Ein Zukunftsszenario
von Gerhard Klas
Justus Bender: Deutschland 2033. Ein Szenario. München: C.H.Beck, 2026. 284 S., 20 Euro
2033, Deutschland hat gewählt. 100 Jahre nach der Machtergreifung Adolf Hitlers regiert eine Koalition aus AfD und CDU.
Julius Bender, stellvertretender Politik-Chef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und Dauerbeobachter der AfD, geht der Frage nach, wie es dazu kommen konnte und welche Rolle das Internet dabei spielt. Julia Klöckner läuft mit Tränen in den Augen durch die Gänge des Reichstags.
Bei Julius Bender führt noch Jens Spahn die Koalitionsverhandlungen. Hans Georg Maaßen wird Generalbundesanwalt und Alice Weidel Kanzlerin. Es war kein Putsch. Es ist eine gewählte Koalition mit einem Regierungsprogramm.
Das Programm wirke auf viele Bürger nicht so verheerend, meint Bender. Jahrelang sei über eine AfD-Regierung geredet worden, »als würde sie eine nationalsozialistische Diktatur bedeuten«. Aber nun bekenne sich die Regierung zum Rechtsstaat. Es gebe keinen Austritt aus EU oder NATO und der Euro bleibe Währung. »Den ganzen Wahlkampf über hatten AfD-Gegner gesagt, Deutschland werde untergehen, wenn die AfD regiert, weil die Volkswirtschaft ohne den Euro und den europäischen Binnenmarkt kollabiert. Nun passiert das alles nicht. Das ist erleichternd für viele«, schreibt Bender.
Schleichende Normalisierung
Aber der FAZ-Redakteur will keine Entwarnung geben – er beschreibt, wie Behörden und Ministerien unaufhaltsam umgebaut werden, die Medien gleichgeschaltet, die Erinnerungskultur umgedeutet und Gewalt zum Normalzustand wird – unter anderem in den Lagern für Asylbewerber.
»In einem Abschiebezentrum in Bayern werden zwei Insassen erschossen«, beschreibt Bender die Situation unter der neuen Regierung. »Sie sollen Beamte bedroht haben.« Und weiter: »In Thüringen stirbt ein Kind an Unterernährung, aber die private Betreiberfirma verteidigt sich, das Kind habe an einer Vorerkrankung gelitten, über die nichts bekannt war.« Die Frage, warum kranke Kinder nicht behandelt werden, bleibe unbeantwortet, und es gebe niemanden mehr, der eine Antwort einfordern kann.
Von der Wirklichkeit überholt
Die Wirklichkeit hat das Buch schneller eingeholt, als dem Autor lieb sein kann: Seine Annahme, die AfD werde erst 2029 mit der CDU »gleichauf« liegen, ist 2026 bereits überholt.
Das Buch ist stark, wo es die Psychologie des AfD-Erfolgs seziert. Bender zeigt auf, warum Faktenchecks, Expertenwarnungen und moralische Appelle ins Leere laufen. Die Ursache des Erfolgs der AfD liege ganz woanders.
»Sie handelt von der Kränkung, in seinen Gefühlen abgewertet und verlacht worden zu sein«, schreibt Bender. Und sie handele von »der Sehnsucht, Rache zu nehmen für diese Zurücksetzung und Demütigung«. AfD-Anhänger würden »den Widerspruch als Angriff auf die eigene Freiheit empfinden; den Faktencheck als hinterlistigen Versuch der Delegitimierung; das Expertenurteil als offensichtlich voreingenommen gegen ihresgleichen«.
Auf das Warum hat Bender vor allem eine Antwort: das Internet. Es entwerte Autoritäten, verhindere rationale, differenzierte Diskurse, vernetze die Zerfallsfreudigen. Das spielt sicher eine Rolle, greift aber zu kurz.
Die Erklärung hat keine Antwort auf die Frage, warum Millionen Menschen überhaupt so anfällig für Kränkungsnarrative geworden sind. Jahrzehnte wachsender sozialer Ungleichheit und Sparpolitik blendet Bender aus. Auch die Krisen, nach denen regelmäßig die Vermögenden und Aktionäre auf Kosten der Allgemeinheit noch reicher dastehen. Er schweigt auch zu den Jahrzehnten neoliberaler Gehirnwäsche, die die Vorstellung von einer Alternative zum Kapitalismus bis heute in Abrede stellt und dem einzelnen das Gefühl vermittelt, jederzeit austauschbar zu sein. Für Justus Bender ist die AfD vor allem »Symptom einer affektgesteuerten Internetöffentlichkeit«.
Keine Widerstandsperspektive
Einigen Illusionen, denen auch Unionspolitiker wie Markus Söder anhängen, erteilt Bender zurecht eine klare Absage.
Schon in der Weimarer Republik hätten Politiker angenommen, »sie könnten die NSDAP entzaubern, wenn sie ihr Regierungsverantwortung zugestanden. Wenn es eine historische Lehre gibt aus dieser Zeit, dann die Gewissheit, dass die Entzauberung nicht funktioniert hat«.
Genau in dieser Erkenntnis liege die vielzitierte historische Verantwortung, so Bender.
Die Schwäche des Buches liegt nicht nur in der partiellen Analyse, sondern vor allem in den Widerstandsperspektiven: Bender appelliert lediglich an moralischen Anstand und parteipolitische Taktik – und das gegen eine Bewegung, die Moral und den Parteienstaat längst verachtet. Genau hier lehrt die Geschichte etwas anderes: Versuche rechter Machtübernahme wurden anders abgewehrt: etwa 1920 durch den Generalstreik gegen den Kapp-Putsch, 1934 in Frankreich durch den Massenstreik, aus dem die Volksfrontregierung hervorging, die zahlreiche soziale Rechte einführte, die bis heute wirken: bezahlter Urlaub, 40-Stunden-Woche, Tarifverträge gegen Lohndumping. Die organisierte kollektive Kraft derjenigen, deren Interessen von rechts angegriffen werden, hat dort gewirkt. Bender jedoch blendet diese Perspektive aus. Das ist fatal, denn Widerstand sollte mehr sein als moralischer Appell und parteipolitisches Taktieren.
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