Krisen und Konflikten trotzen
von Nele Johannsen
Es fällt schwer, zum Jahresbeginn gelassen zu bleiben, 2025 war ein hartes Jahr. Die Welt taumelt weiter von Krise zu Krise. Auf Krieg, Klimakatastrophe und sozialen Absturz reagieren die politisch Verantwortlichen mit den immer gleichen Rezepten: Aufrüstung, Abschottung, Austerität.
Während Kriege ganze Regionen verwüsten und unzählige Menschenleben fordern, pumpen die Regierungen in Europa Milliarden in Waffen. Die Preise und Mieten steigen, der Wohnraum wird immer knapper, eine sozialpolitische Entlastung ist nicht in Sicht.
Der voranschreitende ökologische Kollaps wird behandelt wie ein lästiges Hintergrundgeräusch, das man mit ein paar Innovationsversprechen übertönen will, und unter dem Deckmantel der »Sicherheit« werden neue fossile Abhängigkeiten geschaffen. Rechtsextreme Bewegungen und Parteien gewinnen an Boden, autoritäre Regime verschärfen die Repression und die demokratischen Räume schrumpfen.
Immer wieder erklingt die gleiche zynische Melodie: Es gibt »keine Alternative«, wir müssen uns »wappnen«, »verantwortungsvoll sparen« und »Verteidigungsbereitschaft zeigen«.
Und dennoch – 2025 war kein Jahr der Resignation. Im Gegenteil: Proteste und Aufbrüche machen sichtbar, dass sich viele nicht länger abspeisen lassen und beginnen, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Risse im Beton der vermeintlichen Alternativlosigkeit. Und genau diese Risse gilt es ernst zu nehmen, denn sie zeigen, dass Menschen sich ihre Handlungsfähigkeit zurückholen.
Kämpfe von unten
Ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie Arbeiter:innenmacht im 21.Jahrhundert aussehen kann, bietet ein Blick nach Italien. Seit vier Jahren wehren sich in Florenz ehemalige GKN-Beschäftigte im Rahmen des Projekts Ex-GKN for Future gegen die Abwicklung der Fabrik durch einen Finanzfonds.
Mit einem konkreten Plan für eine ökologische Produktion unter eigener Kontrolle zeigen die Besetzer:innen, dass es eine Alternative zu Arbeitsplatzabbau und zur Konversion zu militärischer Produktion gibt.
Das Projekt machte im vergangenen Jahr einen spürbaren Schritt nach vorne: Mit der Gründung eines öffentlichen Konsortiums, das auf einem von Arbeiter:innen und solidarischen Expert:innen erarbeiteten Regionalgesetz basiert, erhalten die Beschäftigten erstmals ein Instrument, das Reindustrialisierung, Enteignung bei Spekulation und eine kooperative Zukunft des Werks überhaupt ermöglicht – ein hartnäckiger Gegenentwurf zum neoliberalen Versprechen, dass nur der Markt die Zukunft gestalten könnte.
Auch an anderen Orten entstanden politische Aufbrüche: In Sri Lanka wagte die Bevölkerung nach Jahren der Krise einen politischen Bruch. Ende 2024 wurde erstmals ein Präsident gewählt, der aus einer offenen marxistischen Bewegung kommt – ein Ergebnis von massiven Protesten, die die alte politische Elite ins Wanken brachten. Die neue Regierung unter Anura Kumara Dissanayake versucht nun, dem Spardiktat des IWF zumindest soziale Akzente entgegenzusetzen.
Ebenso geriet in Serbien eine lange festgefahrene autoritäre Herrschaft unter Druck. Auslöser war der Einsturz des Bahnhofdaches von Novi Sad im November 2024, bei dem 16 Menschen ums Leben kamen – ein Ereignis, das für viele zum Symbol des Kollaps eines Systems aus Korruption, Pfusch und jahrzehntelangem Machtmissbrauch wurde und als Funke ein ganzes Land entzündete.
Die Folge ist eine landesweite Protestbewegung: Studierende, Kulturschaffende, Arbeiter:innen und Nachbarschaftsgruppen, die Blockaden, Besetzungen und Massenkundgebungen organisieren und gegen das autoritäre System von Aleksandar Vucic protestieren.
Trotz Polizeigewalt, medialer Hetze und massiver Einschüchterungsversuche ebbt die Bewegung nicht ab: Die Proteste füllen weiterhin die Straßen, Universitäten bleiben politisierte Räume, und die Forderung nach Neuwahlen wird immer lauter.
