Saudi-Arabien kann kein Öl mehr exportieren
von Martin Orange
Nachdem Saudi-Arabien die Kontrolle über die Meerenge von Bab el-Mandeb verloren und die Öltransporte durchs Rote Meer ausgesetzt hat, verschwindet der zweitgrößte Ölproduzent der Welt praktisch vom Ölmarkt. Die Risiken einer schweren Energiekrise sind real.
Innerhalb weniger Tage haben die Houthi-Rebellen ihre Angriffe auf die saudischen Ölanlagen und Interessen verstärkt und den Hafen von Mokha sowie Inseln und Küstengebiete eingenommen, die ihnen die Kontrolle über die zweitwichtigste Seeverkehrsroute für den Ölexport aus dem Persischen Golf ermöglichen. Über diese Route konnten die saudischen Öllieferungen bisher der iranischen Blockade der Straße von Hormus ausweichen. Der saudischen Armee, der die Unterstützung der USA fehlte, gelang es nicht, diese Offensive aufzuhalten.
Gleichzeitig hat der Iran die Drohnenangriffe auf die Ost-West-Pipeline verstärkt, die es Riad ermöglichen soll, sein Öl auf dem Landweg zum Roten Meer zu transportieren. Das saudische Königreich hat am 11.September die Schließung dieser Pipeline angekündigt, durch die seit Beginn des Krieges täglich rund 4,5 Millionen Barrel flossen.
Das iranische Regime hätte sich nichts Besseres wünschen können. Es hält nun fast alle Trümpfe in der Hand, die es ihm ermöglichen, die Karte der Ölwaffe in vollem Umfang auszuspielen. Zusammen mit seinen Houthi-Verbündeten kontrolliert es die beiden wichtigsten Seewege für den Ölexport der Region, über die etwa 30–35 Prozent der weltweiten Ölexporte, insbesondere nach Asien, transportiert werden. Mit der Versorgung der Welt mit Öl verlieren Saudi-Arabien und seine Verbündeten, aber auch die USA, die regionale Macht am Golf.
Märkte unter Hochspannung
Die Kontrolle über die Meerenge von Bab el-Mandeb durch die Houthi hat die Energiemärkte unter hohe Spannung gesetzt. Der Preis für ein Barrel Brent überschritt die Marke von 110 Dollar. Der West Texas Intermediate, WTI, die Öl-Referenz auf dem US-Markt, hat die symbolische Schwelle von 100 Dollar pro Barrel überschritten.
Doch der Kampf spielt sich vor allem bei den Raffinerieprodukten ab. Die Preise für Diesel und Benzin sind explodiert: Diesel hat in den USA mittlerweile das Allzeithoch von sechs Dollar pro Gallone überschritten – in Kalifornien sogar mehr als neun Dollar. Im Wahlkampf hatte Donald Trump versprochen, den Benzinpreis zu senken, nun ist dieser seit Beginn des Krieges gegen den Iran um mehr als 70 Prozent gestiegen. Er ist derzeit Hauptthema Wahlkampf.
In Frankreich erreichen die Benzin- und Dieselpreise über 2,20 Euro pro Liter, in Deutschland jeweils um die 2,44 bzw. 2,46 Euro pro Liter (Stand 14.9.).
Angesichts der Entwicklung des Krieges dürfte dies nur eine Zwischenetappe sein. Die Internationale Energieagentur (IEA) schreibt in ihrem jüngsten Bericht, dass sie nicht mehr an die Wiederöffnung der Straße von Hormus in diesem Jahr glaubt. Die meisten Anleger haben in aller Eile alle ihre Positionen aufgelöst, die auf einen Rückgang des Rohölpreises in den kommenden Wochen wetteten. Es ist deutlich, dass die USA sich in einer strategischen Sackgasse befinden.
Der Krieg hat die Golfstaaten finanziell in Bedrängnis gebracht: Zum ersten Mal verzeichnet Katar ein Defizit und Saudi-Arabien steckt in einer Rezession. Deshalb haben die Golfstaaten über das Sultanat Oman ein Dringlichkeitstreffen mit dem iranischen Regime beantragt, um über die Wiederöffnung der Straße von Hormus zu sprechen.
Die Forderungen Teherans sind klar: Es will gemeinsam mit Oman die Kontrolle über die Straße ausüben, die derzeit von den US-Streitkräften blockiert wird, und will sein Öl frei verkaufen können. »Wenn wir unser Öl nicht verkaufen können, wird es auch kein anderes Land am Golf können«, haben die Revolutionsgarden, die in Teheran die Macht innehaben, mehrfach erklärt. Die Chancen, einen Kompromiss zu finden, sind also minimal.
Denn der Schlüssel zu einer Einigung liegt im Weißen Haus. Mit dem Rücken zur Wand ist Donald Trump keinen Zoll von seiner Position abgewichen. Da er jegliche militärische Offensive außer Luft- und Seeschlägen ausschließt, setzt er auf die langsame finanzielle Erdrosselung des Iran.
Das iranische Regime seinerseits ist entschlossen, aus dieser Zwangslage auszubrechen, und setzt seine Offensive fort. indem es systematisch Produktionskapazitäten und Transportinfrastruktur seiner Nachbarn zerstört. Bevor sie die saudische Pipeline ins Visier nahmen, hatten die iranischen Streitkräfte irakische Pipelines zerstört, auf die der Irak setzt, um sein Öl mit Unterstützung der USA nach Syrien zu transportieren.
