Arbeitswelt 27. Oktober 2026

Erneuerbare Energien schaffen mehr Jobs als Rüstung
von Jörg Wuttke

Als Kompensation für die Verluste in Auto, Metall und Elektro nennt Christiane Benner Erneuerbare Energien, Speichertechnologien, Luftfahrt und Rüstung. Ein Blick auf die Zahlen relativiert die Gleichrangigkeit dieser Aufzählung erheblich.

Die Erneuerbaren-Branche beschäftigt aktuell 436000 Menschen – mehr als dreimal so viele wie die gesamte Rüstungsindustrie mit rund 135000. Der eigentliche Skandal ist nicht, dass bei den Erneuerbaren zu wenige Jobs entstünden, sondern dass dieser größere, bereits bewährte Jobmotor durch die energiepolitische Kehrtwende der Bundesregierung gefährdet wird, während parallel Milliarden schuldenfinanziert in die Rüstung fließen – von denen je nach Quelle 8–18 Prozent direkt an US-Konzerne wie Lockheed Martin gehen.
Anders als bei Erneuerbaren, die auf realer ziviler Nachfrage beruhen, hängt Beschäftigung in der Rüstung an einer fortbestehenden, politisch erzeugten Bedrohungswahrnehmung ab – eine Industrie, die vom Aufrüsten profitiert, hat ein strukturelles Eigeninteresse an Eskalation statt an Entspannung, weil Frieden ihr Geschäftsmodell schmälert.
Innerhalb der Branche wiederholt sich zudem die Standortlogik, die Benner bei der Autoindustrie kritisiert: Die Ukraine hat eine eigene Rüstungsindustrie mit einer Drohnenproduktionskapazität von rund vier Millionen Einheiten jährlich aufgebaut, deutsche Konzerne wie Rheinmetall bauen dort bereits eigene Werke, ausländische Konkurrenten wie der türkische Hersteller Baykar tun dasselbe. Und wie in der zivilen Wirtschaft produzieren Rüstungskonzerne dort, wo es am billigsten und der Bedarf am größten ist.
Was den Bedarf betrifft, ist die Ukraine derzeit der perfekte Standort für Rüstungskonzerne – vorausgesetzt, der Krieg dauert noch einige Jahre an. Ein baldiges Ende, eine Entspannung und ein langfristiger Frieden würden die Partystimmung in den Vorstandsetagen von Rheinmetall und anderen großen Rüstungskonzernen angesichts der derzeitigen Übergewinne abrupt beenden.
Am deutlichsten zeigt sich der Kriegsprofit an der Börse: Der Aktienkurs von Rheinmetall hat sich seit dem russischen Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 nahezu verzehnfacht – von rund 97 Euro auf aktuell über 1000 Euro, eine Wertsteigerung von rund 970 Prozent. Rheinmetall erzielte 2025 einen Rekordgewinn von 1,84 Milliarden Euro bei einem Umsatzwachstum von 29 Prozent, für 2026 werden 40 bis 45 Prozent erwartet.
Und selbst wo neue Kapazitäten in Deutschland entstehen, bleibt ein Grundproblem: In Friedenszeiten produziert Rüstungskapital keinen volkswirtschaftlichen Mehrwert, der sich reproduktiv in den Wirtschaftskreislauf zurückführen ließe wie Investitionen in Schienennetze oder Energieinfrastruktur.

Was fehlt: der öffentliche Nahverkehr
Auffällig ist zudem, welches Feld in Benners Liste der »Zukunftsfelder« fehlt – dabei wäre es das naheliegendste, um Klimaschutz und Beschäftigung in der Autoindustrie zusammenzudenken: der öffentliche Nahverkehr.
Zumindest ein Teil der IG Metall hat sich bereits für diesen Weg ausgesprochen – der Arbeitskreis Internationalismus der IG Metall Berlin argumentierte 2024 explizit für den Ausbau des öffentlichen Transports und eine Reduzierung des Individualverkehrs. An Strukturen fehlt es nicht: Seit 2020 gibt es einen bundesweiten »Zukunftsfonds Automobilindustrie«, ausgestattet mit einer Milliarde Euro; dazu 27 von der IG Metall mitinitiierte regionale Transformationsnetzwerke, etwa in Wolfsburg oder Kassel.
Nur zielen diese Netzwerke darauf, das bestehende Produktionsmodell – den privaten Pkw – technologisch zu erneuern und die Produktionskosten dafür zu minimieren – und nicht die Produktion auf dringend benötigte Nahverkehrsmittel zu erweitern.

