Wie die lateinamerikanische Linke bekämpft werden soll
von Wolfgang Pomrehn
In Lateinamerika braut sich ein gewaltiger Skandal zusammen, der ein Schlaglicht darauf wirft, wie weit die Regierung in Washington und mit ihr verbundene Kreise zu gehen bereit sind, um Lateinamerika wieder völlig unter eigene Kontrolle zu bekommen und die chinesische Konkurrenz hinauszudrängen.
Ende April/Anfang Mai veröffentlichte das Webportal Hondurasgate.ch – das von der Schweiz aus in Zusammenarbeit mit dem spanischen Fernsehsender Canal Red und dessen Printplattform Diario Red betrieben wird – eine Reihe von Audiomitschnitten aus WhatsApp-, Signal- und Telegram-Chats von Gesprächen zwischen Honduras’ ehemaligen Präsidenten Juan Orlando Hernández, dem derzeitigen Präsidenten des Landes, Nary Asfura, seinem argentinischen Amtskollegen Javier Milei, Mitgliedern der US-amerikanischen und israelischen Regierungen und anderen.
Hernández war in den Vereinigten Staaten wegen Drogenhandels zu 45 Jahren Haft verurteilt, aber im Dezember 2025 von US-Präsident Donald Trump begnadigt worden. Trump hatte seinerzeit wissen lassen, so die Platform peoplesdispatch.org, Hernández’ Verurteilung sei eine Ungerechtigkeit. Die nun veröffentlichten Aufzeichnungen der Kommunikation der US-Regierung mit verschiedenen Akteuren wirft allerdings ein etwas anderes Licht auf den Vorgang. Demnach gibt es offensichtlich einen – unter anderem von der israelischen Regierung und Argentiniens Präsidenten unterstützten – Plan, Hernández 2029 wieder an die Macht zu bringen und die linke Opposition des Landes auszuschalten.
Außerdem wurden Kampagnen gegen den scheidenden kolumbianischen Präsidenten Gustavo Pedro und seine mexikanische Amtskollegin Claudia Sheinbaum verabredet. Diese sind den genannten rechten Regierungen wegen ihrer sozialdemokratischen Politik ein Dorn im Auge. Kolumbien hatte außerdem 2024 seine diplomatischen Beziehungen zu Tel Aviv abgebrochen und gemeinsam mit Südafrika eine wesentliche Rolle dabei gespielt, Israels Völkermord in Gaza vor den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zu bringen.
Sprungbrett Honduras
Äußerungen Hernández’ gegenüber Asfura, die peoplesdispatch.org wie auch andere Quellen wiedergeben, lassen darauf schließen, dass für seine Freilassung Geld aus israelischen und eventuell auch proisraelischen US-amerikanischen Quellen floss. Das Motiv dahinter könnten die traditionell engen Beziehungen Israels zum honduranischen Militär sein, der die langjährige Militärdiktatur keineswegs im Wege stand. Tel Aviv hat eine lange Geschichte enger Beziehungen zu lateinamerikanischen Militärdiktaturen.
Die italienische Webseite Pagine Esteri, sieht das Motiv der Einflussnahme ultrarechter Regierungen auf Honduras darin, es sozusagen – wie einst in den 1970er Jahren – zum Sprungbrett zu machen. Das Land solle als »strategische Enklave zur Rückeroberung der Kontrolle über die Region« genutzt werden, und zwar durch »eine Kombination aus Lawfare, militärischer Kontrolle strategischer Ressourcen, Drogenterrorismus sowie religiöser und medialer Manipulation«.
Im Lande selbst geht es auch um ganz konkrete Vorhaben. Zum Beispiel soll die berüchtigte Zone für Beschäftigung und wirtschaftliche Entwicklung ausgeweitet werden. Bei ihr handelt es sich um eine Art neokoloniale Enklave, die autonom vom multinationalen Kapital, insbesondere dem nordamerikanischen, verwaltet wird. In diesem Gebiet soll auch ein neuer US-Militärstützpunkt errichtet werden.
