An den Rand notiert
von Rolf Euler
Wir haben »keine Lust« mehr. Mit dem kriegerischen Geschehen können wir immer weniger umgehen. Mit den Folgen der Klimakrise auch nicht. Mit dem Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt, dem schönen Land an der Elbe und in der Altmark, auch nicht. Und dann kommt ein Freund und Autor, Bekannter aus 68 und später, mit einer Lesung aus seinem neuen Buch in die Stadt und spricht von »verwegener Zuversicht«, ergänzt um »radikale Hoffnung«!
Mit einem langen Bogen durch die Erd- und Menschheitsgeschichte bis zu den Astronauten und ihrem neuen Blick auf die Erde, die »blaue Kugel« in der Schwärze des Weltraums, ermutigt Ulrich Grober seine Zuhörenden, sich anders als an den Krisen und Disruptionen zu orientieren.
»Verwegenheit« kennt man von den Machern des Silicon Valley, ohne Rücksicht auf die Folgen Entwicklungen wie Facebook, die Google-Suchmaschine, die Musk-Konzerne und seit einigen Jahren die KI voranzutreiben. »Move fast and break things« lautete das Motto von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg Anfang der 2000er Jahre, und die Tech-Milliardäre halten sich immer noch daran.
Das ist eine um Stufen andere Qualität als damals im Pütt ein Steiger, der vor Ort kam und »Tummelt euch!« rief. Damals war die Kraft des Zusammenhalts und der gesunden Widerspenstigkeit der Bergleute noch so groß, dass nicht gleich alle einknickten. Inzwischen treten aber selbst Entwickler aus den AI-Firmen mit der Warnung aus, KI könnte sich so selbständig machen, dass es für die Menschen gefährlich würde – nicht die Dinge würden »zerbrochen«, sondern das Leben.
»Verwegenheit« gilt aber auch für die Gegenbewegungen: Greta Thunberg etwa, die verwegene Schülerin, mit ihrem Auftritt vor der UNO und dem nicht zu vergessenen: »How dare you!«
Die daraufhin startende Fridays-for-future-Bewegung mit ihren radikalen Forderungen plakatierte ebenfalls den »blauen Planeten«, das Foto aus der Apollo-Mission, und schrieb auf die Spruchbänder »Es gibt keinen Planeten B«, auf den wir ausweichen können.
Die absurden Phantasien der Elon Musk und Peter Thiel, zum Mars zu fliegen – selbst wenn es dazu käme –, wer wollte und könnte dahin auswandern? Es gibt allerdings keine Alternative dazu, hier auf der Erde radikale Bewegungen mit radikalen Hoffnungen zu verbinden. Wie die »Kakerlaken-Bewegung« in Indien. Wie die verwegenen 1968er Studenten, Schüler und Arbeiter in vielen Ländern der Welt.
Was macht »verwegene Zuversicht« und »radikale Hoffnung«? Dass mit Gegenbewegungen gegen die Plünderung und Ausbeutung der Ressourcen unseres Planeten unsere Kinder und Enkel auch noch eine lebenswerte Erde finden und gestalten – trotz aller negativen Tendenzen. Ulrich Grober beschreibt in seinem Buch diese Bewegungen als »kritische Masse«, die zwar eine Minderheit ist, aber im richtigen Moment mit den richtigen Forderungen eine »Veränderungsdynamik« auslösen kann.
Ich bedanke mich bei Ulrich Grober für viele gute Ideen aus seinem Buch, das im Oktober erscheinen soll.
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