Film und Repression: Die unhaltbaren Haftbedingungen für Maja T. in Ungarn
von Marina Hoffmann
Am 12.Februar treffen sich jährlich zahlreiche Neonazis in Budapest, um den »Tag der Ehre« zu begehen. Sie kommen in Tarnkleidung, vermummt oder verkleidet in Uniformen der Wehrmacht. Die Vorbilder sind offensichtlich: Diese Menschen wollen Nazis sein.
Am 12.Februar 1945 versuchten Nazis und ihre ungarischen Verbündeten aus einem Gefängnis der roten Armee in Budapest zu entkommen. Der »Tag der Ehre« ist mit das größte Vernetzungstreffen europäischer Rechter.
Bei der geschichtsrevisionistischen Veranstaltung, die Waffen-SS und Wehrmacht verherrlicht, kommt es 2023 zu Angriffen auf Neonazis. Im Verdacht: eine Gruppe europäischer Linker. Unter anderem wird Maja T. in Deutschland verhaftet und bei einer Nacht-und-Nebel-Aktion widerrechtlich nach Ungarn ausgeliefert, wo sie bis heute unter menschenrechtsverletzenden Bedingungen in Haft sitzt (siehe SoZ 2/26).
Als nichtbinäre Person ist Maja T. im queerfeindlichen Ungarn besonders bedroht. Ein Hoffnungsschimmer könnte Ungarns neuer Ministerpräsident Péter Magyar sein, der in seiner Antrittsrede von einem »Systemwechsel« spricht. Doch wie und wann sich etwas ändert, bleibt abzuwarten.
Extracts from the trials
Am 30.6. war das Dunya Collective mit der ungarischen Journalistin und Regisseurin Marta Massa in Köln, um die Kurzdokumentation Maja T.: Extracts from the trials zu zeigen.
Bei der ersten Gerichtsverhandlung sind Blood-and-Honor-Neonazis anwesend. Sie folgen der Familie der Angeklagten, fotografieren und filmen sie, um diese Bilder und Videos auf Telegram zu posten und die Familie zum Angriff freizugeben. Unbehelligt von Polizei und Gericht.
Maja drohen bis zu 24 Jahre Haft. Verwertbare Zeugenaussagen gibt es nicht. Der Angegriffene ging nach zwei Schlägen zu Boden. Alles was die Anklage vorzuweisen hat, ist ein Video, in dem eine Person von links nach rechts geht. Das war’s. Dennoch sitzt Maja seit zwei Jahren im ungarischen Gefängnis.
Von Beginn an sitzt sie in Isolationshaft, kann sich selten bewegen, muss sich jeden Tag vor den Wachleuten ausziehen und körperliche Gewalt befürchten. Da Maja sich an einem Tag nicht komplett ausziehen will, muss sie 45 Minuten lang Schmerzgriffe ertragen und danach mit Handschellen im Gang warten. Der Wächter, der ihr die Schmerzgriffe angetan hat, bringt sie immer noch nach unten, wenn sie raus darf.
Sie ist täglich 22 Stunden lang allein, darf nur für eine Stunde auf den Hof und verbringt ihre Zeit damit zu schreiben, zu meditieren und zu lernen. Sie schreibt Gedichte und Texte. Einen Gastkommentar in der Taz über die Verhältnisse im Gefängnis Nagy-ignac-utca: »Die Hölle in der Hölle.« Dabei wird sie durchgängig von einer Kamera beobachtet. In dem weißen Raum soll sie sich von sich selbst trennen.
Sie kämpft, indem sie schreibt, nicht nur für sich, sie analysiert und versucht das ungarische (Gefängnis-)
System zu verstehen. Jetzt hat sie endlich eine Schreibmaschine. Ihre Familie darf sie zwei Stunden besuchen, zusätzlich darf sie 80 Minuten skypen. Pro Monat. Ihr wird angedroht, sogar diese spärlichen Möglichkeiten einzuschränken und zwei Jahre Kontaktverbot zu verhängen.
Die Verteidigung versucht, einen Hausarrest zu erwirken, die erste angemietete Wohnung wird mit fadenscheiniger Begründung abgelehnt, also wird eine zweite gemietet. Bisher nichts. Auch ihr Hungerstreik hat nichts bewirkt, nach 40 Tagen beendet sie ihn.
Laut eigener Aussage befindet sich Maja in einem Limbo, in dem sie ständig warten muss. Aktuell wartet sie auf den zweiten Anlauf der Gerichtsverhandlungen mit einem neuen Richter, der diesen Herbst stattfinden soll. Dadurch könnte sich alles ändern.
Das Kino
Vor der Filmvorführung in der Filmpalette am Eigelstein war ich Zeugin einer unschönen Szene. Als ich an der Kasse stand, hörte ich hinter mir einen Streit. Dann ging alles ganz schnell. Eine junge Person hatte Eis im Gesicht und ein Mann ging weg. Nach einem kurzen Schockmoment rief sie ihm hinterher. Als der Mann loslief, lief auch sie. Es blieb gerade genug Zeit für einen Blickaustausch und dann lief auch ich mit einer größeren Gruppe junger Menschen, die auch in den Film wollten.
Die beiden hatten angehalten und stritten weiter, der Mann versuchte erneut zu entkommen, aber ein Passant hielt ihn fest, bis die Polizei da war. Die meisten von uns standen nur dabei, manche wurden befragt. Der Mann hatte der jungen Frau ihren Becher ins Gesicht geschlagen, nachdem sie ihn beleidigt hatte, weil er sie nicht in Ruhe lassen wollte. Wir konnten nur danebenstehen, den Streit eindämmen und da sein. Was danach passierte, weiß ich nicht.
Solidarität
Am gleichen Ort zu einer anderen Zeit saß ich wieder vor dem Kino, als ein junger Obdachloser vorbeikam, den ich schon einmal gesehen hatte. Er fragte nach etwas Geld und erzählte dann, dass er es für eine Karte bräuchte. Er würde jetzt abgeschoben und müsse die Reise nach Syrien selbst bezahlen. Sieben Jahre war er in Deutschland. Er hatte die Sprache gelernt und dann zwei Jahre lang Pech gehabt. Jetzt müsse er weg.
Ich habe getan, was ich konnte. Das ist Solidarität, oder nicht? Tun was möglich ist, solange es nicht zu weit aus der Komfortzone führt. Aber ist das wirklich alles? Ich bin froh, etwas getan zu haben, aber am Ende hatte ich zu wenig Möglichkeiten.
Auf der anderen Seite sind überengagierte Immer-Besorgte auch keine große Hilfe, nein, Solidarität muss sich nach den Betroffenen richten und signalisiert vielleicht simpel eine Bereitschaft, etwas zu tun. Ein Hilfsangebot, das die Betroffenen einschließt, ohne sie zu paternalisieren.
Solidarität ist ein Spektrum von einfachen Bekundungen, die ihre Wirkung bei persönlichen Beziehungen oder einer großen Reichweite besonders gut entfalten, bis hin zu aktiver Hilfe. Dabei hilft es, informiert zu bleiben. Nicht nur für die Diskussionen im Bekanntenkreis, sondern weil so die Themen und Forderungen in den Köpfen bleiben.
Solidarität ist gerade so wichtig, weil ich Solidarität mit allen unterdrückten, marginalisierten, leidenden, kurzum: allen Menschen haben kann, die Hilfe brauchen. Ob ich sie persönlich kenne oder vor einem Kino treffe, ob sie zu Unrecht im Gefängnis sitzen oder nicht in einem Land bleiben dürfen, in dem sie nicht geboren wurden.
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