Das Angebot wird von Tag zu Tag knapper
Wieviel Produktionskapazität wurde in den letzten sechs Monaten zerstört? Man weiß es nicht. Die Zahlen gelten auf beiden Seiten als militärisches Geheimnis. Welche Mengen an Erdölprodukten haben im gleichen Zeitraum die Straße von Hormus passieren können? Auch darüber herrscht Stillschweigen.
Um den Angriffen zu entgehen, hat sich eine ganze Schattenflotte gebildet, die die Ladungen in sicherere Gewässer transportieren soll, es handelt sich jedoch nur um einen winzigen Bruchteil der Vorkriegsexporte. Und die US-Regierung hat alle privaten Unternehmen, die den Schiffsverkehr per Satellit verfolgen, aufgefordert, keine Informationen mehr über den Schiffsverkehr im Persischen Golf herauszugeben.
Das Ölangebot sinkt von Tag zu Tag. Laut Angaben der Internationalen Energieagentur sank die weltweite Ölförderung im August auf knapp unter 100 Millionen Barrel pro Tag (106 Millionen pro Tag 2025). Allein in Saudi-Arabien sank die Produktion im August um 2,3 Millionen auf 6 Millionen Barrel pro Tag. Gleichzeitig verzeichnete Russland wegen der ukrainischen Angriffe einen Rückgang seiner Produktion um 440000 Barrel pro Tag. Und das war vor den neuen Angriffen der Houthis auf die saudischen Produktions- und Transportanlagen
Die anderen Förderländer haben zwar ihre Produktion gesteigert, sind aber nicht in der Lage, das Angebot aus dem Nahen Osten zu ersetzen, vor allem nicht das Saudi-Arabiens.
Countdown für die strategischen Reserven der USA
Wenn in den ersten sechs Monaten des Krieges gegen den Iran die Kluft zwischen dem weltweiten Angebot und der Nachfrage weitgehend verdeckt wurde, lag dies vor allem an den weltweiten strategischen Reserven. Seit Beginn des Konflikts wurden laut IEA rund 320 Millionen Barrel aus diesen Vorräten freigegeben und auf den Markt gebracht.
Doch die Vorräte gehen zur Neige. Im August wurden nur noch 20 Millionen Barrel freigegeben, im Mai waren es noch 80 Millionen gewesen. Die USA haben seit März mehr als 100 Millionen Barrel aus ihren strategischen Reserven entnommen, um den Preisanstieg einzudämmen – sie sind auf dem niedrigsten Stand seit dreißig Jahren und belaufen sich nur noch auf knapp 250 Millionen Barrel. Der Großteil dieser Reserven wurde an Raffinerien umgeleitet, um Benzin und Diesel zu produzieren, in der Hoffnung, die Preise an den Tankstellen in Grenzen zu halten und den amerikanischen Haushalten die Kosten eines unpopulären Krieges zu ersparen.
Ein gefährlicher Countdown hat begonnen, und das ist dem iranischen Regime sicher nicht entgangen. Nach Meinung von Erdölexperten bleiben der US-Regierung nur noch wenige Tage, bestenfalls zwei bis drei Wochen, bis die strategischen Vorräte die kritische Schwelle von 243 Millionen Barrel erreichen. Unterhalb dieser Schwelle drohen bestimmte Lagerkapazitäten, bei denen es sich oft um ehemalige Salzbergwerke handelt, aus physikalischen und geologischen Gründen Schaden zu nehmen. In jedem Fall bedarf es einer Genehmigung des Kongresses, um darauf zurückgreifen zu können. Die Regierung droht somit ein wichtiges Instrument zum ungünstigsten Zeitpunkt zu verlieren, kurz vor den Zwischenwahlen.
Dasselbe trifft übrigens auf China zu. Zu Beginn des Konflikts verfügte China über sehr hohe Vorräte – Schätzungen zufolge (die Zahlen werden von der chinesischen Regierung als geheim eingestuft) über 300 Millionen Barrel. Sie haben es dem Land ermöglicht, seine Wirtschaft in den ersten Monaten des Konflikts zu schützen und sogar eine stabilisierende Rolle auf den Ölmärkten zu spielen: Sein Rückzug vom Markt als weltweit größter Ölimporteur trug dazu bei, die Preise in Schach zu halten.
Doch auch hier gehen die Vorräte zurück. Seit August importieren die chinesischen Raffinerien wieder massiv Öl, laut Nikkei Asia durchschnittlich zwischen 8 und 9 Millionen Barrel pro Tag. Die Unmöglichkeit, wegen der US-Blockade iranisches Öl zu kaufen, das Versiegen der venezolanischen Lieferungen (für die China der Regierung Maduro viel Geld geliehen hat) seit der Machtübernahme dort durch den Trump-Clan und nun die Gefährdung der saudischen Lieferungen werden das Land unweigerlich auf den Ölmarkt zurückführen – und das zum ungünstigsten Zeitpunkt.
Während das Öl überall knapp wird, verschärft sich der Kampf um jede noch so kleine Ladung und um den Preis. Auf den Märkten für Raffinerieprodukte (Diesel, Benzin, Kerosin) findet er bereits statt. […]
Der Beitrag wurde für die französische Online-Zeitung Mediapart geschrieben. Wiedergabe in Auszügen mit freundlicher Genehmigung der Autorin.
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