Um was es geht. Was getan werden muss
von Klaus Meier
Anfang 2024 hatte die seinerzeit regierende Ampelkoalition beschlossen, dass Heizungen in Neubauten zu 65 Prozent mit erneuerbaren Energien betrieben werden müssen. Eigentlich eine sinnvolle klimapolitische Maßnahme. Doch die mächtige Öl- und Gas-Lobby sah dadurch ihre Interessen massiv bedroht.
Noch im Vorfeld der Änderung des Gebäudeenergiegesetzes – oft auch Heizungsgesetz genannt – begann eine monatelang anhaltende Gegenkampagne durch Springerpresse und Unionsparteien. Die Bild-Zeitung berichtete fast täglich von »Habecks Heizhammer«, der die Menschen angeblich in die Verarmung treiben würde. Die Wärmepumpe wurde zum Hassobjekt.
Der rechten Kampagne zum Trotz kann die Bedeutung eines klimapolitischen Umbaus unseres Wärmesystems nicht hoch genug eingeschätzt werden. So werden in Deutschland heute immer noch drei Viertel der Wohnungen mit Gas und Öl beheizt. Dies bedeutet, dass die Erzeugung von Wärme und Warmwasser für Wohn- und Nichtwohngebäude allein rund 33 Prozent der deutschen Treibhausgasemissionen verursacht. Bei der Erzeugung von Niedertemperaturwärme im Industriesektor entstehen zusätzliche CO2-Emissionen, die die Gesamtsumme weiter erhöhen.
Vorbild Dänemark
Dass es auch anders geht, zeigt unser nördlicher Nachbar Dänemark. Dort wurde frühzeitig umgestiegen und vor allem auf Fernwärme gesetzt. Alle Kommunen in Dänemark sind seit Jahrzehnten verpflichtet, eine strategische Wärmeplanung zu erstellen und diese regelmäßig zu aktualisieren. Heute sind fast zwei Drittel der dänischen Haushalte ans Fernwärmenetz angeschlossen, in Kopenhagen sogar 98 Prozent.
Die Fernwärme stammt derzeit zu einem Großteil aus erneuerbaren Quellen wie Biomasse, Geothermie oder Abwärme von Industriebetrieben, nur ein knappes Viertel stammt noch aus fossilen Brennstoffen. Generell heizen in Dänemark nur noch 15 Prozent der Haushalte mit Erdgas und 8 Prozent mit Öl. In Deutschland sind diese Zahlenverhältnisse annähernd umgekehrt.
In Dänemark ist hingegen der Einbau neuer Öl- und Gasheizungen in Neubauten seit über zehn Jahren verboten, und auch im Gebäudebestand dürfen heute keine neuen fossil befeuerten Heizkessel mehr eingesetzt werden, wenn ein Anschluss ans Wärmenetz möglich ist. Zudem gibt es in Dänemark ein Programm zur Verschrottung von Öl- und Gasheizkesseln, das Haushalten außerhalb von Fernwärmeregionen finanzielle Hilfen bei der Anschaffung einer Wärmepumpe gewährt.
Bei allen Wärmeumbaumaßnahmen wurde in Dänemark zudem der Umstieg auf Wärmepumpen organisatorisch erleichtert und die finanziellen Belastungen der Haushalte so gering wie möglich gehalten. Daher ist es wenig erstaunlich, dass die dänische Wärmewende völlig geräuschlos und ohne Proteststürme über die Bühne ging.
Der Gegner: Energiekonzerne
Um die hasserfüllten Angriffe gegen die Wärmepumpe zu verstehen, muss man die Interessen der im Heizungsbereich tätigen Kapitalgruppen betrachten. Insbesondere die Konzerne EON und EnBW sind hierbei von Interesse. Sie beliefern über ihre Erdgasnetze Millionen von Haushaltskunden. Eine Umstellung der Heizungen auf Wärmepumpen würde bei EON vermutlich zu Milliardenverlusten führen. Der Konzern betreibt seine Netze meist über ein Geflecht von Tochtergesellschaften. Eine davon ist die Westenergie AG.
Diese hat aktuell eine besondere Bedeutung, da die amtierende Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) bis Ende April die Vorstandsvorsitzende des Unternehmens war. Der Westenergie-Konzern erwirtschaftet mit rund 11.000 Beschäftigten einen Umsatz von 7,1 Milliarden Euro und verfügt über ein 37.000 Kilometer langes Erdgasnetz. Darüber werden mehr als 4,8 Millionen Menschen mit Erdgas versorgt. Der Konzern ist zudem an über 130 Stadtwerken, Netzgesellschaften und Versorgungsunternehmen beteiligt.
