Schülerinnen und Schüler rebellieren
von William Bouchardon
Kaum hatte das neue Schuljahr begonnen, da begannen Frankreichs Gymnasiast:innen, ihrem Ärger über Vernachlässigung und Geringschätzung seitens der Regierung Luft zu machen.
Die tief sitzende Unzufriedenheit mit dem Bildungswesen erinnert an frühere Proteste. Während die Bewegung versucht, sich auf die Universitäten auszudehnen, kennen die Behörden nur eine Antwort: Repression und Vorwürfe gegen La France insoumise (LFI). Die linke Partei will die Welle jugendlichen Zorns für ihren Präsidentschaftswahlkampf nutzen, während ihre Gegner hoffen, dass die Bewegung so schnell wie möglich im Sande verläuft.
Nullwachstum, steigende Arbeitslosigkeit, explodierende Kraftstoffpreise, die Preisgabe ökologischer Maßnahmen zu einer Zeit, in der sich der Klimawandel beschleunigt, ein neuer Sparhaushalt – es kommt alles zusammen. Der aktuelle soziale Aufstand geht von einer Gruppe aus, die kaum oder gar nicht wählt und das Gefühl hat, sie hat nichts zu verlieren: Es waren Schüler:innen in der Region Paris, denen ihre Altersgenoss:innen im Rest des Landes schnell folgten. Tatsächlich gibt es für sie reichlich Gründe, wütend zu sein.
Kein Geld für Essen
Es ist kein Zufall, dass die Mobilisierung an Gymnasien in den ärmeren Städten der Île-de-France begann, mit ersten Blockaden am 17.September in Créteil, einem Vorort südöstlich von Paris.
An diesen Schulen begann das neue Schuljahr erneut mit extrem schlechten Unterrichtsbedingungen. Die Gebäude sind oft baufällig: Am Paul-Éluard-Gymnasium in Saint-Denis und am Blaise-Cendrars-Gymnasium in Sevran – beide im (armen) Département Seine-Saint-Denis nordöstlich von Paris gelegen – zeigen Videos von Schüler:innen und Lehrer:innen einstürzende Decken, Ratten, Wasserlecks und einen Mangel an Stühlen und Tischen. Im Georges-Politzer-Collège in Bagnolet, einer Mittelschule für 11- bis 15jährige im selben Département, floss aus jedem Wasserhahn trübes, mit Fäkalien verunreinigtes Wasser; die Schule wurde darüber erst vier Monate nach Abschluss der Untersuchungen informiert.
Abgesehen von diesen besonders schockierenden Beispielen sind die Schulgebäude überhaupt nicht auf extreme Wetterereignisse vorbereitet. Laut einer Umfrage der SNES-FSU, der führenden Lehrergewerkschaft im Sekundarbereich, die im Mai dieses Jahres 623 Mittel- und Oberschulen erfasste, wurden in 78 Prozent der Schulen Temperaturen über 30 Grad Celsius gemessen, in jeder fünften Schule sogar über 33 Grad Celsius. Die zwischen Mai und September dieses Jahres über Frankreich hereingebrechone Hitzewelle bestätigte den Tatbestand: Es kam zu zahlreichen Ohnmachtsanfällen von Lehrkräften und Schüler:innen, an den heißesten Tagen mussten mehrere hundert Schulen schließen und die Prüfungen zum Baccalauréat (das nationale Abitur, das gleichzeitig die Berechtigung zum Hochschulzugang erteilt) verschoben werden. Die Unzufriedenheit gilt auch dem Personalmangel.
Da sie in einer bürgerlichen Blase aufgewachsen sind, wissen Macrons Minister:innen so gut wie nichts von der sozialen Realität an öffentlichen Schulen, was oft dazu führt, dass sie Reformen beschließen, die die Verhältnisse in dem Bereich noch weiter verschlechtern.
Die gleiche Logik der Ungleichheit und Privatisierung betrifft auch die Hochschulbildung. Angesichts des Mangels an Studienplätzen an öffentlichen Hochschulen entschieden sich im Jahr 2022 26 Prozent der Studierenden für eine private Hochschulausbildung – der Anteil wächst von Jahr zu Jahr. Das Leben der Studierenden wird immer teurer, ihre prekäre Lage hat in den letzten Jahren stark zugenommen. So haben beispielsweise 23 Prozent der Studierenden aus finanziellen Gründen auf eine Mahlzeit verzichtet.
Politische Folgen
Neben den Studierenden könnten sich den Schüler:innen auch ihre Lehrkräfte anschließen, von denen haben bereits einige am 29.September gestreikt, um gegen die seit Jahren stagnierenden Löhne zu protestieren.
Da ihre Forderungen oft übereinstimmen, liegt diese Bündelung der Kräfte durchaus nahe. Sie wurde am 6.Oktober Realität, als verschiedene Gewerkschaften und Jugendorganisationen wie die Union Étudiante und die Union Syndicale Lycéenne auf die Straße gingen, um groß angelegte Blockaden an Gymnasien und Universitäten zu organisieren und in ganz Frankreich zu demonstrieren.
Mit LFI hat zudem ein weiterer Akteur Schüler:innen und Studierende zur massenhaften Mobilisierung aufgerufen. Die von Jean-Luc Mélenchon geführte Linkspartei wurde sehr schnell zum politischen Sprachrohr der Forderungen der Schülerinnen und Schüler. Einige ihrer prominentesten Vertreter:innen wurden von den Jugendlichen bei den Blockaden besonders gut aufgenommen. In der Öffentlichkeit finden die Jugendlichen großenteils Unterstützung.
Angesichts dessen und konfrontiert mit Haushaltszwängen beschloss die Regierung, auf Repression zu setzen. Bei jeder sozialen Bewegung wendet Staatspräsident Macron stets dieselbe Taktik an (ausgenommen die Landwirte): hart gegen die Proteste vorgehen, um die Teilnehmenden einzuschüchtern, und mit Verweis auf die Gewalt die Bewegung in ein schlechtes Licht rücken.
Mehr als 5000 Schülerinnen und Schüler wurden in einer einzigen Woche festgenommen – ein beispielloses Ausmaß. Auch die Polizeigewalt war erheblich: Im Val-d’Oise nördlich von Paris beispielsweise feuerte die Polizei eine Granate fast aus nächster Nähe in das Gesicht eines 14jährigen.
Die Mobilisierung der Schüler:innen hat jedenfalls die gesamte politische Klasse überrascht und die Unzufriedenheit der Jugend wieder in den Vordergrund eines Präsidentschaftswahlkampfs gerückt, in dem dieses Thema bisher kaum eine Rolle spielte.
Diese soziale Bewegung ist in jedem Fall ein Gradmesser für die allgemeine Stimmung in Frankreich am Vorabend einer entscheidenden Wahl. Überall herrscht Spannung, der Macronismus wird in seinem Niedergang zunehmend von den Ereignissen überrollt und von den Bürger:innen abgelehnt. Es zeichnet sich eine sehr starke Polarisierung zwischen einem von LFI dominierten linken Lager ab, das auf sozialen Kämpfen aufbauen will, und einem von der RN dominierten rechtsextremen Block, der immer mehr martialische Vorschläge macht, um »die Ordnung« im Land wiederherzustellen, ohne Antworten auf die sozialen Ursachen der Wut zu bieten.
Der Autor leitet das Wirtschaftsressort des französischen Online-Mediums Le vent se lève. Die Langversion der Analyse findet sich auf der Webseite der Rosa-Luxemburg-Stiftung, rosalux.de/international.
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