Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Patriarchat 30. Juni 2026

Wer Rechts hat braucht kein Recht mehr
von Marina Hoffmann

Die kritischen Einführungswochen (KEW) sind ein Instrument des Allgemeinen Studierendenausschusses an den Universitäten, um das Semester mit verschiedenen kritischen Veranstaltungen zu beginnen. In diesem Jahr fanden die KEW zum zweiten Mal in Köln statt.

Ich bin Teil der Studis gegen Rechts und lese in der Chatgruppe, dass ­Esther von campus:grün eine Veranstaltung zum Thema »Antifeminismus und Burschenschaften« organisieren möchte, aber Unterstützung braucht. Da mir das Thema wichtig ist, schließe ich mich der Planung an. Es ist ihr Anliegen, sie engagiert sich, während die zusätzliche Aufgabe in meinem Alltag untergeht. Ich bin hilfsbereit, weiß aber nicht so richtig, was ich tun kann.
Esther findet mögliche Redner:innen und schreibt sie an. Einer antwortet: Tobias Ginsburg hat Zeit. Er ist Autor mehrerer Bücher und Theaterstücke, beschäftigt sich mit der deutschen Kolonialgeschichte, Nationalsozialismus, Waffenhandel und in seinem zuletzt erschienenen Buch Die letzten Männer des Westens mit Antifeminismus und Burschenschaften. Perfekt.
Burschenschaften sind ein direkter Bezugspunkt zur Universität; ich stand selbst schon verdattert an der Mensa und schaute förmlich gekleideten Burschenschaftern dabei zu, wie sie mit Bannern und Megaphon in einem seltsamen Singsang gegen Abtreibung wetterten.

Die Veranstaltung
Obwohl langsam alles Fahrt aufnimmt, muss sich Esther aus persönlichen Gründen aus der Planung zurückziehen. Der Stress kriegt uns alle. Wenn ich jetzt aber abblase, ist ihre bisherige Arbeit umsonst gewesen. Natürlich mache ich weiter.
Richtig Werbung kann ich erst einen Tag vor der Veranstaltung machen, zum Glück helfen mir Freundinnen und Freunde beim Verteilen der Flyer. Kurz vor der Veranstaltung bin ich aufgeregt: Kommt überhaupt jemand? Dann teilt mir der AStA mit, dass wir den Raum am Hauptcampus gar nicht haben.
Die kritischen Einführungswochen wurden kurz vor Beginn kommentarlos an einen anderen, entfernteren Campus verlegt. Der Universität zu Köln steht eine Exzellenzbegehung ins Haus, der Staat prüft also, ob die Uni mehr Geld dafür verdient, dass sie international wettbewerbsfähig ist. Dafür sind die KEW vielleicht ein bisschen zu politisch, vielleicht ein bisschen zu kritisch.
Die Veranstaltung »Staats(räson-)
funk – Deutsche Medien und der Genozid in Gaza«, bei der Fabian Goldmann über die einseitige deutsche Berichterstattung zum Thema spricht, sagt die Uni kurzfristig ab. Der Grund sind angebliche Sicherheitsbedenken wegen des Mitveranstalters Camp for Palestine. Gut, dass das den AStA nicht aufhält, der spontan einen Platz auf der Uni-Wiese sucht. Als die Verantwortlichen der Uni daraufhin die Polizei rufen, um die Veranstaltung vom Unigelände zu verweisen, wird sie eben davor durchgeführt. Laut junge Welt mit etwa 250 Gästen.

Sanktionen gegen Meinungsfreiheit
Meinungsfreiheit, Kritik, zumindest von links, zumindest am Krieg, an ­Israel, ist in Teilen kein Grundrecht mehr, wie sich auch bei Hüseyin Dogru zeigt: Der deutsche Journalist steht seit einem Jahr auf der EU-Sanktionsliste. Sein Konto ist gesperrt, er kann kein Geld verdienen und lebt von 500 Euro im Monat mit seiner Frau und seinen drei Kindern, weil er Dinge schreibt, die man nicht schreiben darf. Um dagegen vorzugehen, braucht es keine Gewaltenteilung: weder eine Anklage, noch einen Prozess, lediglich eine »demokratische Entscheidung« des EU-Rats und willige Staatsorgane, die dieser Entscheidung Folge leisten.
Der Vorwurf lautet: Desinformation für Russland. Dafür gibt es zwar keine handfesten Beweise, die Posts und Texte waren öffentlich, aber Do?ru kann eben auch nicht das Gegenteil beweisen. Wie auch? Laut eigener Aussage sind die angeblichen Beweise zum Beispiel, dass er vom Rassismus berichtet, den ein CDU-Politiker im Fernsehen vertreten haben soll, oder davon, dass ehemalige Nazis bei der NATO Karriere gemacht haben.
Dass eine in der EU lebende Einzelperson Sanktionen auferlegt bekommt, ist ein Novum, aber kein Einzelfall: Inzwischen ist auch der in Brüssel lebende Jacques Baud als Desinformant sanktioniert. Der Europarat testet die Grenzen, mal sehen, wann es mich trifft.

