Aufmacher 4 26. September 2026

Baha und die wilden Siebziger

Der legendäre Ford-Streik von 1973 tritt mit dem Musical Baha und die wilden 70er des Sanat Ensembles in einem neuen Licht auf die Bühne. Das Stück verwandelt ein kaum noch bekanntes Kapitel deutscher ­Arbeiter:innengeschichte in ein furioses, mehrstimmiges Theatererlebnis, das die Erinnerung an ein Schlüsselmoment migrantischer Selbstermächtigung ins Zentrum rückt. Nach der vielgelobten Uraufführung im Kölner Comedia-Theater Ende vergangenen Jahres wird das Stück in diesem Herbst hier und an mehreren anderen Orten aufgeführt.

Das Musical behandelt den sogenannten »wilden« Ford-Streik, der am 24.August 1973 in der Y-Halle ohne Zustimmung der Gewerkschaft auf dem Werksgelände des Kölner Autoherstellers begann.
Was zunächst als spontaner Aufstand startete, entwickelte sich innerhalb weniger Tage zu einem der bedeutendsten Arbeitskämpfe der deutschen Nachkriegsgeschichte. Vor allem in der Nacht wurde die Werkshalle selbst zur Bühne: Die Werksbesetzer sangen und tanzten, der Streik gewann zunehmend an Dynamik. Einige der Lieder sind auch im Musical zu hören.
Innerhalb weniger Tage formierte sich eine Massenbewegung: Am 27.August 1973 unterstützten erstmals auch 12000 Arbeiter der Frühschicht den Ausstand. Die Streikenden, die dem Betriebsrat und der Vertrauenskörperleitung der IG Metall zunehmend misstrauten, wählten ein eigenes Streikkomitee, angeführt von einer leidenschaftlich agierenden Persönlichkeit, deren Name in die Geschichte eingehen sollte: Baha Targün, nach dem das Musical benannt ist.
Die Entscheidung, ein eigenes Streikkomitee zu wählen anstatt sich auf offizielle Gewerkschaftsgremien zu verlassen, verdeutlichte das Misstrauen der Kolleg:innen mit Migrationsgeschichte gegenüber den etablierten Strukturen. Dieser Konflikt wird im Musical immer wieder aufgegriffen.

Frauenchor und Zeitzeugenberichte
Das Inszenierungskonzept folgt einem dokumentarischen Ansatz mit starken performativen Elementen. Schauspiel, Gesang und Zeitzeugenberichte verbinden sich zu einem vielstimmigen Mosaik.
Und die Geschichten reichen über die Fabriktore hinaus. Sie erzählen nicht nur von den Arbeitsbedingungen, der Diskriminierung und der Unterbezahlung, sondern auch vom Alltag der Familien, von Kindern, die ihre Eltern über Jahre kaum sahen. Zwei Rentner, die damals mitgestreikt hatten, stehen selbst auf der Bühne. Diese direkte Präsenz von Zeitzeugen verleiht der Inszenierung ein Höchstmaß an Authentizität, die durch ein Ensemble mit ausschließlich Profischauspieler:innen so nicht gelungen wäre.
Ein Frauenchor zieht Verbindungen zu anderen Arbeitskämpfen – etwa zum dem Streik knapp zwei Wochen zuvor beim Automobilzulieferer Pierburg in Neuss, wo vor allem Frauen aus Jugoslawien, Griechenland, Spanien, der Türkei und Italien erfolgreich gegen sogenannte Leichtlohngruppen kämpften. Die deutschen Kolleg:innen solidarisierten sich, innerhalb einer Woche war der gesamte Betrieb lahmgelegt. Ihren Kampf würdigt das Musical als Inspiration für die Kollegen bei Ford.

Die ›Gegendemonstration‹
Den dramatischen Höhepunkt des Stücks bildet die gewaltsame Niederschlagung des Streiks. Am fünften Tag des Streiks lehnten die Streikenden ein völlig unzureichendes Kompromissangebot der Betriebsleitung ab, weil es einer Verhöhnung ihrer Anliegen gleichgekommen wäre.
Daraufhin formierte sich eine »Gegendemonstration« – angeführt von Vorarbeitern, Werkschutz, Streikbrechern, Zivilpolizisten und dem Betriebsrat. Unter dem Einsatz von Knüppeln und Schlagringen jagten sie die Streikenden über das Werksgelände und schlugen den Arbeitskampf nieder.
Die Anführer des Streiks wurden verfolgt und verhaftet, Baha Targün schwer verletzt und später in die Türkei abgeschoben. Die Werksleitung bedankte sich nach dem Streik öffentlich für den »persönlichen Einsatz der Betriebsräte unter der Führung des Betriebsratsvorsitzenden«.
Bewusst integriert das Musical Medienelemente, mit denen damals die öffentliche Debatte beeinflusst und gegen die Streikenden gehetzt wurde: Auf der Bühne werden dazu Filmausschnitte und Zeitungsseiten eingeblendet – darunter Bild-Schlagzeilen wie »Übernehmen die Gastarbeiter die Macht?« oder »30 Verletzte – Deutsche Arbeiter kämpfen ihre Fabrik frei«.
Die Produktion arbeitet die Stimmung der frühen 70er Jahre umfassend auf. Die wilden 70er werden nicht als abstrakter Begriff, sondern als konkrete kulturelle Bewegung dargestellt: Hippies, sexuelle Freiheiten und Studierendenbewegung erscheinen als parallellaufende Entwicklungen, die mit dem Ford-Streik verwoben sind. So kann der Streik als Teil eines größeren gesellschaftlichen Aufbruchs verstanden werden. Und die migrantischen Arbeitskräfte waren dabei keine isolierte Randgruppe, sondern aktive Teilnehmer:innen.

