, nicht nur körperlich, auch psychisch. Das war ein Zusammenbruch, und davon konnte man nicht unberührt bleiben, es sei denn, man verleugnete ihn und hielt daran fest, dass das Projekt möglich gewesen wäre, hätten wir nur dies und das getan… Das war sozusagen die manische Art, das zu verarbeiten.
Andere haben langsam angefangen, sich mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen. Das ist eine schwere innere Arbeit. Es gibt Forschungen über Kinder von Holocaust-Überlebenden und Kinder von Tätern. Die Kinder von Holocaust-Überlebenden hatten Angst vor der Welt, vor der äußeren Realität. Sie lebten mit Eltern, die eine gefährliche Welt erlebt hatten. Da war das Haus sozusagen der sichere Ort. Diese Kinder durften oft keine Freunde nach Hause einladen. Die Eltern wollten es nicht, weil sie die Welt als feindselig betrachteten.
Kinder von Tätern hatten Angst in der Familie, Angst zu Hause, Angst schlafen zu gehen, denn auch wenn es nicht ausgesprochen wurde, wussten sie: Wir leben hier mit Mördern. Für ein Kind, das so aufwächst, liegt das in der Luft. Für Kinder ist das besonders schlimm, weil sie noch keine verbalen Fähigkeiten haben. Das heißt, sie haben immer eine Fantasie dazu. Die haben wir alle, aber Kinder vor allem, weil unsere Seele kein Vakuum ertragen kann. Wenn etwas passiert, denken wir uns eine Geschichte dazu.
Bei Kindern ist die Geschichte oft narzisstisch. Sie tendieren dazu, alles was in der äußeren Welt passiert, auf sich zu beziehen: Meine Eltern streiten oder lassen sich scheiden, ich bin daran schuld. Dann kommt es zu sehr problematischen Konstellationen, denn diese Fantasien haben eine Wirkung in der Realität. Kinder wissen nicht, woher ihre Ängste kommen, also entwickeln sie Fantasien: Was bedeutet es, mit Menschen zusammenzuleben, die Kinder oder erwachsene Menschen umgebracht haben, weil sie zum Beispiel behindert waren? Was würde mir dann passieren, wenn ich einen Autounfall hätte und nicht mehr laufen könnte? Die Frage erweckt Ängste, und deshalb ist es nicht so leicht sich damit auseinanderzusetzen, wenn die eigenen Eltern, Großeltern oder Nachbarn an Verbrechen beteiligt waren.
Viele Menschen, die sich damit auseinandergesetzt haben, wurden mit ihren Familienmitgliedern konfrontiert. Viele wurden aus den Familien verbannt, Kontakte wurden abgebrochen. Aber vielleicht haben sie allmählich mehr verstanden. Das waren sozusagen die Anfänge der deutschen Erinnerungskultur, die zunächst auf individueller Ebene begann – gegen die Institutionen: Der Staat wollte sie nicht, die Gemeinden wollten sie nicht, die Gesellschaft wollte weggucken. In der Tat ist es harte Kost.

Ent-Tabuisierung
Nach der Wiedervereinigung passierte etwas in der Gesellschaft. Die Mauer, die deutsche Teilung, hatte auch die Strafe für Deutschland symbolisiert. Deutschland wurde geteilt, weil es den Krieg verloren hatte. Dieser Verlust wurde nun durch den Fall der Mauer sozusagen ungeschehen gemacht. Nun konnte man in der Öffentlichkeit Dinge sagen und tun, die vorher tabu waren.
Die rassistischen Strömungen und Äußerungen, die wir heute in Deutschland erleben, sind nicht neu. Sie waren früher nur stärker tabuisiert. Bundeskanzler Konrad Adenauer zum Beispiel sagte 1965 in einem Interview mit Günter Gaus: »Wir hatten den Juden so viel Unrecht getan, wir hatten solche Verbrechen an ihnen begangen, dass sie ­irgendwie gesühnt werden mussten oder wiedergutgemacht werden müssten, wenn wir überhaupt wieder Ansehen unter den Völkern der Erde gewinnen wollen … Die Macht der Juden – auch heute noch, insbesondere in Amerika – sollte man nicht unterschätzen…«
Das ist eine klar antisemitische Aussage. Das war aber der Grund, weshalb Deutschland diplomatische Beziehungen zu Israel wollte. Und Israel hatte ein Interesse daran, weil es das Geld brauchte.