Mit Katherina Reiche sitzt jetzt eine wichtige Person aus diesem Erdgas-Imperium in zentraler Regierungsverantwortung. Der bekannte Soziologe Harald Welzer ist der Ansicht, dass die Ministerin eine Politik im Interesse ihrer früheren Branche betreibt und Fortschritte im Klimaschutz untergräbt. Die Journalisten von Table.Briefings sehen das genauso. Sie haben das Zehn-Punkte-Papier zur Energiewende des Wirtschaftsministeriums mit einem Positionspapier von RWE und EON verglichen und dabei erhebliche Übereinstimmungen festgestellt.
Reiche gegen Wärmewende
Angesichts von Reiches Herkunft verwundert es nicht, dass sie jede sich bietende Gelegenheit nutzt, um die bestehenden Regelungen für eine Wärmewende aufzuweichen. Schon im Frühjahr 2025 erklärte sie beim Wirtschaftsrat der CDU: »Wir brauchen keine Lex Wärmepumpe.« Das »Betriebsverbot für Heizkessel« müsse abgeschafft werden. Doch das vermeintliche »Betriebsverbot« erweist sich bei genauer Betrachtung als reiner Populismus. In Wahrheit dürfen bestehende Erdgas-Niedertemperatur- und Brennwertkessel weiter betrieben werden.
Ausgetauscht werden müssen lediglich völlig ineffiziente Konstanttemperatur-Erdgaskessel, die über dreißig Jahre alt sind und vor 1991 installiert wurden. Aber selbst diese dürfen noch so lange weiter betrieben werden, bis sie nicht mehr reparierbar sind. Ein Austausch ist erst bei einem Eigentümerwechsel erforderlich. Diese Regelung stammt im übrigen nicht von der Ampelregierung, sondern noch aus der Regierungszeit von Angela Merkel. Das hindert Katherina Reiche aber nicht daran, diese sinnvolle Regel schleifen zu wollen.
Wärmepumpen auf der Überholspur
Trotz eines industrienahen Kanzlers Friedrich Merz und einer Wirtschaftsministerin Katherina Reiche verkaufen sich fossile Heizungen aktuell nicht gut. So berichtete der Wärmepumpenhersteller Stiebel Eltron für das erste Halbjahr 2025 von einem Absatzplus von 55 Prozent bei den Wärmepumpen, während der Verkauf von Gas-Wärmeerzeugern um 41 Prozent eingebrochen ist. Die Gesamtzahl der verkauften Heizungsanlagen liegt allerdings noch auf einem ungewohnt niedrigen Niveau. Darin drückt sich eine anhaltende Verunsicherung der Verbraucherinnen und Verbraucher über die Zukunft des Heizens aus.
Dass der Absatz von Öl- und Gasheizungen so vehement einbricht, hat mehrere Gründe: Da ist zum einen das Heizungsgesetz, das mehr Vorgaben an fossil betriebene Anlagen macht als bisher. Und es gibt eine finanzielle Förderung für Wärmepumpen, die mit verschiedenen Zuschlägen bis zu 75 Prozent betragen kann
Zum anderen gibt es eine Unsicherheit über steigende Gas- und Öl-Preise, denn ab 2027 startet der EU-weite CO2-Emissionshandel. Das könnte das Heizen mit fossilen Energien deutlich verteuern. Zusätzlich verkünden erste Energieversorger schon, dass sie ihre Gasnetze zurückbauen wollen. Der Mannheimer Versorger MVV hat sogar erklärt, sein Gasnetz ab 2035 nicht mehr bedienen zu wollen. Wenn die Zahl der Gaskunden sinkt, dann dürften die Netzentgelte für Erdgas in den kommenden Jahren steigen, weil die Netzkosten auf immer weniger Gaskunden umgelegt werden müssen.
Streit ums Heizungsgesetz
Warum wurde das »Heizungsgesetz« bisher nicht angetastet?
Im Koalitionsvertrag der schwarz-roten Regierung steht der Satz: »Wir werden das Heizungsgesetz abschaffen.« Doch die Union ist diesem Ziel in der Regierung bisher nicht näher gekommen. Dafür gibt es mehrere Gründe. So blockieren Teile der SPD eine mögliche Änderung des Gesetzes. Auch große Teile der Heizungsbranche lehnen eine Rückabwicklung der Ampelbeschlüsse ab. Sie wollen Rechtssicherheit für ihre getätigten Investitionen und keine erneut geänderten Rahmenbedingungen.
