Eine Erwiderung auf Hermann Dierkes’ Kritik in SoZ 12/25
von Angela Klein
Meine Einwände gegen Hermanns Leserbrief lassen sich in fünf Punkten zusammenfassen:
1-Die Hamas ist nicht der Widerstand, sondern nur ein Teil desselben. Die BDS-Koalition ist ein weiterer Teil des Widerstands und einer, auf den wir uns viel mehr beziehen sollten. Früher hätte Hermann dies auch getan, heute offenkundig nicht mehr, sie ist ihm gar keine Erwähnung wert.
Die Palästinensische Autonomiebehörde ist ein Organ der Kollaboration mit der israelischen Regierung, kein Teil des Widerstands, sie kann nicht mit der Hamas gleichgesetzt werden. Weil wir diese Unterscheidung vornehmen, protestieren wir dagegen, wenn Menschen, die ein unkritisches Verhältnis zur Hamas haben, aus Veranstaltungen oder Demonstrationen ausgeschlossen werden sollen, aber wir lassen uns auch nicht verbieten, Kritik an ihr zu äußern und lehnen den Vorwurf ab, damit würden wir uns gegen den Widerstand stellen.
Die Anerkennung des Rechts auf Widerstand impliziert nicht, dass man mit denen, die ihn führen, einverstanden ist, und Solidarität hat viele Ausdrucksformen.
2-Die Hamas maßt sich allerdings an, der Widerstand zu sein, das gehört zu ihrem autoritären Alleinvertretungsanspruch. In anderen Zusammenhängen haben wir solche Anmaßungen stets kritisiert. In palästinensischen Kreisen wird es auch kritisiert. Der Artikel, den die SoZ in derselben Ausgabe wie meinen Kommentar gebracht hat, beschreibt das schwierige, auch widersprüchliche und schwankende Verhältnis der palästinensischen Bevölkerung zur Hamas sehr gut. Da sind die von Hermann zitierten 50 Prozent Zustimmung mit Vorsicht zu genießen. In jedem Fall wäre es nur die Hälfte der Bevölkerung. Warum uns die andere Hälfte nicht interessieren sollte, ist mir ein Rätsel.
3-In der Bewertung des bisherigen Ergebnisses der Al-Aqsa-Offensive sind wir tatsächlich auseinander. Hermann schreibt, die »Guerillaorganisation« (für eine Organisation, die einen Zweig der Muslimbrüderschaft darstellt, ist diese Parallele zu Organisationen des bewaffneten Kampfs in Lateinamerika unzulässig) ist nicht geschlagen und die stärkste Militärmacht der Region hat ihre Kampfziele nicht erreicht.
Das finde ich kühn. Israels Kampfziele waren von Anfang an nicht einheitlich, die völlige Vernichtung des palästinensischen Volkes ist erklärtes Ziel der faschistischen Komponenten der Regierung, nicht des gesamten Herrschaftsapparats, allein schon deshalb, weil Netanyahu nie völlig freie Hand hatte.
Die völlige Vernichtung hat Israel nicht erreicht, aber doch so einiges: Es besetzt die Hälfte des Territoriums von Gaza und schließt den kümmerlichen Rest zwischen militärische Sperrzonen ein; es hat die militärische Struktur der Hamas weitgehend zerschlagen. Es hat die Hisbollah geschlagen und dem Iran eine deftige symbolische Niederlage verpasst; es maßt sich an, militärische Angriffe gegen Syrien und den Libanon zu führen und bleibt dabei völlig straflos – somit hat es die »Achse des Widerstands« in der Region zerstört.
Israel agiert weitgehend ungehindert in der Region, der bewaffnete Widerstand ist kein ernst zu nehmender Gegner mehr, rechnen muss es nur noch mit den USA und den Golfstaaten. Und letztere sind keine Schutzmacht für die Palästinenser, ganz im Gegenteil, sie sind Teil des neuen subimperialen Bündnisses unter US-Herrschaft in der Region. Der Trumpsche Friedensplan belohnt Israel geradezu für seine mörderischen Taten, indem es weiter als Regionalmacht anerkannt und in Bündnisse eingebunden wird.
Innenpolitisch mag Netanyahus Stuhl wackeln, das bedeutet aber nicht, dass der Spielraum für antizionistische, antirassistische Politik in dem Land gewachsen wäre.