Deutsche Jüdinnen und Juden aus Ländern, die mit Deutschland verbündet waren, wie Tschechien, haben eine private Rente in D-Mark bekommen, direkt auf ihre Konten. Die Ostjuden haben das Geld über Israel bekommen. Israel hat einen Batzen Geld bekommen und musste das Geld verwalten. Menschen, die Rente oder Abfindung beantragen wollten, mussten mit der israelischen Regierung verhandeln. Und Israel hat auch Geld bekommen, um Krankenhäuser zu bauen, um die Armee aufzubauen…
Das war der Deal zwischen Israel und Deutschland, wissend natürlich, das alles auf Kosten der Palästinenser ging, die vertrieben wurden. Israel musste sich, wollte es einen neuen Staat aufbauen, eine neue Bevölkerung schaffen. Denn es brauchte eine jüdische Mehrheit. Das war letztendlich erneut ein Bevölkerungsprojekt.
Die Gesellschaft musste also neu zusammengesetzt und eine jüdische Mehrheit kreiert werden. Der Zionismus war eine Bewegung, die Millionen von Menschen rund um den Globus herum bewegte, um das zu ermöglichen. Zunächst wurden mehr als 700.000 Palästinenser:innen vertrieben, dann Millionen von Juden nach Israel gebracht. Zunächst waren es arabische Juden – und auch das ist verrückt. Erst wurden die Palästinenser vertrieben, weil sie Araber sind. Dann hat Israel Araber ins Land geholt, nur weil sie Juden sind.
Später, in den 90er Jahren, kamen noch eine Million Migrant:innen aus der ehemaligen Sowjetunion hinzu. Ein Drittel davon waren keine Juden, aber nach dem Rückkehrgesetz – nicht nach jüdischem Gesetz! – galten sie als Juden.

Erinnerungskultur
Allmählich hat Deutschland entdeckt, dass diese Erinnerungskultur eine Goldmine ist. Sie wurde institutionalisiert. Mit bestimmten Projekten.
Das erste Großprojekt war das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin. Die Juden wurden unter den Opfern des Holocaust hervorgehoben. Roma und Sinti haben keine Abfindungen bekommen. Homosexuelle haben keine Abfindungen bekommen. Menschen in Griechenland, in Polen, in mehreren anderen Ländern auch nicht. Die Juden waren sozusagen die Opfer, an denen sich abgearbeitet wurde. Und selbst die Juden waren es nicht, sie wurden durch Israel ersetzt. Israel steht für die Juden schon seit Adenauer-Zeiten. Es verleiht stellvertretend für sie den Koscherstempel.
Um das Mahnmal mitten in Berlin gab es einen Wettbewerb. Die Anlage, die dann gebaut wurde, hat ebenfalls etwas Manisches. Es ist ein Raum, der gefüllt ist mit Betonblöcken. Obwohl das Judentum von Europa vernichtet wurde. Es hätte also alles leer stehen müssen. Aber diese Leere war wahrscheinlich nicht gewollt. Sie ist auch schwer zu ertragen. Doch es war eine bewusste Entscheidung.
Lea Rosh, die Frau, die das Projekt vorangetrieben hat, heißt eigentlich Edith Rosh. Aber sie hat sich Lea genannt, weil das jüdischer klingt. Sie hat auch gesagt: Das ist ein Projekt, das die Deutschen für die Juden machen. Und für sich selbst. Dem ehemaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden hat sie gesagt: Ihr werdet nicht gefragt. Die Deutschen bauen das, damit die Welt sieht, dass sie ihre Geschichte aufgearbeitet haben, das ist unser Ding. Es wäre schön, wenn ihr dazu nickt.
Im Laufe der letzten zwanzig, dreißig Jahre, als diese Erinnerungskultur institutionalisiert wurde, hat Deutschland einen Prozess des Ungeschehenmachens durchlaufen. Ungeschehen machen ist eine manische Art, mit Schuld umzugehen. Nach Auffassung der Psychoanalyse gibt es zwei Arten, mit Schuld umzugehen: Die eine ist die depressive Art. Das heißt, ich habe etwas Schlimmes getan und ich weiß, es ist nicht rückgängig zu machen. Ich werde also darüber sprechen, wie ich das wieder gutmachen kann.
Die manische Art damit umzugehen ist, etwas anderes an die Stelle zu setzen und zu sagen: Es ist nichts passiert. Man macht sozusagen das Geschehen rückgängig, ungeschehen. Das ist häufig schwer. Kinder zum Beispiel, deren Eltern sich scheiden lassen, versuchen auf alle erdenkliche Art, die Eltern wieder zusammenzubringen. Irgendwann merken sie, dass es nicht geht.
Das ist, was Deutschland versucht: einen Zustand herzustellen, bei dem Juden wieder nach Deutschland zurückkommen und eine jüdische Gemeinde bilden. Wie macht es das? Es unterstützt Konvertierungsprogramme für Christen, die sich zum Judentum bekehren. Die deutschen Syn­agogen sind ziemlich leer. Und wenn sie voll sind, dann mit Juden, die konvertierte Christen sind. Als eine Rabbinerin dies einmal in der Welt erwähnte, wurde sie entlassen oder freigestellt.
