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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 02/2018 |

Eine neue Studie über die Kriminalität von Geflüchteten

Warnung vor der Verfestigung von Vorurteilen
von Rolf Euler

Gewalttaten geflüchteter junger Männer kommen in der Kriminalstatistik häufiger vor, weil sie häufiger angezeigt werden.

Anfang des Jahres machten Schlagzeilen die Runde, männliche und jugendliche Asylbewerber würden häufiger in der Polizeistatistik über Gewalttaten auftauchen als andere Jugendliche. Es lohnt sich, nach den Erfahrungen mit der Ausschlachtung der Kölner Silvesterereignisse die Studie genau zu lesen, da daraus leicht reaktionäre politische Schlussfolgerungen gezogen werden. «Genauer hinschauen» titelt selbst die sonst eher konservative Lokalpresse. Aber wer liest schon eine soziologische Studie von hundert Seiten außer denen, die mit Flüchtenden selber praktisch zu tun haben?

Die Studie wurde an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften vom bekannten Kriminologen Christian Pfeiffer zusammen mit anderen im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend verfasst.

 

Jugendliche Gewalt

Die Zahlen über jugendliche Gewaltkriminalität wurden vor allem in Niedersachsen, aber auch im Bundesgebiet über einen längeren Zeitraum erhoben und nach den Herkunftsländern aufgeschlüsselt. Die Zahlen stammen einerseits aus der Polizeistatistik, betreffen also Fälle, die angezeigt und einer oder einem Verdächtigen zugeordnet werden können – wohlgemerkt, eine Aussage über verurteilte Taten ist daraus nicht möglich. Das nennen Wissenschaftler Taten im «Hellfeld».

Andererseits stammen die Zahlen aus Befragungen von Jugendlichen an Schulen in Niedersachsen, deren Angaben über Gewalterfahrungen und ihre Bereitschaft, diese anzuzeigen, mehrere Jahre hindurch erfasst wurden. Das ist das sogenannte «Dunkelfeld», weil daraus nur vorsichtige Rückschlüsse auf die tatsächliche Menge der Straftaten und ihre Erhebung durch die Polizei gezogen werden können, wenngleich hier Parallelen gefunden wurden.

Die Statistiken aus beiden Bereichen zeigen von den 90er Jahren bis 2007 einen Anstieg, danach einen deutlichen Rückgang der Jugendkriminalität in den Bereichen Raub, Tötungsdelikte, sexuelle Straftaten und Körperverletzung. Über einen Zeitraum von rund 30 Jahren sind die Zahlen insbesondere bei Tötungsdelikten und Gewalt, gerade auch gegen Kinder, stark rückläufig – das ist deshalb wichtig, weil die ebenfalls in der Studie erfasste «Meinung der Bevölkerung» das genaue Gegenteil annimmt.

Der besondere Schwerpunkt der Studie liegt aber auf den Jahren 2015 und 2016. In diesem Zeitraum weisen alle Bereiche der in der Polizeistatistik erfassten Gewaltkriminalität im Bundesgebiet einen Anstieg auf – nachdem 2014 der niedrigste Stand erreicht war. Aber auch die neuen Werte bleiben immer noch deutlich unter dem Höchststand von 2007.

 

Selektive Anzeigen

Die Studie stellt einen Zusammenhang zum Anstieg der Zuwanderung durch Flucht und Asylbewerber her, das erbringt die Erfassung von Tatverdächtigen in Niedersachsen nach Herkunftsländern. Die Formulierung ist relativ vorsichtig:

«Auch wenn die Belastungszahlen der Jahre 2015 und 2016 zu den nichtdeutschen Jugendlichen nur Schätzwerte darstellen, da nicht mit Sicherheit bekannt ist, wie sich im Zuge des Zuzugs von Flüchtlingen die Bevölkerungszahlen entwickelt haben, so belegen die Daten der Kriminalstatistik, dass der Anstieg der Gewaltkriminalität primär die nichtdeutschen Jugendlichen betrifft und mit der Zuwanderung von Flüchtlingen zusammenfällt.»

