Zahlensalat
von Wolfgang Pomrehn
Ende Mai saßen nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters noch immer mehr als 20.000 Seeleute auf rund 2000 Schiffen im Persischen Golf fest, weil der Iran und die USA die Straße von Hormus, den Ausgang des Golfs in den Indischen Ozean versperren.
Viele könnten ihr Schiff nicht verlassen und oft sei die Verpflegung unzureichend. Die Seeleute klagen über Isolation und Ungewissheit, einige würden sich unter Tränen bei der Internationalen Transportarbeiterföderation (ITF) melden, so Mohamed Arrachedi gegenüber Reuters, der für den Gewerkschaftsverband die Region betreut. In einigen Fällen würde nicht einmal die magere Heuer von 100 bis 200 US-Dollar pro Monat ausgezahlt und Reeder würden sich weigern, bei der Rückkehr in die Heimatländer zu helfen.
In der Woche vor Redaktionsschluss wurden drei zivile indische Schiffe in der Nähe der Straße von Hormus von der US-Marine angegriffen. In einem Fall schlug eine Rakete in den Maschinenraum ein und tötete drei indische Seeleute.
Schon ohne Krieg ist die Arbeit auf den Schiffen der globalen Handelsflotte hart und die Bezahlung für die Mannschaften meist unterirdisch. Rund 100.000 Frachter und Tanker bewegen Container, Erdöl, Gas, Treibstoffe, Kohle und anderes Stück- und Schüttgut über die Weltmeere und halten damit die globale Ökonomie am Laufen. Auf ihnen arbeiteten 2021 nach Angaben der UN-Konferenz für Handel und Entwicklung (UNCTAD) knapp 1,9 Millionen Seeleute. Nur 1,2 Prozent davon waren laut der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) Frauen.
Die ITF geht davon aus, dass rund 30 Prozent der Schiffe unter sogenannten Billigflaggen fahren. Das heißt, sie sind in Ländern mit besonders geringen Steuern und besonders laxen Arbeitsgesetzen angemeldet. Auch deutsche Reeder machen davon reichlich Gebrauch. Die Statistik des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie weist für den April 2026 1816 deutsche Schiffe mit einer Größe von 100 oder mehr Bruttoregistertonnen aus – darunter Fahrgast- und Arbeitsschiffe. Davon fuhren 1409 unter fremder Flagge.
Die miesen Bedingungen auf den Billigflaggen-Frachtern gipfeln darin, dass die Betreiber immer wieder mal Besatzungen stranden lassen. Das heißt, sie zahlen Heuer nicht aus und kümmern sich nicht um die Rückkehr in die Herkunftsländer. Die ITF hat 2025 410 solcher Fälle festgestellt. 6223 Seeleute waren betroffen. 82 Prozent der Schiffe waren unter Billigflagge unterwegs, wobei Panama wie schon im Vorjahr mit 68 von 410 Fällen hervorstach. Laut ITF stellen die Zahlen einen neuen Rekord dar.
Derweil hat sich eine ILO-Umfrage kürzlich mit Todesfällen unter Seeleuten beschäftigt. 57 Länder haben für 2023 403 Verstorbene gemeldet. Die häufigste Todesursache waren Herzinfarkt, Schlaganfall und andere stressbedingte Krankheiten. Laut ILO wirft das ein Schlaglicht auf die langen Arbeitszeiten, schwierigen Arbeitsbedingungen und beschränkte medizinische Versorgung auf See. 91 Personen waren 2023 über Bord gegangen, 74 bei Unfällen an Bord getötet worden. Allerdings sind die Zahlen unvollständig, da große Länder wie die USA, Russland, Indonesien und die Philippinen keine Daten geliefert hatten.
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