Die Kollektivierung der Industrie in Katalonien 1936
von Paul Michel
Der Putsch der Generäle am 17.Juli 1936 löst In Katalonien das aus, was er eigentlich verhindern wollte: die soziale Revolution. Weil nach der Niederschlagung des Putsches die Mehrzahl der Unternehmer geflüchtet war, wurden die verwaisten Betriebe von den Belegschaften in Selbstverwaltung übernommen.
Als die Arbeiter nach Beendigung des Generalstreiks in die Betriebe zurückkehrten, stellten sie fest, dass viele ihrer Arbeitgeber, Chefs und Vorarbeiter nicht mehr da waren, einige aus politischen oder ideologischen Gründen, andere aus Angst vor Vergeltungsmaßnahmen oder Repressalien. Die Arbeiter:innen übernahmen die Fabriken, um die Produktion wieder aufzunehmen.
Etwa 40 Prozent der Fabriken und Dienstleistungsbetriebe in Katalonien wurden in den Tagen nach der Rebellion der Generäle von den Belegschaften wieder in Gang gesetzt. Ohne dass es von oben große Anweisungen und Richtlinien gegeben hätte, machten sich die Leute an die Arbeit. »Sie brachten die Fabriken wieder ans Laufen, unverzüglich. Und das mit geringer Unterstützung von Technikern, ohne Geschäftsführung und Eigner,« sagt der Historiker Agustín Guillamón im Film Economia Collectiva.
Für die anarchistischen Arbeiter in Katalonien war die Vorstellung, dass sie die Betriebe zu ihrer und der Gesellschaft Nutzen in eigene Regie übernehmen könnten, nichts Ungewöhnliches. Die in der CNT organisierten Kolleg:innen hatten sich nie darauf beschränkt, ihren Blick nur auf kleine Verbesserungen beim Lohn und den Arbeitsbedingungen zu richten, und die im Betrieb herrschende Hierarchie nicht akzeptiert. Sie hatten immer das Ziel, die Unternehmerherrschaft in den Betrieben zu brechen und in der Gesellschaft einen »libertären Kommunismus« aufzubauen.
Auf dem Kongress der CNT im Februar 1936 in Zaragoza war die Kollektivierung der Betriebe ein wichtiges Thema gewesen. Allerdings überraschte es sie, dass dieser Fall so schnell eintreten würde. Aber sie waren in der Lage, rasch und angemessen auf die neue Situation zu reagieren.
Demokratie in der Werkshalle
In der Regel wurde als erstes in den Betrieben eine Versammlung aller Beschäftigten einberufen. Sie wurde zum obersten Entscheidungsorgan. Hier wurde besprochen, was nun zu tun sei, und es wurden die groben Handlungsrichtlinien, die Grundzüge der Geschäftspolitik des Betriebs festgelegt.
Die Arbeiter wählten ein Komitee, das künftig für die technische Leitung und das Tagesgeschäft verantwortlich sein sollte: den Fabrikrat. In diesem sollten Vertreter aller im Betrieb vertretenen Beschäftigungsgruppen repräsentiert sein: Handarbeiter, Angestellte, Techniker und Verwaltungspersonal. Der Fabrikrat umfasste je nach Größe des Betriebs fünf bis zehn Leute. In größeren Betrieben gab es in den Abteilungen nochmal eigene Versammlungen, die eigene Räte wählten, die für die abteilungsspezifischen Angelegenheiten zuständig waren.
Der Fabrikrat war der Arbeiterversammlung rechenschaftspflichtig. Er konnte abgewählt werden, wenn er nicht mehr das Vertrauen der Belegschaft besaß. »Demokratie findet hier in der Werkshalle statt, an den Fließbändern«, stellt der Historiker Antoni Castells Duran, Autor wichtiger Bücher über die Selbstverwaltung der Betriebe fest.
Arbeiterkontrolle und Rationalisierung
Die einfachste Form der Übernahme eines Betriebs war die incautación (wörtlich: Beschlagnahme), die Übernahme des Betriebs durch die Belegschaft. In Katalonien war sie die Regel, egal ob die Besitzer geflohen waren oder nicht. Wurde der Betrieb nicht übernommen, so trat die intervención in Kraft, die Unterstellung der Betriebsleitung unter die Aufsicht von gemischten staatlich-gewerkschaftlichen Ausschüssen – das, was wir für gewöhnlich als »Arbeiterkontrolle« bezeichnen.
Ein wichtiges Merkmal der Kollektivierung in der Industrie war das Bestreben, die kleinen, ungesunden und kostspieligen Werkstätten und Fabriken abzuschaffen. Die Arbeiter:innen waren der Ansicht, dass die Zersplitterung der Kräfte einen enormen Energieverlust, einen irrationalen Einsatz von menschlicher Arbeitskraft, Maschinen und Rohstoffen und eine nutzlose Verdoppelung der Anstrengungen darstellte.
In einigen Branchen gab es in Katalonien überwiegend kleine, wenig produktive Betriebe, in denen oft unter gesundheitsschädlichen Bedingungen gearbeitet werden musste. Sie wurden nun zu größeren Einheiten zusammengefasst und koordiniert. Statt dreißig verschiedener Betriebe gab es nur noch einen mit zwei oder drei Produktionszentren. Dadurch wurde die Verwaltung viel einfacher. Die Fabriken mit den besten Bedingungen wurden übernommen. Manchmal wurden neue gegründet mit neuen Arbeitern und Maschinen.
