Ein Streik wie aus einem Krimidrehbuch
von Ayse Tekin
Streik doch einfach mit! 138 Tage Arbeitskampf beim Bundesanzeiger Verlag. Hrsg. Jan Schulze-Husmann et al. Hamburg: VSA, 2025. 168 S., 12 Euro
Das Buch ist handlich und hat nur 165 Seiten, erzählt aber eine Geschichte wie aus dem Lehrbuch des Klassenkampfs gegen den Kapitalismus.
Die Erzählung liest sich wie ein Krimi. Sie spricht davon, welche Mittel gegen Beschäftigte zum Einsatz kommen, die einen Haustarifvertrag mit ihrem Recht auf Koalitionsfreiheit aus Art. 9 Grundgesetz durchsetzen wollten und die Erfahrung machen mussten, dass diesem Grundrecht auf Streiken ein viel mächtigeres Recht entgegensteht, nämlich die »Unternehmensfreiheit«, die als Ausprägung der Berufsfreiheit sowohl im Art.12 GG, als auch in der EU-Grundrechtecharta Art. 16 anerkannt ist.
Die unternehmerische Freiheit ist das Grundprinzip der Marktwirtschaft. Die Koalitionsfreiheit, sprich der Streik, ist eine Frage der Machtverhältnisse. Das haben die Kolleg:innen beim Bundesanzeiger erfahren und auch, dass sie nicht unbedingt geschützt sind, wenn sie ihr Recht aus dem Grundgesetz wahrnehmen.
Branche unter Druck
Das Buch erzählt, wie die ganze Druck- und Verlagsbranche durch die neuen digitalen Technologien, aber auch in der Corona-Pandemie verändert wurde: »Es geht um die (falsche) Auffassung, qualifizierte menschliche Arbeit würde nicht mehr benötigt, weil sie durch Künstliche Intelligenz und Anlerntätigkeiten ersetzt werden könnte.« Nicht nur beim Bundesanzeiger, auch in anderen Bereichen des Medienbetriebs ist diese Auffassung weit verbreitet. Beispiele, wie der Wert der Arbeitskraft heruntergeschraubt wird und Gehaltsstufen gesenkt wurden, sind auch anderswo zu finden. Die gesellschaftliche Wirkung dieser Auffassung ist, dass die Menschen sich schleichend an qualitativ andere Angebote und Vermittlungstechniken gewöhnen: Niemand liest Texte mit 10.000 Zeichen! (Dieser hier hat 5200.)
Aber zurück zum Buch: Beim Lesen hatte ich das Gefühl, dass es gut für Seminare zur Tarifarbeit und für Betriebs- und Personalräteschulungen passt. Dieses Ziel ist am Ende des Buches auch genauso formuliert. Aber frau beginnt das Buch nicht mit dem Ende. Das zeigt jedoch, dass den Autor:innen genau das gelungen ist: ein Buch als Dokumentation eines betrieblichen Kampfes mit allen Facetten vor allem aus Sicht der Beteiligten zu schreiben.
Das 1×1 des Streiks
Es fängt mit der Organisierung von Kollegen für die Gewerkschaft an, dann kommt das Aufstellen der Forderungen für einen Haustarifvertrag, die Überzeugung der Mitglieder von einem Streik, und dann geht es weiter mit den Erfahrungen der Maßnahmen der Gegenseite. Sie reichen vom heimlichen Fotografieren aus dem Fenster bis zur Anzeige und Kündigung einer Mitarbeiterin, die einen ins Haus gehenden Beschäftigten mit einer Trillerpfeife »verletzt« haben soll! Dazu werden im Buch die Mails der Geschäftsleitung zitiert, die Unwahrheiten verbreiten und Unsicherheit säen, ebenso das Schweigen der Kölner Zeitungen, die allesamt demselben Konzern gehören wie der Bundesanzeiger.
Die Streikenden haben ihre Aktionen auch ohne die Dumont-Zeitungen stadt-, landes- und bundesweit bekannt gemacht, nach Solidarität gefragt und erhalten. All das reichte dennoch nicht. Zum Warum der letztlichen Niederlage gibt es in dem Buch gute Analysen. Schön ist, von dem Zusammenhalt und den Erfahrungsberichten zu lesen, aber auch davon, was wie bei den Kolleg:innen angekommen ist: »Aber es kam mir trotzdem vor, als wäre unser Kampf abgewürgt worden.«
Nach 138 Tagen Streik und einer stetig weniger werdenden Teilnahme – die Gründe dafür werden gut erläutert – haben die noch Streikenden gemeinsam beschlossen, vorerst die Arbeit wieder aufzunehmen. Die Ver.di-Aktiven haben ihre Entscheidung in einem Flugblatt wie folgt begründet: »Mit denen, die noch im Streik sind, werden wir diesen Arbeitgeber zu diesem Zeitpunkt nicht zu Tarifverhandlungen bewegen. Wir werden Kräfte sammeln, um wieder unsere alte Stärke zurückzugewinnen.«
Einige Beiträge beschreiben auch die Atmosphäre im Betrieb nach dem Streik. Toll ist zu lesen, dass die Erfahrung durchweg positiv bewertet wird: »Am Ende mussten wir eingestehen, dass wir diesen Kampf zumindest formal, verloren haben. Doch was wir gewonnen haben, reicht weit über einen Tarifvertrag hinaus: Die Erfahrung … und die Gewissheit, dass wir uns nicht einfach kampflos unterordnen.«
Es gibt so viel mehr, was ich erwähnenswert finde, wie z.B. zwei erwirkte Gerichtsurteile. Auch die Geschichte des Konzerns und die Entwicklung der Geschäftsleitung nach der Privatisierung des Bundesanzeigers ist ein eigenes Seminar wert. Die Erfahrungsberichte zeigen, dass die Solidarität ausgeweitet werden müsste, nicht nur im Betrieb, auch in der Gesellschaft. Damit kann sofort angefangen werden, indem das Buch gekauft, verschenkt und unbedingt darüber geredet wird, oder indem die Autor:innen zu einem Gespräch eingeladen werden.
Empfehlenswert ist außerdem, sich auch die anderen Bücher aus der Reihe Widerstand des VSA-Verlags anschauen. Es geht in dieser Reihe – wie der Verlag anmerkt – um kollektives oder einzelnes widerständiges Handeln. Die Bücher werden in Zusammenarbeit und mit einem Vorwort der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Verband der Antifaschisten (VVN-VdA) herausgegeben.
1 Kommentar
Es geht in dem Buch um den Bundeanzeiger Verlag, nicht um die Bundesdruckerei. Diese hat damit nichts zu tun und auch nicht mit dem DuMont Konzern.
Bitte korrigiert das.
Vielen Dank!
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