Dazu kommt, dass die Abschaffung der fortschrittlichen Regelungen zur Wärmewende auch gegen die Europäische Gebäuderichtlinie verstoßen würde. Sie verpflichtet alle EU-Staaten, fossile Heizungen bis spätestens 2040 aus dem Markt zu drängen. Bereits ab 2025 sollen solche Systeme nicht mehr staatlich gefördert werden. Ein deutscher Sonderweg wäre damit eine Vertragsverletzung. Diese Gesamtlage ist sicher einer der Gründe, warum die Union das Gebäudeenergiegesetz noch nicht anrühren konnte.
Doch es bahnt sich bereits neuer Streit an.
Wirtschaftsministerin Reiche will die 65-Prozent-Regel für Neubauten »anpassen« und die finanzielle Förderung für Wärmepumpen zurückschneiden. Nach Presseinformationen hat sie dazu ein Eckpunktepapier entwickelt und mit dem Kanzleramt abgestimmt. CSU-Chef Markus Söder unterstützt sie. Aus seiner Sicht wird der Heizungstausch »überdimensioniert finanziert und subventioniert«.
Kurz vor Redaktionsschluss Mitte Dezember hat sich die Koalition darauf geeinigt, das Gesetz in Gebäudemodernisierungsgesetz umzubenennen und bis Ende Februar einen Kabinettsentwurf vorzulegen. Ministerin Reiche soll dafür bis Ende Januar gemeinsam mit Bundesbauministerin Verena Hubertz (SPD) Eckpunkte vorlegen. Wir dürfen gespannt sein, ob die beiden sich einigen können. Bisher haben die SPD-Ministerinnen und -Minister und hier besonders Bundesumweltminister Carsten Schneider eher gebremst.
Wärmewende bleibt möglich
Unabhängig von den Regierungsdebatten wird auch auf lokaler Ebene über die Wärmewende diskutiert. Laut Gesetz müssen Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern bis Mitte 2026 einen Wärmeplan vorlegen. Kommunen mit weniger als 100.000 Einwohnern haben dafür noch bis Mitte 2028 Zeit. Linke und ökologische Kräfte sollten die Gelegenheit nutzen und mit konkreten Vorschlägen eingreifen und unzureichende Planungen kritisieren.
Mögliche Maßnahmen zur Wärmewende sind stark von den lokalen Bedingungen abhängig und können daher sehr unterschiedlich ausfallen. So bieten sich für Siedlungen mit vielen Gärten sicherlich Wärmepumpen an. Anders ist die Lage in den Städten. Für eine große Zahl von Einzelwärmepumpen ist hier oftmals kein Platz. Nah- oder Fernwärme ist hier die Alternative.
Umweltfreundliche Wärme kann aus Flüssen, Seen oder Industrieanlagen entnommen werden. Mit Hilfe von Großwärmepumpen kann die Wärme dann auf ein Temperaturniveau passend zum Gebäudebestand gebracht werden. Anschließend erfolgt die Einspeisung in die Wärmenetze.
Ein gutes Beispiel dafür hat der Versorger MVV in Mannheim geschaffen. Mit einem Wärmetauscher wird Wärme aus dem Flusswasser des Rheins entnommen. Dahinter schließt sich eine Großwärmepumpe an und danach erfolgt die Wärmeübertragung in das Mannheimer Fernwärmenetz. So werden aktuell 3500 Haushalte versorgt. Zwei weitere, deutlich größere Anlagen sind geplant und sollen bis 2030 30 Prozent der Heizenergie für das Mannheimer Fernwärmenetz bereit stellen. Ähnliche Planungen mit Großwärmepumpen existieren in Hamburg, Köln oder Frankfurt am Main. Großwärmepumpen gibt es auch im finnischen Helsinki und im dänischen Aalborg.
Alternativ kann die Energie für die Fernwärmeversorgung auch aus großer Tiefe entnommen werden. Man spricht dann von Tiefengeothermie. Deutschland besitzt dafür ein enormes Potenzial. Das gilt besonders für den südbayerischen Raum, für Norddeutschland, für den Rheingraben und für das Ruhrgebiet.
In der Region um München sind Tiefenbohrungen von 3000 bis 4000 Meter notwendig, um heißes Wasser mit einer Temperatur von bis zu 150 Grad Celsius zu erschließen. Das Wasser wird über ein Bohrloch aus der Tiefe gefördert und dann über einen Wärmetauscher geleitet, der die Wärme entnimmt und schließlich in eine Fernwärmeleitung einspeist. Anschließend wird das abgekühlte Wasser rund 1000–2000 Meter entfernt wieder in den Untergrund eingespeist. Laut der Geothermie-Allianz Bayern ließen sich geothermisch bis zu 70 Prozent des Wärmebedarfs der Münchener Metropolregion decken.
