Brüche und Kontinuitäten
von Peter Nowak
Matthias Schindler: Nicaragua zwischen sandinistischer Revolution und Ortega-Diktatur. Berlin: Die Buchmacherei, 2026. 483 S., 20 Euro
Matthias Schinder liefert eine schonungslose Kritik an der Entwicklung im Nicaragua, in das er einst so viel Hoffnung setzte. Leider verbreitet er am Schluss Illusionen in die bürgerliche Demokratie.
Nicaragua lässt den Autor nicht los. In den frühen 1980er Jahren gehörte der Maschinenbauingenieur, der in verschiedenen Funktionen in der IG Metall aktiv war, zu den den vielen Linken, die aus Westeuropa und vielen anderen Ländern nach Nicaragua reisten und dort die sandinistische Revolution unterstützen wollten.
Mittlerweile im Rentenalter, hat Schindler zwei Bücher geschrieben, in denen er sich kritisch mit der weiteren Entwicklung in Nicaragua auseinandersetzt.
Schon 2019 rechnete er unter den Titel Vom Triumph der Sandinisten zum demokratischen Aufstand (siehe SoZ 11/2019) mit der zunehmend repressiv agierenden Regierung Ortega ab, die sich nominell noch auf die sandinistische Revolution beruft.
Jetzt hat er seine Doktorarbeit an der Universität Lissabon in Buchform unter dem Titel Nicaragua zwischen sandinistischer Revolution und Ortega-Diktatur herausgebracht, erneut in der Buchmacherei. Dort vergleicht er die beiden Regierungsperioden der sandinistischen Befreiungsfront FSLN von 1979 bis 1990 und die Herrschaft von Präsident Ortega von 2007 bis in die Gegenwart.
Orteguismus ist Schindlers eigene Wortschöpfung für die Herrschaftsperiode von Daniel Ortega seit 2007, die in den letzten Jahren immer autoritärere Züge annahm.
Keine hermetische Abriegelung
»Diese beiden Phasen der Regierungsführung stehen für zwei diametral entgegengesetzte Gesellschaftsmodelle«, lautet der Befund von Schindler. Damit grenzt er sich von den Teilen der Linken ab, die in Präsident Ortega die Fortsetzung des Sandinismus sehen. Aber er geht auch auf Distanz zu den Rechten, die den Sandinismus als autoritäres Herrschaftsmodell von Anfang an darstellen.
Doch so klare Trennungsstriche sind meist schon eine autoritäre Setzung. In den über 400 Seiten zeigt Schindler, dass es sehr wohl Verbindungen zwischen den beiden sandinistischen Perioden gibt, die schließlich beide von Daniel Ortega dominiert waren.
Natürlich will der langjährige IG-Metall-Gewerkschafter mit dem Buch auch seine eigene langjährige Solidaritätsarbeit für das sandinistische Nicaragua verteidigen. Im Vorwort stellt er klar: »Einerseits bin ich seit fast fünfzig Jahren ein Aktivist der Solidaritätsbewegung mit Nicaragua. Andererseits habe ich dabei auch immer versucht, die gesellschaftlichen Entwicklungen in Nicaragua zu analysieren und politisch zu interpretieren.« Dass er dabei nicht in Solidaritätskitsch verfällt, wie er für die 80er Jahre sehr verbreitet waren, macht das Buch gut lesbar.
Schindler liefert viele heute wenig bekannte Informationen über die Geschichte Nicaraguas und des Sandinismus. Er beschreibt aber auch erste autoritäre Tendenzen im Nicaragua der 80er Jahre, also zu einer Zeit, als in vielen Teilen der Welt Menschen vom revolutionären Nicaragua schwärmten, das damals oft als eine Alternative zu den erstarrten bürokratischen Herrschaftsstrukturen in den »realsozialistischen« Ländern angesehen wurde.
Die Zwangsrekrutierung von jungen Männern, die im Kampf gegen die Contras gebraucht wurden, sieht Schindler als einen großen politischen Fehler an, der die Sandinistas 1990 wahrscheinlich den Wahlsieg gekostet habe. Ausführlich und mit viel Hintergrundwissen beschreibt er die Faktoren, die den politisch tot geschriebenen Ortega 2007 wieder ins Präsidentenamt brachten.
Falsche Hoffnungen
Seine vernichtende Kritik am Orteguismus, der jede Opposition ausschaltet, ist berechtigt. Problematisch ist aber, dass er sich vor allem in den letzten Kapiteln des Buches zu stark auf die Wahlen als Lackmustest für eine Demokratie konzentriert. Er ignoriert berechtigte Kritik an den bürgerlichen Wahlen und ihrem Prozedere – u.a von Rätekommunist:innen.
Schindler selbst schreibt an mehreren Stellen über die Linke in Lateinamerika, dass die Wahldemokratie »kein zentraler Aspekt ihrer sozialistischen und revolutionären Programme war«. »Dies geschah nicht, weil die lateinamerikanische Linke besonders antidemokratisch wäre, sondern weil nach ihrer eigenen Erfahrung die liberale Demokratie nicht nur Illusionen über das eigene unterdrückerische System schürte, sondern häufig auch ihre eigene Wählerschaft täuschte.«
Zudem zeigen die Präsidentschaftswahlen in Peru oder Kolumbien in den letzten Monaten, dass wenige tausend Stimmen reichten, um die Länder ultrarechten Präsidenten auszuliefern, die sogleich mit dem autoritären Staatsumbau begannen.
Dies bestätigt doch die Kritik an der liberalen Demokratie, die leider vor allem in den letzten Kapiteln von Schindlers Buch verlorengeht, wenn er den Wahlprozess zum Dreh- und Angelpunkt einer Demokratie erklärt. Dabei müsste der Fokus auf dem Aufbau einer parteiunabhängigen linken Gewerkschafts-, Landarbeiter:innen- und Frauenbewegung liegen. Hier, und nicht bei noch irgendwelchen Präsident:innen, liegt die Hoffnung für eine emanzipatorische Entwicklung.
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