Aufmacher Widerstand 26. September 2026

Tarifrunde 2026 – Eskalation oder Sozialpartnerschaft?
von Kay Jäger

In den deutschen Nordseehäfen stehen die Zeichen auf Sturm.
8,2 Prozent mehr Lohn, mindestens aber 2,50 Euro pro Stunde, bei einer Laufzeit von zwölf Monaten: Mit dieser Forderung sind die rund 11.000 Beschäftigten in den deutschen Seehäfen in die Tarifrunde 2026 gegangen.

Der Tarifvertrag umfasst zahlreiche Betriebe in Häfen in Niedersachsen, Bremen und Hamburg. Ein sehr hoher Organisationsgrad, der in Teilen bei bis zu 90 Prozent liegt, sichert enorme Durchsetzungsmacht. In dieser Tarifrunde haben die Kolleg:innen bereits mit zwei Streiks am 17.8. und vom 2. bis 4.9. davon Gebrauch gemacht. Beide Streikaufrufe wurden gut befolgt und legten Häfen in Wilhelmshaven, Emden, Brake, Bremerhaven und Hamburg lahm.
Hintergrund war das unzureichende Angebot des Zentralverbands der deutschen Seehafenbetriebe (ZDS) von 5,1 Prozent, sowie eine Erhöhung des Urlaubsgelds um 300 Euro ab Januar 2027 und eine um 460 Euro erhöhte Zulage für die Beschäftigten der umsatzstarken Containerbetriebe. Es war vor allem die lange Laufzeit von 19 Monaten, die einhellig abgelehnt wurde.
Trotz Nachbesserungen auch für die kleineren Betriebe in der zweiten Verhandlung lehnten die Hafenarbeiter auch eine 18monatige Laufzeit ab, sodass es zur zweiten Streikwelle kam. Anschließend legte der ZDS mit 3,4 Prozent (Urlaubsgeld plus 200 Euro, Pauschale für Beschäftigte in den umsatzstarken Containerbetrieben (sogenannte A-Betriebe) plus 416 Euro) bei einer Laufzeit von jetzt zwölf Monaten ein niedrigeres Angebot vor.
Bei Redaktionsschluss fand in den Betrieben eine Abstimmung nach den Urabstimmungsvorschriften von Ver.di statt: Sprechen sich 75 Prozent der Mitglieder für Streik aus, kann es zu unbefristeten Arbeitsniederlegungen kommen. Dass es nach verhältnismäßig wenig Warnstreiktagen schon zu einer Urabstimmung kam, ist nicht ganz unumstritten, eine vermutlich durch Berlin getriebene Entscheidung.

Wie die Häfen tarifpolitisch befriedet wurden
Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es nur 1951 und dann erst wieder 1978 zu größeren Streiks in den Häfen.
Zwischen 1978 und 2022 gab es keinen offiziellen Streik. Es gab zwar immer wieder betriebliche Auseinandersetzungen, zum Beispiel um Mehrarbeit, die eine Quelle von betrieblicher Macht unterhalb des Streiks ist; die Tarifpolitik galt jedoch weitgehend als befriedet.
Über lange Zeit funktionierte für die Mehrheit der Kolleg:innen eine Form der Stellvertreterpolitik: »Ihr haltet die Füße still, wir klären das für euch.« Ein hoher Organisationsgrad, die Erinnerung an frühere Arbeitskämpfe, ein anhaltender Boom in der Hafenwirtschaft und gut vernetzte Arbeitnehmervertreter:innen reichten lange aus, um auch ohne regelmäßige Mobilisierung tragfähige Ergebnisse zu erzielen. Tarifverhandlungen fanden ohne große Beteiligung der Kolleg:innen am Kai statt.
Doch das hatte seinen Preis: Die Belegschaften waren stark organisiert, übten ihre tarifpolitische Macht aber nie in offiziellen Streiks aus. Kollektive Erfahrungen, aus denen Solidarität, Streikbereitschaft und Vertrauen in die eigene Durchsetzungskraft entstehen, wurden somit im wesentlichen im betrieblichen Rahmen gemacht.
Nach der Weltwirtschaftskrise 2008/2009 wurde das besonders sichtbar. Die Goldgräberstimmung war vorbei, denn dem schier endlosen Wachstum des Containerumschlags wurde der Stecker gezogen, die Kräfteverhältnisse veränderten sich und alte sozialpartnerschaftliche Arrangements verloren an Wirkung.
Zwei weitere Entwicklungen prägten die Häfen weltweit: die Automatisierung der Hafenarbeit im Containerumschlag und die wachsende Macht der Reeder. Die Einführung des Containers seit den 1960er Jahren löste einen umfassenden Jobabbau in den Häfen aus. Eine weitere Welle könnte jetzt folgen, wenn die bislang noch von Menschen gelenkten Containerbrücken und Terminalfahrzeuge autonom fahren oder nur noch mittels Joysticks bewegt werden.
Spätestens die Corona-Pandemie zeigte die Bedeutung der Seefahrt für den kapitalistischen Welthandel, was den Reedereien erhebliche Extraprofite ermöglichte. Durch den Kauf von Hafenterminals vervollständigten sie ihre Lieferketten und können Kunden zunehmend alle Dienste anbieten. Gleichzeitig monopolisieren sie durch den Besitz von Terminals die Macht in der Branche und es scheint nicht ausgeschlossen, dass sie die zum Teil inhumanen Arbeitsbedingungen in der Schifffahrt tendenziell auch auf Hafenbeschäftigte übertragen könnten.