4-Wie schaut es auf palästinensischer Seite aus? Sein Territorium ist geschmälert und zersplittert wie nie zuvor. Eine vom Gesundheitsministerium herausgegebene Namensliste nannte am 31.Juli 2025 über 60.000 Tote; Beobachter gehen davon aus, dass dies viel zu niedrig liegt, sie kann gut und gerne auch das Doppelte oder mehr betragen, von den hunderttausenden Verletzten ganz zu schweigen. Die gesamte Bevölkerung Gazas ist traumatisiert, vom Hunger gezeichnet. Die Rückkehrenden finden Trümmer und Leichen vor, der Wiederaufbau wird Jahrzehnte dauern, sofern er jemals ernsthaft in Angriff genommen wird, denn wer soll ihn bezahlen? Die Riviera, von der Trump träumt, wird es wohl nur im israelisch besetzten Teil geben.
Und das ist nur die nackte physische Seite. Vielleicht gravierender ist noch, dass die palästinensische Kultur in Gaza nachhaltig zerstört wurde: Kirchen, Moscheen, Schulen und Hochschulen, das Gesundheitswesen; die Ermordung Dutzender Journalist:innen und Wissenschaftler:innen – wenn es Israel nicht gelungen ist, das palästinensische Volk physisch zu vernichten: kulturell hat es ihm einen Schlag versetzt, von dem es Jahrzehnte brauchen wird sich zu erholen. Tatsächlich ist das gesamte Ausmaß der Zerstörung noch gar nicht zu überblicken. Ob es jemals gelingen wird, die palästinensische Nation wiederaufzubauen, steht in den Sternen.
Auch politisch ist die Bevölkerung, soweit sie überhaupt in der Lage ist sich so zu organisieren, nach wie vor gespalten, eine Realperspektive ist weiter entfernt denn je, weder eine Zweistaatenlösung, noch eine Einstaatenlösung scheinen derzeit machbar. Die Bevölkerung Gazas kann froh sein, wenn die Kampfhandlungen aufhören, sie ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen hat.
Gegenüber dem Zustand vor dem 7.Oktober hat die palästinensische Bevölkerung jetzt weniger und Israel hat mehr – zumindest vor Ort. Unbestritten ist, dass Israel international so isoliert ist wie nie zuvor. Diese Isolierung weiterzutreiben scheint derzeit auch der einzige Weg zu sein, wie sich das Kräfteverhältnis vor Ort doch noch zugunsten der Palästinenser:innen wenden könnte.
5-Wenn man diese nüchterne Bilanz zieht und dennoch meint, die Niederlage sei auf der Seite Israels, nicht auf der der Palästinenser, muss man entweder politisch komplett unfähig sein oder es ist einem nicht um die Bevölkerung, sondern nur um die eigene Haut zu tun. Just das ist mein Vorwurf, Hamas betont die Märtyrerrolle, um das eigene Scheitern zu verbrämen.
Sie will die Niederlage nicht eingestehen und verwandelt sie wortreich in einen »Teilerfolg bei der Beendigung der Leiden unseres Volkes«, mit einer Chance auf »einen neuen Lebenshorizont in Gaza«.
Ägypten, Qatar und der Türkei gegenüber drückt die Erklärung »ihre tiefe Anerkennung für die enormen Anstrengungen aus, die von den brüderlichen Vermittlern gemacht wurden« und blickt zuversichtlich der »Kooperation mit den gnädigen ägyptischen Bemühungen [entgegen], eine … nationale Versammlung zur Einigung der palästinensischen Haltung einzuberufen«.
Also gibt es diese Einheit nicht und Hamas ist es auch nicht gelungen, sie herzustellen, trotz der israelischen Aggression. Nun soll Ägypten es richten – wohlan!
Das ist keine Position des kleineren Übels: Hamas weiß sich zur islamistischen Familie gehörig, die Unterordnung unter das diktierte Vermittlungsergebnis gleicht eher der Rückkehr in den Schoß der großen Brüder als einem widerwillig erduldeten äußeren Zwang.
Eine Perspektive scheint mir nur jenseits von Hamas und Fatah möglich, und sie kann eigentlich nur internationalistisch sein.
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