Ein literarischer Apell
von Gerhard Klas
Sandra Weihs: Bemühungspflicht. Frankfurt/M.: FVA, 2025. 248 S., 24 Euro
Die österreichische Schriftstellerin Sandra Weihs hat Sozialhilfeempfänger:innen ein literarisches Denkmal gesetzt und einen packenden Roman geschrieben.
Bemühungspflicht erzählt die Geschichte des langzeitarbeitslosen Manfred Gruber, der sich wegen seiner prekären Lebenslage sogar den Bus spart und mit schmerzenden Füßen durch die Stadt gehen muss. Er begegnet ehemaligen Bekannten, die ihn bewusst ignorieren und damit die soziale Kälte seiner Umgebung sichtbar machen.
Die Autorin lässt ihre Figuren aus der Ich-Perspektive sprechen und eröffnet so auch Einblicke in das Denken der Nachbarn und von Grubers Sachbearbeiterin im Sozialamt, die selbst unter privatem und beruflichem Druck steht und nicht als Gegenspielerin, sondern als Mitgefangene eines Systems erscheint, das Härte verlangt, wo eigentlich Empathie nötig wäre.
Grubers Erlebnisse mit Behörden und potenziellen Arbeitgebern sind geprägt von absurden Anforderungen und Missverständnissen. Die technokratische Sprache kommt vermeintlich neutral daher und verschleiert, wie wenig die realen Arbeitsangebote für ihn geeignet sind: Was bei uns »Mitwirkungspflicht« heißt, ist in Österreich die »Bemühungspflicht«.
Eine besonders belastende Probearbeit in der Verpackungsindustrie sowie widersprüchliche medizinische Gutachten verdeutlichen Grubers aussichtslose Lage. In einem Schreiben an das Amt kritisiert er, nicht er, sondern gewinnorientierte Unternehmen würden versagen, wenn sie Menschen wie ihn nicht einstellen wollen.
Sandra Weihs zeichnet ein eindringliches Bild von sozialer Ausgrenzung, institutioneller Härte und persönlicher Verzweiflung. Sie geht dabei bis an die Schmerzgrenze. Mit ihrem Roman gibt sie Sozialleistungsbeziehenden etwas zurück, das ihnen im öffentlichen Diskurs nur allzu oft abgesprochen wird: ihre Würde.
Bemühungspflicht ist ein literarischer Appell und ein mit Ironie auf unsere Gesellschaft gespicktes Drama, das niemanden kaltlassen kann.
Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen
Spenden
Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF
Schnupperausgabe
Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.
Kommentare als RSS Feed abonnieren