2022 – der Streik kehrt zurück
Die seit 2022 wieder durchgeführten Streiks in den norddeutschen Häfen haben also eine Reihe von Ursachen. Eine veränderte Machtbalance, die drohende Automatisierung und eine zunehmende Infragestellung tariflicher Standards. In der Tarifrunde 2022 stand vor allem die im Zuge der Corona-Pandemie zum Teil auf zehn Prozent gestiegene Inflation im Vordergrund. Deshalb forderten ehrenamtliche Gewerkschafter erstmals wieder Streiks zur Durchsetzung der Forderungen. Voraussetzung dafür waren langjährige Organisierungsarbeit und der Aufbau kämpferischer Mehrheiten in den Ver.di-Gremien gewesen.
Entscheidend war am Ende nicht nur das Ergebnis, sondern die Erfahrung selbst: Wir diskutierten, mobilisierten und legten gemeinsam die Arbeit nieder. Wir erlebten, dass unser kollektives Handeln eine Wirkung entfalten kann. Wir bekamen ein Bewusstsein unserer Macht. 2022 zeigte: Stellvertretung wird nicht durch bessere Stellvertreter:innen überwunden, sondern durch mehr Einbeziehung der Basis. Diese Erfahrung konnte in den Streiks 2024 erneut gemacht werden.

2026: Erzwingungsstreik am Horizont
Zur intensiveren Beteiligung an Flächentarifverträgen wendet Ver.di seit einigen Jahren das Organizing-Instrument der Rückkopplung über sogenannte Tarifbotschafter an. Dabei sind interessierte Mitglieder das Bindeglied zwischen Tarifkommission und den Belegschaften. Unmittelbar nach Verhandlungen werden sie über den Verlauf informiert und informieren ihrerseits die Tarifkommission über die Gespräche mit der Belegschaft, die sie geführt haben.
Damit verschiebt sich die Macht. Die Verhandlungsführung kann weniger leicht für die Belegschaften sprechen, ohne deren tatsächliche Haltung zu kennen. Die Tarifkommission erhält nicht nur ein Mandat, sondern zugleich eine Grenze ihres Handelns. Ein Abschluss gegen ein deutliches Votum der Basis ist politisch schwerer durchsetzbar. Gleichzeitig wird die Streikbereitschaft sichtbar und zum Druckmittel in den Verhandlungen.
In der Tarifrunde 2025 überging die Tarifkommission diese Rückkopplung, was zu Widerspruch unter den Mitgliedern führte. In der Tarifrunde 2026 hat die Rückkopplung bereits zu zwei Streikrunden geführt. Ob sie in der bei Drucklegung der SoZ noch nicht abgeschlossenen Urabstimmung auch zu einem Votum für einen unbefristeten Erzwingungsstreik führt, ist offen. Sollte es dazu kommen, wird sich zeigen, wie weit die Ver.di-Basis ihre Vorstellungen gegenüber der Bundestarifkommission und dem Ver.di-Hauptamt durchsetzen kann.

Der Autor arbeitet im Hamburger Hafen und ist Mitglied der Hamburger Bürgerschaft für Die Linke.

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