Bildung im Sinne der Emanzipation?
von Larissa Peiffer-Rüssmann
Als Gesellschaft müssen wir uns fragen, wer eigentlich unsere Kinder erziehen soll: wir als Menschen oder die IT-Industrie mit ihren digitalen Geräten und fragwürdigen Inhalten?
Es geht um familiäre Räume, um Kindergärten, Schule und Freizeiteinrichtungen. Sind Wirtschaftsinteressen wichtiger oder das Kindeswohl? Können wir die einseitige Fixierung auf Digitaltechnik in Kindertagesstätten und vor allem in der Primarstufe noch stoppen? 75 Expertinnen und Experten aus Pädagogik und Medizin haben sich das zur Aufgabe gemacht. Sie richten sehr eindringliche Appelle an die Politik. Sie fordern ein Ende der digitalen Bildungspolitik und smartphonefreie Schulen.
Gibt es einen Zusammenhang zwischen Bildungskrise und Digitalisierung?
Die schulischen Leistungen in den Kernkompetenzen Lesen, Schreiben und Rechnen sinken weiter und damit das allgemeine Bildungsniveau. Zum Beispiel verfehlen in NRW 21,6 Prozent der Grundschulkinder die Mindeststandards im Lesen, 32,6 Prozent in der Rechtschreibung und 28,1 Prozent in Mathematik. Diese Ergebnisse wurden kurz vor den Sommerferien bekanntgegeben.
Und was fällt der Schulministerin von NRW dazu ein? Es sollen mehr Vergleichstests geschrieben werden. Doch mit mehr Tests lernen die Schüler:innen in bezug auf ihre Grundfähigkeiten nichts dazu. Das läuft nur über »mehr Personal und multiprofessionelle Unterstützung und vor allem Zeit«, so die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Ein digitales Schüler-Feedback wird da nicht weiterhelfen, es erfasst nicht die eigentlichen Probleme. Da hilft nur eine Neuausrichtung, wie sie die namhaften Bildungsexpert:innen fordern.
Der Medienwissenschaftler Ralf Lankau (Uni Offenburg), einer der Initiatoren des Appells, stellt fest: »Kinder geraten immer früher in die Abhängigkeit von digitalen Endgeräten und sozialen Netzwerken. Das beeinträchtigt nicht nur ihre Bildung und das demokratische Bewusstsein, sondern auch ihre Gesundheit und die Sozialkompetenz.
So hilfreich Digitaltechnik in vielen Lebensbereichen sein kann, so kritisch muss sie beim Einsatz in Bildungseinrichtungen reflektiert werden: Die Digitalisierung macht unsere Kinder dümmer. Daher fordern wir, dass sich die Bildungspolitik wieder an den Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen orientiert.«
Zurecht stellt der Schulpädagoge Klaus Zierer (Uni Augsburg) fest: »Die Konzepte der sog. digitalen Bildung kommen nicht aus der Erziehungswissenschaft, sondern aus der Industrie, die die Kitas und Schulen als Absatzmarkt definiert.« Er fordert: »Der Tabletwahn, der nachweislich zu schlechterem Lernen führt, muss gestoppt werden.«
Kinder brauchen in den Schulen keine digitalen Medien, sondern Lehrerinnen und Lehrer, die unterrichten und erklären und auch zuhören können. Analytisches und kritisches Denken können nur in einem lebendigen Unterricht gelernt werden, der auf die Interessen der Lernenden eingeht und den sie mitgestalten können.
Das ist umso nötiger, weil schon heute Kinder und Jugendliche regelmäßig viele Stunden mit Smartphone, Laptops und Tablets verbringen. Zurecht warnt Manfred Spitzer, Gehirnforscher und Psychiater (Uni-Klinik Ulm): »Der übermäßige Umgang mit digitalen Endgeräten schadet der Bildung der Kinder und erhöht damit ihr Risiko, später an Demenz zu erkranken.« Weitere gesundheitliche Schäden wie Kurzsichtigkeit, Bewegungsmangel und Übergewicht, Aufmerksamkeitsstörungen und Depressionen sind die Folgen.
In vielen Ländern hat sich längst eine Trendwende eingestellt, sie schränken die Digitalisierung an Schulen stark ein bzw. verbieten Smartphones mindestens an Grundschulen.
