Bei der Abstimmung fehlte es an Zustimmung
Wolfgang Pomrehn im Gespräch mit Kay Jäger
Anfang Oktober sah es noch so aus, als würde es in den Nordseehäfen zum unbefristeten Streik kommen. Ver.di hatte 8,2 Prozent, mindestens aber 2,50 Euro pro Stunde gefordert, doch die Bosse boten lediglich 3,4 Prozent. In einer Urabstimmung sprachen sich jedoch nur 58 Prozent der Mitglieder für einen Arbeitskampf aus. 75 Prozent wären notwendig gewesen. Wolfgang Pomrehn sprach darüber mit Kay Jäger, der im Hamburger Hafen arbeitet und Mitglied der Hamburger Bürgerschaft für Die Linke ist.
Weshalb war die Streikbereitschaft so gering?
Um das wirklich abschließend zu beurteilen, ist es noch zu früh. Wir werden in dieser Frage intensiv mit den Kolleginnen und Kollegen ins Gespräch gehen und uns auf die nächste Lohnrunde vorbereiten.
Wie sieht der Abschluss aus?
Der Abschluss sieht eine Erhöhung der Löhne und aller Zuschläge um 3,4 Prozent vor. Das Urlaubsgeld wird um 200 Euro, die A-Pauschale (nur für Betriebe im Containerumschlag) um 416 Euro pro Jahr erhöht. Das alles bei einer Laufzeit von zwölf Monaten, rückwirkend ab dem 1.August 2026. Ein entscheidender Punkt fehlt allerdings: Die soziale Komponente (Festgeldbetrag), die gerade für die Kolleginnen und Kollegen aus den niedrigen Lohngruppen wichtig gewesen wäre. Nun geht die Schere zwischen ganz unten (0,64 Euro) und ganz oben (1,14 Euro) weiter auf.
Ihr habt versucht, die Basis stärker als bisher in die Verhandlungen einzubeziehen. Wie sah das aus? Hat es sich bewährt?
Wir haben das Tarifbotschafter-System als Erfolgsmodell aus anderen Bereichen wie der Lufthansa oder dem DHL-Hub in Leipzig übernommen. Die große Herausforderung war, dieses System erstmalig in einer riesigen Fläche (Bremen, Niedersachsen, Hamburg) anzuwenden. Durch die Rückkopplung jedes Verhandlungsstandes mit der Basis über sogenannte Tarifbotschafter (Kolleginnen und Kollegen, die auf eigens hierfür entworfenen Bildungsurlauben in beispielsweise Ansprache und Abfrage geschult wurden), war es uns möglich, eine sehr transparente und beteiligungsorientiere Lohnrunde durchzuführen.
Dieses Modell werden wir auch zukünftig anwenden und weiterentwickeln. Es ist ein wichtiges Instrument, die Gewerkschaft mehr im Betrieb stattfinden zu lassen, eine Praxis von unten zu etablieren und Stellvertretertum aufzubrechen.
Wie hat sich die Arbeit in den letzten Jahrzehnten in den Häfen durch Rationalisierung und Automatisation verändert? Was hat das für Folgen für die Gewerkschaft?
Es wurden im konventionellen Containerumschlag immer wieder kleinere Automatisierungsmaßnahmen durchgeführt, die kaum bis gar nicht zu Rationalisierungen geführt haben. Die entscheidenden Maßnahmen, die zu Personalabbau führen werden: die Automatisierung des horizontalen und vertikalen Containertransports (über das Terminalgelände und vom Terminalgelände auf Schiff/ Bahn/Lkw), sind allerdings noch kaum profitabel gelungen.
Momentan kann man sehen, dass sich die Großen in der Branche mit den Automatisierungsprojekten, den gleichzeitigen Angriffen auf Mitbestimmung und Tarifgefüge, Teilprivatisierungen und »Umstrukturierung« verhoben haben. Beispielhaft hierfür ist die HHLA, die gerade droht, an ihrer Planlosigkeit großen Schaden zu nehmen. Im laufenden Jahr musste die HHLA, die kürzlich zur Hälfte von der Reederei MSC übernommen wurde, ihre Kunden immer wieder anhalten, ihre Schiffe woanders abfertigen zu lassen, da sie selbst dazu nicht in der Lage ist. Den Preis werden am Ende nicht die Manager, sondern andere zahlen.
Hamburg ist ein wichtiger Hafen für Mordwerkzeug aller Art. In Genua und Piräus streiken die Hafenarbeiter immer wieder gegen Waffenlieferungen an Israel. Und in Deutschland?
Waffentransporte über den Hamburger Hafen sind eine Blackbox. Wir wissen nicht, was in den Containern ist, die wir umschlagen. Militärfahrzeuge oder anderes »Sichtbares« wird eher über Bremerhaven verladen. In der Vergangenheit waren wir gewerkschaftlich nicht in der Lage, die nötigen Beschlüsse für Aktionen herbeizuführen. Das postfaschistische Streikrecht in Deutschland ist da nicht gerade hilfreich. Kürzlich ist es uns allerdings gelungen, in der Hamburger Landesfachgruppe Maritime Wirtschaft und Luftfahrt von Ver.di zu beschließen, uns mit den streikenden Hafenbeschäftigten und ihren Gewerkschaften aus mehr als 45 Ländern am 30.Oktober, dem internationalen Aktionstag gegen Aufrüstung und Waffenlieferungen, zu solidarisieren und zu diesem Zweck Aktionen durchzuführen.
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