Wenn man an den Universitäten auf die Abteilungen »Jewish Studies« schaut, werden sie alle von christlichen Konvertiten geleitet. Es gibt ja kaum Juden in Deutschland. Sie bauen auch Rabbinerschulen auf, etwas, das gar nicht jüdisch ist. Im Judentum geht man nicht auf die Universität, um Rabbi zu werden. Das ist ein protestantisches Modell.
Der Zentralrat der Juden hat 2024 95.000 Mitglieder der jüdischen Gemeinde angegeben, die meisten sind in den 90er Jahren aus der ehemaligen Sowjetunion gekommen. Der Antisemitismusbeauftragte Felix Klein spricht von 200.000 – dazu zählen auch solche Juden, die nach jüdischem Gesetz gar keine Mitglieder der jüdischen Gemeinde sein können. So gibt Deutschland damit an, es hätte ein jüdisches Leben wieder aufgebaut und würde es schützen.
Das ist, auf jüdisch gesagt, ein Luftgeschäft. Es gibt keine Juden, aber man kann jetzt angeben und sagen, schaut her, wir haben es ungeschehen gemacht. Wir haben hier wieder jüdisches Leben.
Es gibt noch einen anderen Prozess. Als ich nach Deutschland kam, dachte ich, ich bin in einem jüdisch-orthodoxen Viertel gelandet, alle Kinder in der Nachbarschaft hießen Esther. Sarah war ebenfalls lange ein sehr populärer Name. Das ist der Name, den jede Jüdin während der Nazizeit in ihrem Pass angeben musste, sodass man wusste, sie ist Jüdin. Judith, Jakob, Jonas, Samuel – das sind Namen von Juden vor dem Krieg. Und alle wurden von Christen ihren Kindern gegeben, nicht von Juden. Das heißt, die Deutschen haben ihre Juden selbst produziert. Das ist auch eine manische Art, etwas ungeschehen zu machen.

Identifikation
Deutschland ist fast wie Israel geworden. Es hat Israel als »die Juden« erklärt und idealisiert. Israel ist wirklich wie ein Teil von Deutschland. Wenn ich manchmal mit Antideutschen spreche, dann denke ich, ich spreche mit einer Propaganda-Offizierin in Israel. Es ist als ob jemand ein israelisches Radio verschluckt hätte. Israel wird als Teil von Deutschland wahrgenommen. Das hat auch einen Namen: Staatsräson. Wir müssen die Juden retten, dort in ihrem Naturreservat. Gleichzeitig gibt es eine große Identifizierung mit Israel.
Wie identifizieren wir uns mit jemandem? Ein Baby zum Beispiel saugt durch das Schlucken von Essen oder der Muttermilch ein Stück Mutter in sich hinein. Später identifizieren wir uns mit unseren Eltern oder der Gesellschaft über Bilder. Wir lernen, Mutter oder Vater sind von uns getrennt. Nicht immer, wenn ich hungrig bin und schreie, kommt die Mutter. Ich muss das aushalten und eine Vorstellung von ihr entwickeln. Dann kann ich auch zum Kindergarten gehen und dort in Ruhe sein, weil ich weiß, sie tut nichts anderes als auf mich zu warten.
Die primitive Art von Identifizierung jedoch ist etwas herunterzuschlucken. Das ist, was Israel geworden ist in der deutschen Gesellschaft. Das hat eine psychologische Komponente, aber auch eine sehr materielle. Denn im Laufe dieser Identifizierung konnte Deutschland bestimmte Tabus in der deutschen Gesellschaft lockern. Etwa den Militarismus. Als ich nach Deutschland kam, war Militarismus total out. Ich konnte sagen, ich wollte nach Deutschland kommen, damit meine Kinder nicht zur Armee müssen. Dafür gab es großes Verständnis. Wenn ich das jetzt sage, bekomme ich Ärger. Wieso opfere ich meine Kinder nicht für die Sicherheit von Israel?
Roderich Kiesewetter von der CDU war es, der am 21.Oktober 2023 in der Sendung Berlin direkt betonte: »Das bedeutet auch, dass wir bereit sind, mit unserem Leben die Sicherheit Israels zu verteidigen.« So wird ein Wir konstruiert. Früher gab es in Deutschland eine Gegenbewegung gegen den Kollektivismus der Nazizeit. Man hat Individualismus zelebriert, die Identität war eher europäisch und man durfte nicht deutsch sein, mit deutschen Flaggen herumlaufen, nationalistisch, militaristisch sein. Im Laufe der Identifizierung mit Israel wurde es möglich, nationalistisch zu sein – mit der israelischen Flagge. Heute kann man die israelische Armee idealisieren und sagen, die sind super.
