An den Rand notiert
von Rolf Euler
Am Ende des letzten Jahres kündigten große Unternehmen den Abbau von tausenden Arbeitsplätzen an – Siemens, Ford, Zalando usw. Es ist fast wie vor vielen Jahren, mit dem Unterschied, dass die Unternehmen auf der anderen Seite Facharbeiter dringend suchen.
Vor 30 Jahren drohte im Ruhrgebiet ebenfalls eine Entlassungswelle im Steinkohlenbergbau. Zeit, sich an die großen Demonstrationen 1996/1997 zu erinnern, die ihren Höhepunkt in einer Menschenkette von Duisburg bis Dortmund quer durchs Revier mit rund 100.000 Teilnehmenden hatte. Die Bevölkerung solidarisierte sich mit den Bergleuten, die damals noch auf vielen Bergwerken tätig war, unter der Parole: »Stirbt die Zeche, stirbt die Stadt!« Das galt vor allem für die nördlichen Städte im Revier, Gelsenkirchen, Herten, Gladbeck, Bottrop, Recklinghausen, Bergkamen.
Damals gab es eine schwarz-gelbe Koalition mit Kohl an der Spitze, die FDP stellte die Wirtschaftsminister, deren Namen den damaligen Bergleuten wohl vertraut waren: Bangemann, Hausmann, Möllemann waren die »Zechenkiller«. Denen ging die Stilllegung von Bergwerken gar nicht schnell genug.
Beim »Marsch auf Bonn« gab es Autobahnsperrungen durch die Bergleute der Zechen »Ewald« und »Hugo«, ohne dass es einen Aufstand von Autofahrenden gab. Es gab das Foto des Bergmanns, der sein »letztes Hemd« an den Zaun des Kanzleramts in Bonn hing – es war in allen Zeitungen. Zwei Steiger des Bergwerks »General Blumenthal« marschierten zu Fuß von Recklinghausen nach Bonn.
Diese Geschichten haben sich damals tief eingeprägt. Solidaritätsveranstaltungen und auch Gottesdienste, Demonstrationen mit Politprominenz waren eindrucksvolle Ereignisse, deren Wirkung langsam verblasst mit der Zeit.
Erinnert sei deshalb daran, weil diese große traditionelle Bewegung doch dazu führte, dass das letzte Steinkohlenbergwerk im Ruhrgebiet »erst« 2018 geschlossen wurde. Und weil ein damals einmaliges »Anpassungsprogramm« den sozialen Frieden im Revier für die Betroffenen einigermaßen aufrecht hielt.
Die Altersgrenze für langjährig unter Tage tätige Bergleute – vorher 55 Jahre – wurde auf 50 Jahre herabgesetzt, die verbleibenden fünf Jahre wurden mit staatlichem und werksseitigem Anpassungsgeld überbrückt. Mit dieser Maßnahme konnten bei Stilllegungen jüngere Bergleute auf die anderen Bergwerke verlegt werden, ihre Förderung blieb aufrechterhalten, während ältere Bergleute sowohl auf den schließenden als auch auf den aufnehmenden Anlagen in den Vorruhestand gingen.
Die Folgen für den Arbeitsmarkt, die städtischen Finanzen und die soziale Lage in den betroffenen Revierstädten waren trotz der sozialen Absicherung der Bergleute zunehmend prekär.
Das »Anpassungsgeld« und die damit praktisch verbundene Arbeitszeitverkürzung waren zeitweise wirkende Maßnahmen, die heute vorbildlich erscheinen angesichts der rückwärts gerichteten politischen Forderungen. Und angesichts der Wahlergebnisse in den betroffenen Städten, wo auch in ehemaligen Bergarbeitervierteln die AfD-Wahlergebnisse besorgniserregende Höhen erreichen.
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