Rechenzentren und der erfundene Quantencomputer
Christiane Benner nennt Rechenzentren eine »Notwendigkeit« und verweist zur Untermauerung auf den »drittgrößten Quantencomputer der Welt« in Jülich. Diese Zahl lässt sich nirgends verifizieren – tatsächlich betreibt Jülich den weltweit größten Annealing-Quantencomputer (Platz 1 in seiner Kategorie) sowie separat den viertschnellsten klassischen Supercomputer der Welt.
Der Nutzen für die von Benner versprochene Produktivitätssteigerung durch Quantencomputing ist fraglich. Ein einzelnes Qubit – die Recheneinheit eines Quantencomputers – ist störanfällig und liefert immer wieder falsche Werte. Um trotzdem verlässliche Ergebnisse zu bekommen, verteilt man dieselbe Information redundant auf tausende Qubits gleichzeitig und gleicht sie laufend gegeneinander ab, ähnlich wie man aus tausend ungenauen Einzelmessungen durch Abgleich einen verlässlichen Mittelwert gewinnt. Erst dieser aufwendige Abgleich macht aus vielen fehleranfälligen Bauteilen eine einzige nutzbare Recheneinheit.
Für die breite wirtschaftliche Produktivitätssteigerung, die Benner in Aussicht stellt, reicht der heutige Stand der Technik nicht: Für gewöhnliche Anwendungen bringen Quantencomputer keinerlei Vorteil, ihr Nutzen bleibt auf wenige Spezialaufgaben beschränkt – etwa komplexe Simulationen in der Chemie oder Optimierungsprobleme in der Logistik. Die These, Rechenzentren und Quantencomputing könnten kurzfristig helfen, die Produktivität zu steigern und damit Beschäftigung zu sichern, ist also Zukunftsmusik und kein Hebel für die Beschäftigungskrise von heute.
Noch problematischer ist, was unbeantwortet bleibt: Auf den wachsenden US-Widerstand gegen den Strombedarf von Rechenzentren antwortet Benner mit einem reinen Souveränitätsargument, ohne zu erwähnen, dass Rechenzentren bereits heute rund vier Prozent des deutschen Stromverbrauchs ausmachen, Tendenz steigend.
Was fehlt, ist ein konkretes Programm: Tarifbindung als Bedingung für die Ansiedlung neuer Rechenzentren, verbindliche Weiterbildung für Beschäftigte aus schrumpfenden Branchen, die Pflicht zur Nutzung von Abwärme für die Fernwärme und zusätzlich zugebautem erneuerbarem Strom.

Rüstung und Frieden – ein Widerspruch
Auf die Frage, ob die Rüstungskonjunktur den Industrieabbau auffangen kann, antwortet Christiane Benner, Vorsitzende der IG Metall, mit Nein – maximal zehn Prozent der wegbrechenden Jobs seien so zu kompensieren, ihr eigentliches Ziel müsse “eine Zukunft durch Diplomatie und Frieden” sein.
Schön gesagt, nur ohne Konsequenz. Die IG-Metall-Satzung verpflichtet die Gewerkschaft ausdrücklich zu Frieden, Abrüstung und Völkerverständigung als »unverrückbarem Grundsatz«.
Praktisch bekannte sich die IG Metall Berlin im Juli 2026 zur Umwandlung des früheren Pierburg-Automobilzulieferwerks in eine Munitionsfabrik für Rheinmetall, 293 Beschäftigte wechseln in die neu gegründete Rheinmetall Waffen Munitions GmbH. Die zuständige Geschäftsführerin der IG Metall Berlin, Ines Beeck, versucht den Spagat mit der Formel, friedenspolitischer Auftrag und Interessenvertretung »gehören untrennbar zusammen«.
Das Bündnis »Sagt NEIN! – Gewerkschafter:innen gegen Krieg, Militarismus und Burgfrieden« nennt es treffender die Fortsetzung eines opportunistischen Burgfriedenskurses und verweist darauf, dass der Zweite IG-Metall-Vorsitzende Jürgen Kerner bereits 2025 auf einem Handelsblatt-Kongress gemeinsam mit Bundeswehr- und Rheinmetall-Vertretern für den Einzug der Autoindustrie in die Rüstungsproduktion geworben hatte.
Auf dem letzten Gewerkschaftstag verteidigte der IG-Metall-Vorstand in seinem Leitantrag ausdrücklich Waffenlieferungen an die Ukraine und das 100-Milliarden-Aufrüstungsprogramm – gegen Anträge von der Basis, die sich auf den Friedensparagrafen der eigenen Satzung beriefen. Eine eigene Friedensinitiative der Gewerkschaftsspitze bezogen auf ihre eigene Satzung: Fehlanzeige.

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