Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Aufmacher Widerstand 1. Januar 2026

Zum Aktionstag gegen die Gründung der AfD-Jugendorganisation
von Marina Hoffmann

Es ist noch mitten in der Nacht, da strömen wir auf die Straße. Wir waren viele Stunden unterwegs, Ich hatte noch bis Mitternacht gearbeitet, bin ohne Pause dann zum Reisebus. Geschlafen habe ich kaum.
Jetzt geht es los. Ohne meinen Pullover, den ich zuhause vergessen hatte, und mit einem schweren Rucksack auf dem Rücken. Die Polizei hat unseren Bus weit vor Gießen gestoppt und wir müssen noch durch zwei Dörfer, bis wir in Gießen ankommen. Wir wollen blockieren. Zum ersten Mal in meinem Leben nehme ich an einer Aktion des zivilen Ungehorsams teil.

Aus gutem Grund: Hier in Gießen trifft sich die AfD-Jugend und gründet sich neu. Was sie treibt, ist der Hass auf alles, was anders ist als sie. Jung-Faschisten eben. Großräumig geschützt und abgeschirmt von der Polizei. Ich bin hier, um dieses Treffen es zu verhindern – es zumindest zu verzögern. Weil ich nicht warten will, bis es zu spät ist. Bis die Angriffe auf die Demokratie so wirksam werden, dass es keine Demokratie mehr, sondern nur noch »gute Deutsche« gibt.

Dunkle Nacht
Die Nacht ist kalt und dunkel. Manchmal blendet uns das Licht entgegenkommender Autos. Links und rechts Felder, vor uns das Blaulicht im Nebel. Ich würde jetzt viel lieber in meinem Bett liegen und schlafen oder noch ein paar liegengebliebene Aufgaben erledigen. Aber so wie die anderen, mit denen ich hier unterwegs bin, beobachte ich mit Sorge, wie sich die Gesellschaft verändert. Merz’ Äußerungen zum Stadtbild sind nur ein Beispiel in einer Reihe von Entscheidungen und Aussagen gegen uns. Eine AfD-Regierungsbeteiligung wird immer wahrscheinlicher. Und viel zu viele sind mittlerweile davon überzeugt, dass es eine Wehrpflicht braucht, dass sie sogar selbst an die Waffe wollen. Ich will das nicht. Ich bin jetzt aktiv, bevor es zu spät ist. Friedlich.
Wir bilden Reihen, bleiben beieinander. Gehen auf der Straße, weil wir so viele sind. Ich bin hier mit den Studis gegen Rechts, dem breiten Aktionsbündniss widersetzen. Froh, nicht allein sein zu müssen. Es geht nur zusammen. Meine direkte Bezugsgruppe besteht aus vier Menschen. Wir achten auf­einander. Wenn jemand sich nicht in Gefahr begeben will oder etwas braucht, nehmen wir Rücksicht. Ich habe für den Notfall ein Erste-Hilfe-Set, einen extra Poncho, falls es regnet, eine Augendusche und mehrere Rettungsdecken gegen die Kälte.
Wir sind auf der rechten Spur, Autos fahren an uns vorbei, bis wir uns ausbreiten, die ganze Straßenbreite nehmen. Ich sehe nicht viel, vor mir jemand, hinter mir jemand, links und rechts eingehakt, um uns nicht zu verlieren. Immer, wenn uns jemand hören könnte, rufen wir laut antifaschistische Parolen. Nachdem wir das zweite Dorf durchquert haben, kommen wir über die Landstraße zu unserem Ziel. Es sind schon welche vor uns angekommen: Mitten im Nirgendwo auf einer Kreuzung stehen hunderte Menschen in Warnwesten. Wir werden freudig empfangen.

Die Polizei
Die Mannschaftswagen und die gut geschützten Polizist:innen, die davor stehen, beweisen: Hier sind wir richtig.
Schutzausrüstung hätte ich auch gerne, weil ich nicht weiß, was heute noch passieren wird, aber dieas ist, so wie meine Thermoskanne aus Metall, verboten. Mit dieser »Passivbewaffnung« könnte ich ja andere Menschen verletzen oder mich vor polizeilichen Maßnahmen schützen. Deshalb habe ich sicherheitshalber auch mein Hardcover-Buch zuhause gelassen.
Bis zum Mittag zieht es sich. Wir haben alle wenig geschlafen und zumindest meiner Bezugsgruppe fallen fast die Augen zu. Wir können nur selten sitzen, weil es eng ist, weil wir aufrücken, um keine Lücken zu lassen, oder weil wir Rettungsgassen für Krankenwagen bilden müssen, die wir natürlich durchlassen. Später erfahre ich, dass genau so ein Krankenwagen von AfDlern missbraucht wird, um durch eine Blockade durchzufahren. Und dass Personen schwer verletzt wurden, weil Autos in die Blockaden gefahren sind.
Die Polizist:innen erheitern uns mittags, als sie uns durchgeben, dass sie nach einem langen Einsatz erschöpft sind und gerne abziehen würden – mitten durch unsere Blockade. Da wir auf einer Kreuzung stehen, und sie einfach den Weg zurück fahren könnten, den sie gekommen sind, lachen wir und skandieren: »Ihr könnt nach Hause geh’n, ihr könnt nach Hause geh’n…!«
Hätte die Polizei im vorhinein keine Horrorszenarien von Plünderungen und massiver Gewalt verbreitet, nicht die komplette Weststadt abgesperrt, würde sie nicht aktiv AfD-Leute zu den Hessenhallen eskortieren oder gut gerüstet vor uns stehen, könnte ich fast mit ihnen sympathisieren. Die einzige »Gewalt«, die ich von Demonstrierenden heute sehe, ist auf die Polizist:innen geworfener Müll – konkret: eine einzige Bananenschale. Erst später am Tag sehe ich mit eigenen ­Augen, wie brutal die Polizei mit friedlichen ­Demonstrierenden umgeht.
Immer mal wieder gehen Nachrichten durch die Menge, damit wir auf dem Laufenden bleiben. Die Blockaden an der Hauptverkehrsstraße sind durchbrochen. Es gibt keinen Grund, hier zu bleiben, die Polizei hat der AfD an anderer Stelle den Weg frei geprügelt. Deshalb brechen wir auf nach Gießen.