Bei uns hat sich der kritische Blick auf den steigenden Einfluss der IT- Industrie noch nicht eingestellt, im Gegenteil. Das Bildungsministerium wird von Akteuren der IT-Wirtschaft beraten: Von Bitcom und der Gesellschaft für Informatik (GI) über Microsoft bis zu SAP, Telekom und dem Hasso-Plattner-Institut für Softwaresystemtechnik (HPI) sind alle vertreten.
Digitalisierte Kindheit und Jugend
Es fehlen Kinderärzte, Pädagogen, Lernpsychologen oder Neurowissenschaftler, die sich mit den Folgen der Nutzung von Bildschirmmedien bei Kindern und Jugendlichen beschäftigen. Genau das ist aber dringend geboten. In Kindergärten und Schulen müssen die Eltern über die Auswirkungen digitaler Medien auf die Entwicklung junger Menschen umfassend aufgeklärt werden. Ein Smartphone ist kein Spielzeug!
Einer der Experten, der Kinder- und Jugendarzt Uwe Büsching, erlebt die Veränderungen bei Kindern in seinen Sprechstunden und weist darauf hin, »dass immer mehr digital geschädigte und süchtige Kinder mit verzweifelten Eltern in die Sprechstunde kommen«. Er fügt hinzu: »Es ist höchste Zeit für ein Umdenken.«
Zurecht fordern die Fachleute, dass vor allem Kitas und Grundschulen in ihrer pädagogischen Arbeit digitalfrei bleiben. Bildungspläne der jeweils aktuellen Medientechnik anzupassen und Medienräume wie Laptop- und Tabletklassen einzurichten, nützt nicht den Kindern, sondern dient allein der Gewinnmaximierung der IT-Branche.
Um neue Sachverhalte zu lernen, braucht es keinen Bildschirm und kein Netz, sondern einen Raum für gemeinsames Lernen, wo ein wechselseitiger Dialog zwischen Lernenden und Lehrenden stattfindet. In einem offenen Unterricht arbeiten dann die Schülerinnen und Schüler eigenverantwortlich an ihren jeweiligen Themen und im Austausch mit den anderen in der Klasse. Das ist selbstbestimmtes Lernen und Forschen. In gemeinsamen Gesprächen werden die Ergebnisse vorgestellt und diskutiert.
Im Gegensatz dazu ist Lernen an Lernstationen und IT-Systemen weder selbstbestimmt noch individuell. Mit einer Maschine kann man nicht diskutieren, da geht es um abprüfbares Wissen.
Da müssen wir uns fragen, was machen solche Systeme mit den Lernenden? Sie erleben sie als vermeintlich allmächtige Systeme, die sie weder durchschauen noch hinterfragen können. Sozial isoliert, geht es um abprüfbares Wissen, Lernstandskontrollen und Einordnung in Leistungsstufen. Gültigkeit und Relevanz werden nicht hinterfragt. Sicher ist, dass die Auswirkungen digitaler Medien auf die Lernprozesse wissenschaftlich noch nicht genügend erforscht sind.
Auch Tim Engartner (Uni Köln) ist der Meinung, dass der Nachweis, durch das Digitale werde der Unterricht automatisch verbessert, nicht erbracht ist. Er führt aus: »Jugendliche verbringen im Schnitt jeden Tag dreieinhalb Stunden vor digitalen Endgeräten.« Und er fragt sich, ob das in der Schule noch ausgedehnt werden muss. Er spricht sich dafür aus, die ersten zehn Schuljahre komplett analog zu halten, ohne den Einsatz von Tablets im Unterricht.
In einer solchen Schule würden neben den Basiskompetenzen wie Lesen, Rechnen und Schreiben die Fächer Musik, Kunst, Sport und Ethik ein Angebot sein, mit dem individuelle Neigungen ausgelebt werden können. Neben Sport und Tanz gäbe es weitere Angebote wie Töpfern, Malerei in verschiedenen Techniken und Theaterspiel. Ausstellungen und Vorführungen, das weiß ich aus eigener Erfahrung, macht alle Kinder stolz auf das, was sie geschafft haben.
Geld in eine Schule zu investieren, die Spaß macht, lohnt sich zehnmal mehr als Investitionen in Digitaltechnik. Der Digitalpakt macht die IT-Firmen zu den einzigen Gewinnern – auf Kosten der Lernenden und zum Schaden öffentlicher Bildungseinrichtungen.
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