So lassen sich nationalistische Gefühle, militaristische und auch chauvinistische Haltungen und diese Männerposen, die in Deutschland lange tabu waren, wiederbeleben – über Israel. Das ermöglicht auch, die Gesellschaft langsam auf die Wehrpflicht vorzubereiten. Das dient der Aufrüstung, aber es ist auch psychisch entlastend. Wir, die Deutschen, sind wieder die Opfer, denn wir sind die neuen Juden. Wir haben sie runtergeschluckt – im wahrsten Sinne des Wortes.

Täter-Opfer-Umkehr
Vor ein paar Monaten hat die Polizeipräsidentin von Berlin der Zeit ein Interview gegeben, in dem sie sagte: Sie empfiehlt Schwulen und Juden, nicht in bestimmten Bezirken in Berlin herumzulaufen, wo es arabische Migranten gibt. Ein Journalist hat sie gefragt, worauf ihre Empfehlung basiere, ob etwas passiert sei. Sie meinte, glücklicherweise noch nicht. Aber auf propalästinensischen Demos werden unsere Polizisten antisemitisch angegriffen.
Ich wurde schon fünfmal von der Berliner Polizei festgenommen, zweimal mit körperlicher Durchsuchung – das geht in die Statistik ein –, zweimal mit Anzeigen, einmal wegen Volksverhetzung, einmal wegen Verwendung verfassungswidriger Symbole, beidesmal eingestellt, aber es geht in die Statistik der antisemitischen Vorfälle in Deutschland ein. Weil ich so festgenommen wurde, heißt es, ich hätte die Polizei antisemitisch angegriffen. Dahinter steckt, dass eigentlich die Palästinenser, die Araber und jene, die sich mit ihnen identifizieren, die Täter sind. Die neuen Deutschen aber, die deutsche Polizei mit ihren Nazi-Chats, mit ihrem Racial Profiling, dem Erschießen nichtweißer Menschen – sie sind angeblich die Opfer von Rassismus und Antisemitismus und wir die Angreifer.
Mehr als 50 Prozent der registrierten Fälle von Antisemitismus werden von Nichtjuden gemeldet. Das heißt Nichtjuden können sich nach der neuen IHRA-Definition als Opfer melden. Wenn zum Beispiel ein Antideutscher meint, ich sage etwas israelkritisches und antisemitisches, kann er das melden und sagen, ich hätte ihn antisemitisch angegriffen.
Mit diesen Statistiken werden Resolutionen vorangetrieben, der Verfassungsschutz soll jetzt in die Hochschulen kommen, vor allem aber wird das Grundgesetz übergangen. Denn gegen Resolutionen kann man juristisch nichts machen, die sind kein Gesetz, aber sie fungieren als Softlock.
In dieser verkehrten Welt sind wir Juden, die anders denken, die Täter und die deutschen Nachfolger der post-arischen Gesellschaft die eigentlichen Opfer. Wir leiden unter politischer Verfolgung. Und wir sehen, dass Israel jetzt einen Genozid verübt, mit ähnlichen Mechanismen wie denen eines manischen Projekts. Es gibt eine innere Spannung, etwas das als böse wahrgenommen wird. Schon am 7.Oktober 2024 gab es diesen Reflex: Die Palästinenser in Gaza müssen bis zum letzten Mann vernichtet werden. Es gibt keinen, der kein Terrorist ist, auch ein Kind wird ein Terrorist werden, wenn es aufwächst.
Das ist die Illusion: Wenn wir das Böse körperlich an jemandem festmachen und alle böse Anteile umbringen, dann wird es gut werden. ­Israel wird gesagt, es gibt keinen Gott, kein Völkerrecht, kein Gesetz. Anything goes. Es gibt niemanden, der Israel aufhält.
Wir sind alle wie diese Täter-Kinder, die wissen, sie leben unter Mördern. Wir werden von Menschen regiert, die eigentlich die Aufgabe haben, auf uns aufzupassen und zu sagen: Ein Krankenhaus darf nicht bombardiert werden. Aber es geschieht. Das versetzt uns in Angst, es schmerzt uns, macht uns hilflos. Deshalb bin ich dankbar für die Einladung und für diese Herberge, weil es bedeutet, wir lassen uns als Menschen nicht umbringen. Es betrifft uns alle. Es geht nicht nur um die Palästinenser. Es geht nicht nur um die Muslime in diesem Land. Es geht um uns alle.

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