Solidarität der Anwohner:innen
Es ist schön zu sehen, wie viele Menschen an den Fenstern lächelnd zuschauen, wie wir laut durch die Straßen kommen.
Ein Auto hupt den Takt unserer Rufe mit, ­eine Frau steht vor ihrer Tür und zeigt Handherzen. Wir winken den Menschen zu, auch denen, die sich hinter ihren Gardinen oder Handys verstecken, und uns filmen.
Nach einer kurzen Pause, in der Cola und Snacks durch die Reihen weitergereicht werden, biegen wir hinter einer Brücke auf ein Feld ein. Auf der Straße über uns warten Wasserwerfer auf ihren Einsatz. Während ich das zum Glück nicht erleben muss, sehe ich dafür aus der Nähe, wie sich Widersetzer:innen auf dem Weg sammeln, um gleich danach von einem anstürmenden Polizeitrupp gerammt zu werden. Ich will einschreiten, fühle mich hilflos, als die Polizei zuschlägt, aber meine Gruppe ruft mich zurück. Wir haben vorher ausgemacht, dass wir uns nicht in Gefahr ­begeben und zusammenbleiben. Wahrscheinlich ist es besser so.
Übers Feld versuchen wir, näher an die Hessenhallen ranzukommen, um unser Recht auf Protest in Hör- und Sehweite wahrzunehmen. Als wir ankommen, schwebt über uns ein Helikopter am Himmel, der zum permanenten Begleiter wird.
Die Polizei lässt uns nicht durch. Nach massiven Drohungen der Gewaltanwendung müssen wir schließlich abziehen. Jemand von uns gibt durch, dass wir die Neugründung zweieinhalb Stunden verzögert haben, und dass es nicht mal 1000 Mitglieder zur Veranstaltung geschafft haben. Immerhin. Bei unserem jetzt folgenden Abmarsch, einmal um die komplette Weststadt herum und an drei polizeilich gesperrten Brücken vorbei, denke ich darüber nach.
Ich habe mir keine Illusionen gemacht, dass wir die Veranstaltung tatsächlich verhindern könnten. Mit dem Ergebnis habe ich ungefähr gerechnet, und trotzdem bin ich enttäuscht. Wir sind ein Abbild der Gesellschaft, wenn auch ein im Schnitt, zumindest in den Blockaden, sehr junges. Aber wir sind noch zu wenige und die Polizei zu brutal.
Am nächsten Tag sehe ich das überall verbreitete Video, in dem die Polizei mit großem Anlauf und animalische Geräusche von sich gebend in eine Gruppe stehender Widersetzer:innen rennt.
Insgesamt 50.000 Menschen waren wir in Gießen, davon 15.000 in Aktion, die sich nicht von den Drohungen und der Polizeigewalt ­haben abschrecken lassen.
Auf der Pressekonferenz von widersetzen erfahre ich auch, dass trotz genehmigter Kundgebung nur Anwohner:innen in die Weststadt gelassen wurden, dass die Weststadt kurzfristig gesperrt wurde und die Gegenklage keine Zeit mehr hatte, einen Widerspruch juristisch durchzufechten. Ich erfahre, dass ein anderer Finger (eine große Aktionsgruppe) von mehreren Seiten angegriffen wurde und kein Rettungswagen gerufen werden durfte, obwohl eine Person das Bewusstsein verloren hatte.
Mein Eindruck: Die Panikmache im vorhinein sollte wohl das brutale Vorgehen gegen friedlich Demonstrierende rechtfertigen.

Niemals aufgeben
Wir haben an diesem Tag die Demokratie und unsere Rechte verteidigt, während die Polizei der AfD den Weg frei prügelte. Wir sind aufgestanden gegen den wachsenden Faschismus.
Am Ende sitze ich wieder im Bus, kann endlich meine Augen schließen. Meine Füße und meine Schultern schmerzen, meine Schuhe sind voller Matsch. Am Ende waren wir 13 Stunden auf den Beinen. Mein Team ist sich einig: Das machen wir nochmal.
Die nächste Gelegenheit dafür ist das Wochenende vom 4. bis 5.Juli 2026 beim AfD-Parteitag in Erfurt. Immerhin: Jetzt weiß ich, was mich erwartet. Ich weiß, dass es gut tut, aktiv und nicht alleine zu sein. Es ist eine Antwort auf die Verzweiflung, die sich so oft beim Blick in die Nachrichten breit macht.

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