Die Studie verweist darauf, dass obwohl deutlich mehr nordafrikanische Asylbewerber in der Kriminalitätsstatistik auftauchen, als ihrem Anteil an den Geflüchteten oder an der jugendlichen Bevölkerung entspricht, doch über 90 Prozent dieser Menschen nicht straffällig werden. Deutlich heißt es dazu:

«Zudem zeigt sich, dass deutsche Täter nur halb so häufig mit einer Anzeige rechnen müssen wie Täter mit Migrationshintergrund. In der niedersachsenweiten Schülerbefragung 2015 zeigt sich hierzu bspw. Folgendes: Die geringste Anzeigerate ist zu beobachten, wenn ein deutsches Opfer auf einen deutschen Täter trifft (13%). In der Konstellation ‹deutsches Opfer – Täter mit Migrationshintergrund› liegt die Anzeigerate mit 27,2% hingegen am höchsten.»

Das heißt, allein aufgrund der Tatsache, dass Straftaten ausländischer Jugendlicher häufiger angezeigt werden, weist die Polizeistatistik eine höhere Rate an ausländischen Verdächtigen auf!

Die Studie betrachtet ausführlich die Entwicklung von Gewaltkriminalität gegenüber Kindern, Frauen oder in der Schule. Sie bezieht dabei auch die neueren Formen von Cyberstraftaten ein. Ein besonderer Teil aber widmet sich der erfassten Gewalt unter Flüchtenden, auf der Basis von Zahlen aus Niedersachsen.

 

Verzerrte Darstellung

Es lohnt sich nachzulesen, wie die Studie die sozialen, kulturellen und schulischen Benachteiligungen von ausländischen Jugendlichen erfasst und daraus Erklärungen zur Kriminalität ableitet, die bewusste Menschen kennen sollten.

Was bedeuten etwa der Entzug von Perspektiven durch ein Asylverfahren, das vor allem Nordafrikanern keine Bleibe erlaubt, die tägliche Langeweile in den Unterkünften ohne Kurse, Arbeit oder familiäre Kontakte? Hierzu heißt es in der Studie:

«In den ersten Monaten nach der Ankunft in einem fremden Land verhalten sich Flüchtlinge ganz überwiegend angepasst und sind erleichtert, dass sie nach einer sie oft sehr belastenden Flucht in Sicherheit leben können und mit dem Nötigsten versorgt werden. Erst allmählich wachsen bei ihnen danach mit steigender Aufenthaltsdauer die Ansprüche an die Gestaltung des eigenen Lebens. Doch über lange Zeit hinweg stehen diesen Wünschen noch nicht die Chancen gegenüber, sie aus eigener Kraft zu realisieren. Aus der so entstehenden Frustration über die mangelnde Selbstwirksamkeit kann sich dann bei einem Teil von ihnen eine aggressive Grundhaltung entwickeln, die zu Gewaltkriminalität führen kann.»

«Die große Mehrheit der männlichen Jugendlichen und jungen Männer, die im Verlauf der letzten beiden Jahre als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind, lebt hier ohne Partnerinnen, Mütter, Schwestern oder andere weibliche Bezugspersonen in reinen Männergruppen. Die gewaltpräventive, zivilisatorische Wirkung, die von Frauen ausgeht, kommt dadurch weniger zum Tragen, während einem anderen Faktor größeres Gewicht zukommen kann: die Orientierung an gewaltlegitimierenden Männlichkeitsnormen. Hinzu kommt ein Aspekt, der sehr zu beachten ist, wenn die Zahlen von polizeilich registrierten Tatverdächtigen den zentralen Ausgangspunkt einer Kriminalitätsanalyse bilden. Sie beruhen nun einmal primär auf der Anzeigebereitschaft der Opfer. Diese aber wird offenbar stark von der ethnischen Zugehörigkeit des jeweiligen Täters beeinflusst. Am Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachen (KFN) wiederholt durchgeführte Opferbefragungen haben hierzu ein Grundmuster bestätigt: Je fremder der Täter ist, umso eher wird angezeigt.»

In der Studie wird erklärt:

«Bei Zugrundelegung dieser Befunde und Einschätzungen ist deshalb davon auszugehen, dass Gewaltdelikte von Flüchtlingen im Vergleich zu denen von deutschen Tätern mindestens doppelt so oft angezeigt werden und dadurch eine entsprechend erhöhte Sichtbarkeit erreichen. Das verdient schon deshalb Beachtung, weil die aus den schlichten Tatverdächtigenzahlen entstehenden Fehleinschätzungen dazu missbraucht werden können, die Ängste vor Flüchtlingen zu schüren und die Ausländerfeindlichkeit zu erhöhen. Medien und Politik sollten deshalb stets auf diesen Verzerrungsfaktor hinweisen, wenn die Gewaltkriminalität der Flüchtlinge thematisiert wird.»

