Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Gewerkschaften 1. Januar 2026

Vergiftetes Lob
von Helmut Schmitt

Im Sommer letzten Jahres hat die Gewerkschaft IGBCE die Durchsetzung eines Mitgliederbonus gefeiert. Erstmals sei es gelungen, im Flächentarifvertrag der Chemie- und Pharmaindustrie einen Mitgliederbonus für Gewerkschaftsmitglieder durchzusetzen.

Dieser Bonus beinhaltet einen zusätzlichen Urlaubstag pro Jahr, sowie einen weiteren freien Tag, wenn Mitglieder 10, 25, 40 und 50 Jahre in der Gewerkschaft sind.
Die Vorteilsregelung für Gewerkschaftsmitglieder soll aus Sicht der Gewerkschaft die »Trittbrettfahrerei« einschränken und bewirken, dass angesichts des anhaltenden Mitgliederschwundes wieder mehr Beschäftigte in die Gewerkschaft eintreten.
Der Hintergrund: Obwohl nicht gewerkschaftlich organisiert, profitieren die Unorganisierten bisher im gleichen Umfang von den Tarifverträgen, weil die Unternehmen die Tarifverträge nicht nur auf die Gewerkschaftsmitglieder anwenden, sondern auf die gesamte Belegschaft.
Zu denken gibt allerdings das Lob der Kapitalseite, die den Bonus als ein Zeichen der Wertschätzung bezeichnet, um das ehrenamtliche Engagement der Gewerkschafter in deren Freizeit zu belohnen (so Matthias Bürk, Verhandlungsführer des Bundesarbeitgeberverbands Chemie im Spiegel vom 26.Juni 2024).
Dieses Lob der Gegenseite für gewerkschaftliches Engagement ist vergiftet und bezieht sich darauf, dass die Gewerkschaft bislang ihre Tarifaktionen (von Streikaktionen kann gar keine Rede sein) wenn überhaupt, im wesentlichen während der Freizeit der Beschäftigten, also gerade nicht während der Arbeitszeit durchgeführt hat. Die Druckwirkung auf die Gegenseite ist dadurch gleich null.
Genau dieses Verhalten der Gewerkschaft soll aufrecht erhalten und mit dem Mitgliederbonus belohnt werden.
Das kapitalfreundliche Handelsblatt brachte in der Ausgabe vom 26.6.2024 auf den Punkt, um was es tatsächlich geht, wenn es schrieb:
»Davon [vom Mitgliederbonus] profitieren im übrigen auch die Arbeitgeber. Denn sonst könnte die traditionell zahme Chemiegewerkschaft versucht sein, mehr auf Arbeitskämpfe als Instrument der Mitgliedergewinnung zu setzen … Der zusätzliche Urlaubstag ist also der Preis dafür, die auf Ausgleich bedachte Sozialpartnerschaft in der Chemiebranche zu erhalten. Und nur weil dort der Kompromiss seit jeher höher geschätzt wird als der Krawall, war eine solche Einigung überhaupt möglich.«
Der Mitgliederbonus ist offensichtlich der Judaslohn für den Verzicht auf wirksame Arbeitskampfmaßnahmen.

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