Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

Bert Brecht hielt nicht viel vom Recht auf geistiges Eigentum. Wir auch nicht. Wir stellen die SoZ kostenlos ins Netz, damit möglichst viele Menschen das darin enthaltene Wissen nutzen und weiterverbreiten. Das heißt jedoch nicht, dass dies nicht Arbeit sei, die honoriert werden muss, weil Menschen davon leben.

Hier können Sie jetzt Spenden
Buch 1. Juli 2026

Ein Insiderbericht aus Trumps Amerika
von Gerhard Klas

Klaus Brinkbäumer: Der amerikanische Albtraum. Faschismus made in USA. Frankfurt a.M.: S.Fischer, 2026. 352 S., 24 Euro

»Donald Trump, ein Parvenu, ein politischer Clown?« – Mit dieser rhetorischen Frage trifft Klaus Brinkbäumer einen Kern: seine anfängliche Unterschätzung. Für sein Buch hat Brinkbäumer viele Menschen interviewt, die Trump nie unterschätzt haben. Der langjährige USA-Korrespondent und ehemalige Spiegel-Chefredakteur ist kreuz und quer durch die USA gereist, hat Intellektuelle, Aktivist:innen, MAGA-Anhänger und Insider getroffen. Herausgekommen ist ein politisches Sachbuch, das zugleich Reportage, Analyse und persönliches Zeugnis ist.

Angesichts der Sprunghaftigkeit des Präsidenten und seines Hofstaats war das Buch ein ambitioniertes Unterfangen. Brinkbäumers Recherchen endeten jedenfalls vorläufig am 20.Januar 2026. Manches hat die Realität bereits überholt: Der Krieg gegen den Iran taucht nicht auf. Die Morde durch ICE-Beamte in Minneapolis konnte er gerade noch im Vorwort unterbringen. Aber Brinkbäumer liefert kenntnisreiche Analysen, die zum Verständnis der aktuellen Situation beitragen.
Dieser neue Faschismus sei nicht nur politisch, er sei »technologisch«, schreibt er. »Trump ist ein Kind des Internets, ein Meister der Algorithmik. Die Sozialen Medien sind sein Medium, nicht trotz, sondern wegen ihrer Verflachung. In der Welt der Sozialen Medien zählt nicht die Argumentation, sondern der Affekt; und auch nicht Tiefe, sondern Geschwindigkeit; nicht Wahrhaftigkeit oder Präzision, sondern die immer neue Präsenz und Aufmerksamkeit.«

Viel Kulturkampf, wenig Ökonomie
Das Neue an diesem Faschismus, so Brinkbäumer, liege in den sozialen Medien, in der digitalen Infrastruktur der Propaganda.
Doch diese Einschätzung lädt zum Widerspruch ein: Die Nazis nutzten seinerzeit das Radio, das für die damaligen Verhältnisse – gedrucktes Papier und Kundgebungen – ebenfalls eine neue Qualität darstellte. Die Technologie wechselt; aber die Mechanismen der Massensuggestion, die Lüge als Waffe, der Führerkult bleiben erschreckend konstant.
»Make America Great Again« sei eine Bewegung, »die eher wenig denkt, sondern vor allem fühlt«, beobachtet Brinkbäumer. »Es gibt eine neue Sprache, die kaum mehr beschreibt, sondern befiehlt und gehorcht, attackiert und lügt, triumphiert und leidet.« Er stellt den Kulturkampf in den Vordergrund, die sozioökonomischen Verhältnisse in den USA als Triebfeder des Faschismus blendet er weitgehend aus. Das gilt vor allem für die Verarmung und Prekarisierung nicht unerheblicher Teile der Bevölkerung.
Brinkbäumer begreift den Liberalismus per se als Gegenspieler des Faschismus. Viele seiner Gesprächspartner, die fast alle der arrivierten Mittelschicht angehören, sehnen sich nach den alten USA der Vor-Trump-Ära zurück. Das ist verständlich, aber wenig zielführend: Denn Jahrzehnte einer neoliberalen Politik haben das Vertrauen in die Demokratie erschüttert und so die Grundlage für Trumps Aufstieg geschaffen.
In der MAGA-Welt »jedenfalls gehe es nicht um tatsächliche Arbeit und Leistung, sondern um das nostalgische Erinnern an weiße Dominanz«. Kulturkampf eben. Brinkbäumer lässt sich, wie viele andere Trump-Gegner, auf dieses Terrain drängen.
Er trägt dazu Detailwissen zusammen, das nicht landläufig bekannt ist, etwa im Kapitel über Trumps Entourage: Musk mit seiner Promiskuität, seinem Drogenkonsum, seinem rücksichtslosen Umgang mit Menschen, seinem Hang zur Selbstinszenierung, den er mit Trump teilt. Und im Hintergrund: Peter Thiel, Erfinder von Palantir, Mentor des Vizepräsidenten JD Vance und des Multimilliardärs Elon Musk. Thiel mag ein lausiger Redner sein, aber er ist ein effektiver Strippenzieher. Sein Motto: Freiheit und Demokratie sind nicht vereinbar.
Stark sind auch die Kapitel über die Methoden der Demontage demokratischer Institutionen. Hier warnt Brinkbäumer ausdrücklich vor der Überwachungstechnologie des Palantir-Konzerns, die in den USA großflächig zum Einsatz kommt – nicht nur bei der umstrittenen Einwanderungsbehörde ICE. Leider erwähnt er nicht, dass sie auch hierzulande längst angewendet wird, nämlich von Ermittlungsbehörden in Hessen, Nordrhein-Westfalen und Bayern. Auch in Baden-Württemberg ist ihr Einsatz geplant. Man stelle sich vor, die AfD, die aus ihrer Bewunderung für Trump und seine Politik bis vor kurzem noch keinen Hehl machte, käme in solchen Bundesländern an die Regierung.

Liberale Ratlosigkeit
Die Empörung Brinkbäumers über die heutigen USA verleitet ihn bisweilen zu Redundanzen – so als wollte er nicht glauben, was dort gerade geschieht. »Das Zusammenspiel der Demokratien ist zwingend notwendig und alternativlos«, erklärt er. Seine Alternative bleibt dünn: »Die EU und die NATO, all die genannten internationalen Organisationen sollten, nein: müssen in neuer Entschlossenheit sagen: So, wie wir bisher agiert haben, ist es nicht gut genug, so verlieren wir. Wir brauchen eine neue, radikale Konstruktivität.«
Auch viele US-Intellektuelle, die er getroffen hat, wirken ziemlich ratlos, wenn es um den Weg aus der Misere geht – und hoffen auf Europa. Sich dem Faschismus zu ergeben, ist für sie und Brinkbäumer jedenfalls keine Option.
Eine wichtige Funktion erfüllt sein Buch: Es ist ein diskussionswürdiger Aufruf gegen die Gleichgültigkeit, die er zu Recht als größte Gefahr für die Demokratie betrachtet.

Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen

Folgende HTML-Tags sind erlaubt:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>


Spenden

Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF


Schnupperausgabe

Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.


Kommentare als RSS Feed abonnieren




Enable Notifications OK Nein, Danke.