Männer – gesellschaftliches Verbrauchsmaterial
Bevor ich erfahre, wie der Staat das Recht biegt, erfahre ich, wie der Antifeminismus die Gesellschaft zersetzt: Am Ende sind wir zu elft. Sogar zwei Burschis sind gekommen. Tobias übernimmt das Reden – ich kann mich beruhigen.
Der charismatische Mann mit dem Bart und dem Cap hat etwas Abgründiges. Mitten im Vortrag entschuldigt er sich für seine Sprache, die Kreise, in denen er sich bewegt, färben ab. Tobias war undercover bei rechten Bewegungen, Reichsbürgern, Männerrechtlern, Burschenschaftern, kurz: Antifeministen. Sein Buch, aus dem er einen Ausschnitt vorliest, ist voll von schwer erträglichen Geschichten, Gestalten und Strukturen, über die ich lachen würde, wenn sie nicht real wären – dann wieder eine unerwartete Spitze.
So vertreten auch »normale« Männer – weiß, älter, aus dem Mittelstand, formal erfolgreich, aber doch irgendwie nicht – unerträgliche, antifeministische Positionen: Wenn Frauen beispielsweise in Selbstverteidigungskursen beigebracht wird, Männern in den Schritt zu treten, sollen Männer doch das gleiche tun dürfen! Zumindest wäre die Fortpflanzung dadurch nicht gefährdet. Und das ist das einzige, um das es zwischen Mann und Frau geht…
Sie glauben, Privilegien zu verlieren, wenn Marginalisierte sichtbar sind, und verlieren tatsächlich Privilegien durch wirtschaftlichen Abstieg. Sie haben sich hochgearbeitet, ihre Zeit geopfert und merken, dass davon nicht viel bleibt.
Männer sind traditionell gesellschaftliches Verbrauchsmaterial. Im Krieg wie in der Arbeit, auch wenn die Grenzen längst nicht mehr so hart sind, wie sie mal waren. Sie begehen häufiger Suizid, sind öfter wohnungslos und sind gefährdeter durch Drogensucht. In ihrer Argumentation nutzen diese Männer solche Tatsachen, ohne nach dem politischen Kontext zu fragen. Weil sie nicht über ihre Angst und Trauer reden können, weil zwischen ihnen keine Solidarität möglich ist, bleibt nur Hass auf andere: Der Feminismus will sie verweiblichen und schwächen, der »Kulturmarxismus« auch. Fremde kommen nur, um ihnen alles wegzunehmen. Die Sprache, das Stadtbild; alles wird verändert, damit sie nicht mehr vorkommen.
Alkohol spielt eine wichtige Rolle, vor allem bei den Burschenschaften. Die gemeinsamen Eskapaden verbinden. Wenn alle einmal voreinander gekotzt haben, muss es niemandem mehr peinlich sein. Alkohol lockert die Zunge und rechtfertigt zeitgleich die Enthemmtheit des Gesagten. Außerdem macht Alkohol träge. Folgen ist einfach, wenn die Hierarchie klar und die Verantwortung woanders ist.

Antifeminismus verbindet
Für mich ist schlimm, dass ich mich in manchen Gestalten des Buches wiederfinde: Ein Junge zum Beispiel, der Horrorfilme liebt und Regisseur werden will. Er ist suizidal, autistisch, braucht krasse Bilder, um sich von seinen krassen Gedanken abzulenken. Sein Film klingt platt: Ein Junge bringt sich um, weil er überall Ablehnung erfährt. In den rechten Kreisen erfährt er dafür aber Unterstützung. Sie planen schon den Dreh und füllen die simple Idee mit noch simpleren politischen Aussagen.
In meiner Jugend fand ich auf Youtube islamophobe Videos eines Menschen, der mich durch seinen intellektuellen Duktus und die einfach verständlichen Analysen anzog. Ich fühlte mich nicht mehr so allein, wenn ich ihm zuhörte und mich auf seine Seite begab. Hätte ich damals kein kritisches Umfeld gehabt, tauchte vielleicht ich statt Theo in diesem Buch auf.
So wie ich braucht der Junge Hilfe, sucht sie aber nicht bei Therapeut:innen oder bei der Familie, auch diese Möglichkeiten sind Privilegien. Stattdessen bezahlt er Männercoaches, die nichts sehnlicher wollen als sein Geld.
Um ihn an sie zu binden, wenden sie die Flirttechniken bei ihm an, die ihm bei der Suche helfen sollen: neurolinguistisches Programmieren, dazu ganz einfach das Selbstbewusstsein des Gegenübers zerstören, um es nach eigenem Wunsch Stück für Stück wieder aufzubauen. Vor allem lassen sie nicht locker.
Antifeminismus ist die Klebemasse, die unterschiedliche Männer mit unterschiedlichen Problemen verbindet. Er zieht sich wie Schimmel durch die Gesellschaft. Antifeministen fürchten sich vor Feindbildern, die Rechte schüren. Aus Männlichkeitskult und Antifeminismus wird Faschismus.
Männercoaches, Generation Deutschland, Burschenschaften usw. feiern eine klare Geschlechtertrennung und eine harte Männlichkeit. Mann-männliche Erotik macht straffe Körper und Kampfbereitschaft erstrebenswert. All diese Anlaufstellen geben mehr oder weniger jungen, einsamen, unzufriedenen Männern ein Zuhause, um ihren Frust und ihr Potenzial für ihre Sache zu gewinnen. Die Hierarchien der Vereine versprechen den Aufstieg, wer ihn nicht schafft, kann folgen. Weil es leichter ist, sich nicht ändern zu müssen und anderen die Schuld zu geben. Weil die Männer reale Ängste haben, die sie nie zu zeigen gelernt haben. Es hört nicht auf.
Nach dem Vortrag bin ich geschafft. Tobias redet interessiert mit den Burschis, ich und meine Freundin unterhalten uns noch mit zwei Kommiliton:innen. Wir verbinden uns, diskutieren nach der Veranstaltung weiter und verabreden uns zu Gemeinschaft, die doch nicht kommt. Wir haben keinen Hass, der uns verbindet, nur Sorge.
Doch wir waren da, hatten Interesse, haben uns Kraft gegeben. Uns verbindet etwas stärkeres: Solidarität. Gelebte Hilfsbereitschaft.

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