›Es wird kein Stein auf dem anderen bleiben‹
von Paul Michel
Schon länger gab es Hinweise darauf, dass es auch Ende 2026 nichts werden würde mit der geplanten Teileröffnung des neuen Stuttgarter Tiefbahnhofs. Mitte November bestätigte die neue Bahnchefin, dass die Inbetriebnahme zum x-ten Mal abgesagt wird. In den nächsten Wochen werde analysiert, was man insbesondere beim Projektmanagement anders machen müsse. Auch die Leistungsfähigkeit des Dienstleisters Hitachi wolle man überprüfen.
Im Juli hatte die Bahn noch angekündigt, Stuttgart 21 im Dezember 2026 zumindest teilweise in Betrieb nehmen zu wollen. Der Fernverkehr und ein Teil des Regionalverkehrs sollten dann in den neuen Tiefbahnhof fahren, ein Teil des Regionalverkehrs dagegen bis Juli 2027 weiter im alten oberirdischen Kopfbahnhof enden.
Nun heißt es seitens der Bahn: Bereits vor dem Amtsantritt von Evelyn Palla im Oktober habe sich bei Analysen der DB Projekt Stuttgart–Ulm GmbH und des Beratungsunternehmens PWC abgezeichnet, dass das geplante Eröffnungsdatum erhebliche Risiken berge. Kernproblem sind offenbar technische Probleme am Digitalen Knoten Stuttgart, durch den die Leit- und Sicherungstechnik der Bahn im Großraum Stuttgart digitalisiert werden soll. Offenbar gibt es Probleme mit der Zulassung und Freigabe der Technik von Hitachi, dem zentralen Projektpartner beim Digitalen Knoten.
Einen neuen Termin für die Inbetriebnahme nannte Palla nicht. Der könne voraussichtlich erst Mitte des kommenden Jahres genannt werden, wenn ein valides Konzept für die Fertigstellung der Arbeiten vorliege, zitierte der Spiegel Stimmen aus Konzernkreisen.
»Wir fordern von der neuen Bahnchefin Evelin Palla echte Transparenz«; »Das letzte bisschen Vertrauen werde verspielt, man fühle sich getäuscht«, klagen jetzt theatralisch ausgerechnet jene Kreise, die über viele Jahre hinweg stets alle offenkundigen Probleme schöngeredet und mit allerlei Tricks die Fortführung des Vorhabens durchgesetzt haben. Es ist irgendetwas zwischen peinlich, ärgerlich und unverschämt, wenn ausgerechnet diese Kreise jetzt jammern, dass das Projekt vermurkst ist.
Kopfbahnhof und Gäubahn erhalten!
Bei ihrer Amtseinführung am 18.Oktober hatte Palla angekündigt, alles anders machen zu wollen: »Wir drehen den Konzern auf links: Ich setze auf einen kompletten Neuanfang«, sagte Palla der Bild am Sonntag. Jetzt äußerte die neue Bahnchefin in einem Gespräch mit Bild, sie wolle den immer weiteren Verzögerungen beim Tiefbahnhof Stuttgart auf den Grund gehen. Es werde interne Untersuchungen geben: »Da wird kein Stein auf dem anderen bleiben.«
Anfang Dezember kündigte Palla eine grundlegende Umorganisation der Führungsstrukturen bei der Bahn an. Laut einem Bericht des Handelsblatts plant die Konzernchefin, die Führungsriege deutlich zu verschlanken und das Topmanagement zu halbieren. Was das konkret für die Geschäftspolitik des Konzerns oder für das Großprojekt Stuttgart 21 bedeuten soll, darüber erfahren wir bisher leider wenig außer ein paar Allgemeinplätzen zu den Themen: »Mehr Sicherheit an Bahnhöfen« und »Mehr Sauberkeit in den Zügen des Fernverkehrs.«
Am 10.Dezember soll es eine Aufsichtsratssitzung der DB AG und am 12.Dezember in Stuttgart eine Krisensitzung des Lenkungsausschusses zwischen Bahn, Land, Stadt und Region Stuttgart geben. Wir können gespannt sein, ob bei diesen Terminen endlich die grundlegenden Probleme der Bahn und des Projekts Stuttgart 21 angegangen werden.
Stuttgart 21 ist schon heute mit – Stand jetzt – fast 12 Milliarden Euro an prognostizierten Kosten eine Geldverbrennungsmaschine par excellence. Die derzeitigen Probleme bringen weitere Mehrkosten. Es ist davon auszugehen, dass das Projekt nochmals um 1–2 Milliarden Euro teurer wird.
Zwei weitere Themen gehören auf die Tagesordnung: Anhydrid und Brandschutz. In der Presse fanden sich, sozusagen zwischen den Zeilen, Bemerkungen, dass es rund um den Tiefbahnhof Probleme mit dem »geologisch anspruchsvollen Untergrund« und mit dem Brandschutz gebe. Bislang wurde das systematisch geleugnet, ignoriert oder kleingeredet, es ist an der Zeit, dass das endlich in vollem Umfang auf den Tisch kommt und auf dieser Grundlage beurteilt wird, ob Stuttgart 21 realisierbar ist – oder eben nicht.
Jetzt und sofort muss das heißen: Der Kopfbahnhof und der Gäubahnanschluss müssen erhalten bleiben. Das heißt im Umkehrschluss: Das Rosensteinprojekt, das vorsieht alle Gleise rauszureißen und auf der Fläche hochpreisige Immobilien zu bauen, muss endgültig vom Tisch!
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