Widerstand hierzulande
Auch in Deutschland stehen die Proteste nicht still: Die jüngsten Aktionen des Bündnisses widersetzen gegen den AfD-Jugendkongress in Gießen wurden zur stärksten antifaschistischen Mobilisierung seit Jahren. 50.000 blockierten und störten, verhinderten den reibungslosen Ablauf und zeigten entschlossenen Widerstand. Und daneben all die kleinen, hartnäckigen Initiativen, die selten in den Nachrichten auftauchen, aber im Alltag viel bewegen: wie die beharrlichen Omas gegen Rechts, die sich mit einer Mischung aus Nonchalance und glasklarer Ablehnung gegen so manche rechte Veranstaltung stellen.
Bemerkenswert ist zudem der immer lauter werdende Protest gegen Aufrüstung und Militarisierung. Während die Regierung mit immer größerem Selbstverständnis von »Verteidigungsbereitschaft« und »Pflichtdiensten« spricht, formiert sich ein Widerstand unter jenen, die am meisten betroffen wären: den jungen Menschen selbst.
Als der Bundestag am 5.Dezember das neue Wehrdienstgesetz verabschiedete, antworteten die Jugendlichen nicht mit Resignation, sondern mit einem bundesweiten Schulstreik.
Am gleichen Tag gingen im Rahmen der Kampagne »Schulstreik gegen Wehrpflicht« 55.000 Schüler:innen in über 80 Städten auf die Straßen, um ihren Unmut kundzutun.
Dies zeigt: Die Generation, die so oft als unpolitisch oder fragil abgestempelt wird, ist sehr wohl bereit sich zu organisieren, zu streiken und Grenzen zu ziehen. Und sie formuliert dabei eine einfache, radikale Wahrheit: Das Recht, nicht zu töten, ist nicht verhandelbar. Der nächste Streik ist bereits für den 5.März 2026 geplant.
Eine Generation sagt Nein
Nicht nur in Deutschland wehrt sich die junge Generation, sondern weltweit. Die sog. »Gen Z« füllt zu Zehntausenden die Straßen, um sich gegen die Regime, die ihre Zukunft verspielen, zu wehren.
In Nepal, Madagaskar, Marokko, Indonesien, Kenia, Peru, den Philippinen und Mexiko gehen junge Menschen massenhaft gegen Korruption, Repression, Ungleichheit, Klimazerstörung, Preisexplosionen und Polizeigewalt auf die Straße. Als gemeinsames Symbol nutzen sie die Strohhutflagge aus dem Anime One-Piece – sie steht für Aufbegehren, Crew-Solidarität und die Weigerung, sich der Autorität korrupter »Weltregierungen« zu beugen. Die Flagge wurde zu einem verbindenden Zeichen dieser Generation, ein »Wir« jenseits nationaler Grenzen.
Die Aufstände sind unterschiedlich und oft chaotisch, nicht immer organisiert, nicht immer strategisch. Aber sie machen deutlich: Junge Menschen akzeptieren nicht mehr, dass andere über ihre Zukunft entscheiden. Und sie hat eine neue politische Grammatik geschaffen – aus Popkultur, Wut, Solidarität und digitaler Geschwindigkeit.
Dranbleiben
2026 wird uns nicht schonen. Die Konflikte werden weitergehen, die Krisen nicht verschwinden, und autoritäre Kräfte werden weiter versuchen, Angst in Politik umzuwandeln. Doch wir starten nicht in einem Vakuum. Wir gehen nicht mit leeren Händen ins neue Jahr. Überall entstehen Risse im Beton: Wir starten mit Arbeiter:innen, die sich nicht abwickeln lassen; mit solidarischen Strukturen, die sich gegenseitig unterstützen; mit Jugendlichen, die Militarisierung nicht als Naturgesetz akzeptieren; und mit einer jungen Generation, die klar macht: Wenn ihr uns keine Zukunft gebt, holen wir sie uns.
Hoffnung ist nicht nur ein Gefühl, sondern eine Praxis, die aus Beharrlichkeit, Mut und gemeinsamen Handeln entsteht. 2026 wird kein leichtes Jahr, aber ein Jahr in dem wir weiter protestieren und Veränderungen anstreben können. Deshalb: Dranbleiben, einmischen, solidarisch sein. Die Risse sind schon da. Jetzt kommt es darauf an, sie zu erweitern.
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