Geschichtsvergessenheit
Die Besucherreaktionen fielen bei der Uraufführung überwiegend positiv aus. Mit dem Musical werde Geschichte auf eine Weise erzählt, die berührt, aufklärt und verbindet.
Der größte Teil des Publikums in der Kölner Comedia sang zum Schluss den Refrain des Songs »Eine Mark mehr für alle« mit und klatschte im Rhythmus. »Nein, es war nicht sofort Streik, sie haben erst mal lange ausgehalten«, beschreibt der Kölner Rapper EcoFresh in dem Lied die Ausgangslage. »Du bist ein Niemand, mach mal weiter, immer am Fließband, Gastarbeiter«. Im Musical findet eine Art kollektiver Identifikation mit dem Arbeitskampf statt – ein Sog, der fast alle Zuschauer:innen mitreißt. Der »wilde« Ford-Streik von 1973, das wird in der Vorstellung deutlich, war ein Schlüsselmoment migrantischer Selbstermächtigung – und ein wichtiges Kapitel deutscher Arbeits- und Industriegeschichte.
Die Inszenierung ist wissenschaftlich fundiert – das unterstreicht auch ein Blick auf die großartige Website des Sanat Ensemble zum Musical. Hier finden sich neben den Angaben zum Stück eindrucksvolle Analysen des Sozialwissenschaftlers Kemal Bozay und des Migrationsforschers Serhat Karakayali. Diese Zusammenarbeit zwischen künstlerischer Praxis und migrationswissenschaftlicher Forschung setzt regelrecht Maßstäbe für vergleichbare Projekte.
Das Musical ist ein Lehrstück für die deutsche Mehrheitsgesellschaft, die weit davon entfernt ist, ihre Lektionen gelernt zu haben. Denn migrantische Geschichte bleibt bis heute oft unsichtbar – wie sich wenige Monate vor der Uraufführung erneut zeigte, als Ford-Beschäftigte im Frühjahr 2025 die Arbeit niederlegten. Fast alle Medien, auch die Tagesschau, berichteten, es habe noch nie einen Streik bei Ford in Köln gegeben. Dazu beigetragen hatte auch der geschichtsvergessene Blick der IG Metall. »Der erste Streik nach 100 Jahren bei den Ford-Werken Köln war für alle Beteiligten beeindruckend«, schrieb die Gewerkschaft in ihrer Presseerklärung vom 16.Mai 2025.
Der Ford-Streik von 1973, dem Jahr, das auch das Ende des sogenannten »Wirtschaftswunders« und den Anfang des »Anwerbestopps« von Arbeiter:innen aus anderen Ländern markierte, erfährt mit dem Muscial eine angemessene Würdigung, die seiner historischen Bedeutung endlich gerecht wird. Er inspirierte anschließend auch viele andere »wilde« Streiks, an denen sich mehr als 300000 Arbeiter:innen beteiligten, etwa bei John Deere in Mannheim, der Klöckner-Hütte Bremen, den Hella-Werken in Lippstadt, AEG-Küppersbusch in Gelsenkirchen, Opel in Bochum, Philips/Valvo in Bremen, Rheinstahl in Bielefeld/Duisburg und Buderus in Lolla/Hessen.
Dieses Musical setzt ihnen ein Denkmal. Es transportiert migrantische Erfahrungen als integralen Bestandteil der Arbeiter:innengeschichte hierzulande. Die Kombination aus künstlerischer Qualität, historischer Genauigkeit und politischer Relevanz macht das Musical zu einem wichtigen zeitgenössischen Werk im deutschsprachigen Kulturbetrieb. Für alle, die sich für Arbeitskämpfe, Migrationsgeschichte und politisches Theater interessieren, ist Baha und die wilden 70er ein lohnendes Erlebnis – und definitiv eine Reise nach Köln wert.
Christine Ziegler, Gerhard Klas

Quelle: www.stiftungmunda.de/blog/baha-und-die-wilden-70er-der-ford-streik-von-1973-als-musical.
Aufführungstermine unter https://musicalzentrale.de/139392/baha-und-die-wilden-70er/#calendar.

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