An den Rand notiert
von Rolf Euler
Ende Juni findet im Ruhrgebiet wieder die »ExtraSchicht« statt. In vielen Städten des Reviers werden erhaltene Orte der Industriegeschichte, Kulturräume und Museen von 18 Uhr bis 2 Uhr nachts für Besucher geöffnet, ein Eintrittspreis gilt für alle 40 Spielorte, den Nahverkehr und Sonderbusse, die von einem zum anderen Ereignis extra verkehren.
Natürlich sind die »Kathedralen« der Industriekultur jedes Jahr dabei: die Zechen Zollverein in Essen, Zollern in Dortmund, das ehemalige Stahlwerk Henrichshütte in Hattingen, der Gasometer mit der neuen Ausstellung Wald in Oberhausen. Dazu kommen ehemalige Industriestandorte, die umgewidmet wurden zu »Kreativ-Quartieren«, Hallen mit Kunst, historische Orte wie die Glückauf-Kampfbahn in Gelsenkirchen oder das Eisenbahnmuseum in Dahlhausen.
Eine beeindruckende Kulisse ist das allemal – verteilt über 18 Städte. Und doch lässt sich feststellen, dass nach den vielen Jahren der Freizeit an alten Malocher-Stätten ein bisschen die »Luft raus« ist. Es fehlen aktive Anlagen, in denen die Produktion noch läuft, zum Beispiel die Thyssen-Hütte in Duisburg mit Rundfahrt über das Gelände an Hochöfen und Walzwerken vorbei. Oder der Chemiebetrieb in Marl mit seinen vielfältigen Anlagen der Chemieproduktion. Oder das Trainingsbergwerk in Recklinghausen, das noch absolut wirklichkeitsnah den Steinkohlenbergbau zeigt, wie er hier mal war.
Die Orte werden hauptsächlich mit Musik, Performances, Lichtshows bespielt, natürlich mit Getränke- und Essbuden versehen, bei manchen gibt es nach wie vor Führungen der wenigen »Malocher«, die es noch aus der Zeit der aktiven Werke gibt.
Es fehlen die Orte der Zugewanderten, die Fabriken der Frauenarbeit, die Folgen des Wandels.
Die ExtraSchicht knüpft an der Vergangenheit an, an Orten der Industriearbeit, zeigt aber an vielen Spielstätten eine Gegenwart der Feierlaune, der Events, der Zerstreuung; angesagt ist Live-Musik bei Pommes und Bier. Die Orte der Muße und Nachdenklichkeit über Altes und Neues sind rar – das, was das »Extra« einer Spätschicht wäre.
Vor zwei Jahren schrieb ich zum 25.Jubiläum der »Route der Industriekultur«: »Industriekultur ist noch deutlich entfernt von der Vorstellung, wie wir in Zukunft arbeiten und leben wollen.«
Auch die ExtraSchicht müsste sich für eine komplizierte, herausfordernde Zukunft, anders arbeitende Menschen, Sicherung von Leben und Nachbarschaft im Revier stark machen. Vielleicht ist das von einer Nacht pro Jahr zu viel verlangt?
Gut: Vieles der Art findet sich das ganze Jahr bei Kultur, Bürgerinitiativen, Theatern und Veranstaltungen. »Events« mit Musik und LED-Beleuchtung gibt es inzwischen überall. Die Vergangenheit der schweren Arbeit braucht keine Nostalgie, sondern aufmerksame Beachtung der Gegenwart und ihrer Arbeiterinnen und Arbeiter.
Extra-Schicht in den Krankenhäusern, den Schulen, den Logistikketten mit ihren Lagerhäusern, den Supermärkten, den Tafeln – und dann als Vorstellung der Möglichkeit eines anderen Lebens. Ich werde dieses Jahr wieder dabei sein – mit Hintergedanken.
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