Des weiteren soll ein neues Gesetz speziell US-amerikanische und israelische Investitionen in künstliche Intelligenz fördern. Auch der Bau eines Mega-Gefängnisses nach dem Vorbild des berüchtigten Centro de Confinamiento del Terrorismo (CECOT) in El Salvador steht auf der Wunschliste – letzteres hat wegen der unmenschlichen Haftbedingungen und über 500 Todesfälle heftige Kritik auf sich gezogen.
Schließlich ist »die Vergabe des Auftrags für den Bau der interozeanischen Eisenbahnstrecke an General Motors« geplant sowie »der exklusive Einkauf von Metallen aus Argentinien und den Vereinigten Staaten, wodurch China und Kanada von dem Geschäft ausgeschlossen werden«, wie Asfura nach Angaben von Pagine Esteri in einer Audioaufnahme gegenüber Hernández verspricht.
Repression und Verleumdung
Um all das durchzusetzen, wird auf gnadenlose Repression gesetzt. Das wird unter anderem an Aufnahmen deutlich, in denen Hernández seinem treuen Gefolgsmann und honduranischen Parlamentspräsidenten, Tomás Zambrano, befiehlt, jede Art von Gewalt anzuwenden, um die Opposition unter Kontrolle zu halten. »In Honduras braucht man Stärke, Logistik und Blut. Wenn man die Leute kontrollieren will, muss man sie unterdrücken, auspressen, man muss Gewalt mit Gewalt bekämpfen … Wie Pablo Escobar* sagte: Sei nicht schwach, sonst schaffst du es nicht, die Arbeit zu Ende zu bringen … Wir werden die Macht nicht aufgeben und alles tun, was nötig ist, um sie zu behalten. Und wenn die Lage eskaliert, muss man den Kommunisten die Schuld geben. Das ist die Erzählung, die wir durchsetzen müssen: Sie sind die Gewalttätigen, die provozieren, wir reagieren nur auf die Angriffe.«
Zum verabredeten Plan gehört auch, religiöse Sekten, insbesondere die evangelikalen Kirchen einzubinden. Gegenüber Zambrano forderte Hernández, die Kirchen müssten auf Linie gebracht werden; sie sollen die Wahrnehmung der Bevölkerung gegenüber der gerade abgewählten progressiven Regierung manipulieren, die bis Januar 2026 regierte und – nach massiven Drohungen aus Washington – von dem ultrarechten Asfura abgelöst wurde. »Wir müssen dafür sorgen, dass die Menschen diese Regierung vergessen und glauben, sie sei eine Katastrophe gewesen. Das ist einer der Wege, die es uns ermöglichen werden, die Regierung fest im Griff zu behalten.«
Mit argentinischem und honduranischem Geld soll ein »Kommunikationsteam« geschaffen werden, das Gegner auf dem ganzen Kontinent ins Visier nimmt. »Es werden Dossiers gegen Mexiko, Kolumbien und vor allem gegen Honduras vorbereitet, in diesem Fall gegen die Familie Zelaya«, erklärte Hernández in einer Audioaufnahme gegenüber dem derzeitigen Präsidenten Nasry Asfura. Manuel Zelaya war von 2006 bis 2009 Präsident von Honduras, seine Gattin Xiomara Castro von 2022 bis 2026.
»Das Muster ist dasselbe wie in den 80er Jahren«, erklärt Bertha Oliva, Koordinatorin des Komitees der Angehörigen verschwundener Häftlinge in Honduras gegenüber Pagine Esteri. »Die Oligarchie und die ultrakonservative Lokalpolitik verbünden sich mit Gleichgesinnten auf internationaler Ebene, um diejenigen zu vernichten, die ihre Interessen gefährden. Es bildet sich erneut eine Drogendiktatur heraus, die mit Unterstützung des Militärs und der Medien die nächsten Jahrzehnte regieren will. Dies kann nur zu Unterdrückung, Kriminalisierung, Exil und Tod führen … Wir erleben gerade sehr schwierige Zeiten und sind besorgt, aber wir dürfen nicht aufhören zu träumen. Die Völker triumphieren am Ende immer, weil sie das Recht auf ihrer Seite haben.«
*»König des Kokains«, berüchtigter kolumbianischer Drogenboss. Er starb 1993.
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