Eine weitere Möglichkeit zur Heizwärmegewinnung sind saisonale Wärmespeicher. Damit wird Solarenergie im Sommer über thermische Solarkollektoren eingefangen und in einem großen Wasserbecken mit Abdeckung eingelagert. Im Winter wird das bis zu 80 Grad heiße Wasser aus dem Speicher entnommen und dann über ein Nahwärmenetz zu den Wohnungen geleitet.
Die Kosten
Die Auseinandersetzung um Robert Habecks Wärmepumpenpolitik hat verdeutlicht, dass ökologische Umbaumaßnahmen nur erfolgreich sein können, wenn die kapitalistischen Klassenverhältnisse und die Armut der unteren Schichten berücksichtigt werden. Da sich der seinerzeitige grüne Wirtschaftsminister sich monatelang um eine klare Aussage zur finanziellen Kompensation drückte, fürchteten Millionen Bürgerinnen und Bürger, dass sie zukünftig mangels Alternativen gezwungen sein könnten, eine Wärmepumpe zu kaufen, die zwei- bis dreimal so teuer wie eine Erdgasheizung ist. Und das vor dem Hintergrund einer extremen Inflation von damals bis zu 7 Prozent. Die rechten Demagogen gegen die Wärmewende wurden durch diese Politik regelrecht munitioniert.
Auch heute sind Wärmepumpen in Deutschland noch sehr teuer. Für den Kauf und die Installation einer Luft-Wasser-Wärmepumpe muss man hierzulande mindestens 30.000 Euro einkalkulieren. Zwar gibt es eine großzügige Förderung, doch bleiben die Preise für ärmere Bevölkerungsschichten trotzdem unerschwinglich.
Erstaunlicherweise sind die Preise in den deutschen Nachbarländern wesentlich günstiger. So kostet eine Luft-Wasser-Wärmepumpe in Großbritannien nur die Hälfte. Durch die Förderung von etwa 9000 Euro wird sie noch günstiger. Ähnliche Preise gibt es in Frankreich. Noch preiswerter sind Wärmepumpen beim chinesischen Händler Alibaba: Eine Luft-Wasser-Wärmepumpe ohne Installation kostet dort rund 3700 Euro. Dies dürfte neben den niedrigeren Lohnkosten vor allem auf die höheren Stückzahlen in den chinesischen Fertigungsstätten zurückzuführen sein.
Auch die Umstellung auf Fernwärme ist in Deutschland kein einfacher Weg. Wie der Mitteldeutsche Rundfunk im letzten Jahr berichtete, schwanken die Preise vor Ort extrem. Zum Teil lagen die Kosten für Fernwärme bis zu 1000 Prozent auseinander. Zu den Hochpreisstädten gehörte Hanau mit knapp 28 Cent pro Kilowattstunde. Aufgrund des öffentlichen Drucks reduzierten die Hanauer Stadtwerke ihre Preise dann um 34 Prozent auf immer noch etwas über 20 Cent pro Kilowattstunde..
Deutlich günstiger lebt es sich dagegen in Iserlohn, wo nur rund 8 Cent pro Kilowattstunde anfallen. In vielen Fällen sind die hohen Fernwärmepreise nur mit Abzocke zu erklären. Dazu kommt, dass einzelne Stadtwerke ihren Bestandskunden die Kosten für den Ausbau ihrer Fernwärmenetze aufbürden. Die Verbraucherzentrale fordert, den Fernwärmepreis zu deckeln, was bei den Branchenverbänden allerdings nicht gut ankommt.
Linke Kräfte müssen davon ausgehen, dass eine ökologische Wärmewende nicht billig sein wird. Unterschiedlichen Schätzungen zufolge könnte sie mehrere hundert Milliarden Euro kosten. Das Geld dafür ist vorhanden, allein wenn man einen Blick auf den deutschen Rüstungsetat wirft. So wurden 2025 für diesen rund 86 Milliarden Euro verschwendet, für 2026 werden Ausgaben von 108 Milliarden Euro erwartet. Das bedeutet, dass man allein durch die Umwidmung des Rüstungsetats in wenigen Jahren eine vollumfängliche Wärmewende in Deutschland finanzieren könnte. Zudem würden dadurch gute Industriearbeitsplätze geschaffen, die als Ersatz für die Jobs in der rückläufigen Automobilbranche dienen könnten.
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