Ein Beispiel dafür ist war optische Industrie, die vor der Revolution praktisch nicht existierte. Die kleinen, verstreuten Werkstätten, die es zuvor gegeben hatte, wurden in ein Kollektiv umgewandelt. Innerhalb kurzer Zeit stellte die Fabrik Operngläser, Telemeter, Ferngläser, Vermessungsinstrumente, Industriegläser in verschiedenen Farben und bestimmte wissenschaftliche Instrumente her. Sie fertigte und reparierte auch optische Geräte für die Kämpfenden an der Front.
Humanisierung der Lebensverhältnisse
In den Betrieben wurden kleine, aber für die Beschäftigten wichtige Veränderungen sozialer Art vorgenommen. So wurden zum Beispiel Toiletten in jeder Etage eingebaut, in den Gemeinschaftswaschräumen wurden Duschen eingerichtet. Die Arbeiter:innen waren begeistert.
Die CNT trat für gleiche Löhne ein. Jeder sollte das gleiche verdienen, nämlich zehn Peseten. Dagegen wehrten sich häufig die Techniker und Verwaltungsleute. Insgesamt war es aber so, dass die Einkommensunterschiede zwischen den verschiedenen Beschäftigtengruppen deutlich verringert wurden. Auffällig ist allerdings, dass sich an der grundlegenden Benachteiligung von Frauen wenig änderte. Sie waren kaum in den Selbstverwaltungsgremien vertreten, und ihre Löhne lagen zumeist deutlich unter denen der Männer.
Wer vor 1936 arbeitslos oder krank war und keine private Versicherung hatte, war auf die Hilfe der Familie oder von Freunden angewiesen. Nun richteten die Industriebetriebe soziale Sicherungssysteme ein. Die Bedingungen waren nicht in allen Betrieben gleich, aber oft ähnlich. Versicherung, Krankenhausaufenthalte und Arzneien waren jetzt kostenfrei. Arbeitsunfähige Arbeiter erhielten fast den gleichen Lohn.
Im September 1936 wurde in Barcelona das Syndikat für Sanitätsdienste gegründet, das innerhalb weniger Monate 7000 qualifizierte medizinische Fachkräfte umfasste, darunter über tausend Ärzte verschiedener Fachrichtungen. Es war Teil der Nationalen Föderation für öffentliche Gesundheit, einer Sektion der CNT, die 1937 bereits 40000 Mitglieder zählte. Am 28.August 1936 wurde der »Allgemeine Gesundheitsrat« (Consell General de la Sanitat) gegründet.
Am 27.Juli wurde ein »Rat der Neuen Einheitsschule« (CENU –Consell de l’Escola Nova Unificada) gebildet. Sein Ziel war, die eklatanten Mängel im Bildungswesen zu beheben. Ende Oktober 1936 kündigte die CENU die Eröffnung von siebzig Schulkomplexen mit einer Kapazität für 30000 Kinder in Barcelona an. In Betrieben wurden Bibliotheken eingerichtet und Weiterbildungsmöglichkeiten geschaffen.
Erstaunliche Erfolge
Die Übernahme der großen Industrieunternehmen vollzog sich mit erstaunlicher Leichtigkeit ohne Produktionsstörungen. Es zeigte sich, dass für das Funktionieren eines modernen Wirtschaftsunternehmens weder Aktienbesitzer noch hoch bezahlte Direktoren oder Aufsichtsräte erforderlich sind.
Die Versorgungs- und Verkehrsbetriebe in Barcelona wurden von gemeinsamen CNT/UGT-Ausschüssen geleitet. Bereits zwei Tage nach dem Aufstand lief der Verkehr wieder wie gewöhnlich: Straßenbahnen, Autobusse und U-Bahn funktionierten normal, Gas und Strom wurden ohne Pannen geliefert. Nur fünf Tage nach Beendigung der Kämpfe waren die Straßenbahnschienen geräumt und repariert, siebenhundert Straßenbahnwagen, hundert mehr als die üblichen sechshundert, waren im Einsatz – alle auf den Seiten in den rot-schwarzen Farben der CNT-FAI lackiert. Die technische Organisation der Straßenbahnen und der Verkehrsbetrieb wurde stark verbessert, neue Sicherheits- und Signalsysteme wurden eingeführt und die Straßenbahnlinien begradigt.
Eine der ersten Maßnahmen der Kollektivierung war die Entlassung der überbezahlten Betriebsleiter, was dem Kollektiv ermöglichte, die Fahrpreise für die Fahrgäste zu senken. Die Arbeitsbedingungen wurden erheblich verbessert und ein neuer kostenloser medizinischer Dienst eingerichtet, der nicht nur den Straßenbahnarbeitern, sondern auch ihren Familien diente.
Die Kollektivierung von 80 Prozent der katalanischen Industrie durch die Belegschaften kann mit Fug und Recht als der bedeutendste Emanzipationsversuch der Arbeiter:innenbewegung bezeichnet werden. Ich meine, dass das nicht nur Geschichte ist. Es kann uns auch heute noch Denkanstöße für die Diskussion darüber geben, wie eine bessere, gerechtere Welt aussehen kann, auch wenn die politische Gemengelage 2026 eine ganz andere ist als die vor 90 Jahren.
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