Die Wissenschaftler verweisen auf die Alters- und Geschlechtszusammensetzung der Geflüchteten, sowie die erfahrene «Akzeptanz gewaltlegitimierender Männernormen» bei geflüchteten Männern und die erfahrene Zurückweisung ihrer Aufenthaltsperspektiven.

 

Prävention gegen Gewalt unter Flüchtlingen

Zusätzlich zur Auswertung von Polizeistatistiken und Befragungen hat das Kriminologische Forschungsinstitut einen Workshop mit in der Flüchtlingsarbeit Tätigen durchgeführt, um die Probleme, aber auch die Prävention und Besserung der Bedingungen zu erfassen. Von der Empfängergesellschaft zu verändernde Umstände sind der positive Einfluss von Tätigkeitsangeboten, Familiennachzug und Unterbringung in entzerrten Unterkünften. Hinzu kommen eine bessere Betreuung vor allem von minderjährigen Flüchtlingen, die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum, Arbeitsvermittlung von Flüchtlingen mit längerem Aufenthalt. Es heißt auch:

«Flüchtlinge waren teilweise im Krieg oder während der Flucht traumatischen Belastungen ausgesetzt, die zu erheblichen Verhaltensproblemen führen können. Es mangelt jedoch an Therapieplätzen sowie an kompetenten Dolmetschern, die durch eine differenzierte Übersetzung die Kommunikation über die erlebten Traumata ermöglichen könnten.»

Wenn Geflüchteten also eine menschliche und solidarische Perspektive gegeben werden soll, heißt das auch, dass damit Prävention gegen gewalttätige Konflikte geschaffen wird. Konflikte, die sich übrigens zum einem erheblichen Teil unter den Geflüchteten selber abspielen, gerade wegen der mangelhaften Zustände in den Unterkünften.

Die Studie stellt auch fest, dass für die Beurteilung von Flüchtlingskriminalität genauso wie bei der allgemeinen Kriminalität von den polizeilichen Zahlen allein nicht ausgegangen werden kann, weil viel weniger Tatverdächtige angeklagt und noch weniger verurteilt werden:

«Legt man diesen Befund zugrunde, zeigt sich selbst für die besondere Gruppe von Flüchtlingen aus nordafrikanischen Ländern, die unter äußerst schwierigen sozialen Bedingungen in Niedersachsen leben, dass im vergangenen Jahr ca. 91 bis 93% von ihnen keinen Anlass dazu gegeben haben, sie nach einer Verurteilung wegen einer Gewalttat sofort auszuweisen. Für die große Mehrheit von ihnen gilt zudem, dass sie es offenkundig schaffen, ihr Leben ohne solche Delikte zu gestalten – und dies obwohl gegen sie seit der Kölner Silvesternacht schnell ein Generalverdacht laut wird, wonach die damals als ‹Nafris› bezeichnete Personengruppe extrem gefährlich sei. Medienvertreter, gesellschaftliche Gruppierungen und auch Behörden sollten sich deshalb bewusst sein, dass eine derartige Stigmatisierung eine gefährliche Eigendynamik entfaltet. Sie trägt dazu bei, die Spielräume der betroffenen Personen, sich legal zu verhalten, deutlich zu reduzieren.»

«Die isolierte Darstellung solcher Tatverdächtigenzahlen erscheint dagegen geeignet, die Ängste vor den Fremden zu steigern, Vorurteile zu verfestigen und die Bereitschaft zum zivilgesellschaftlichen Engagement für die Integration von Flüchtlingen zu verringern.»

Wer nicht in die Fallen der rechten Meinungsmacher tappen will, ist auf solche differenzierenden Analysen und Beurteilungen der Polizeistatistiken angewiesen. Die Studie aus Niedersachsen liefert Material und Vorschläge zur Verbesserung.

 

www.bmfsfj.de/blob/121226/0509c2c7fc392aa88766bdfaeaf9d39b/gutachten-zur-entwicklung-der-gewalt-in-deutschland-data.pdf.


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