Abdulrazak Gurnah: Diebstahl. Aus dem Englischen von Eva Bonné. München: Penguin, 2025. 336 S., 26 Euro
von Gerhard Klas
Mit Diebstahl hat Abdulrazak Gurnah den ersten Roman seit seinem Literaturnobelpreis 2021 veröffentlicht. Er spielt in den 1990er Jahren in Sansibar und Dar es Salaam. Es geht um Familiengeschichten, um politische Veränderungen, um Schuld und Verrat im postkolonialen Tansania der 90er Jahre.
Der Waisenknabe und Dienstbote Badar ist der heimliche Held in Gurnahs elftem Roman. Anfangs prägen die unglücklich verheiratete, in konservativen Strukturen gefangene Raya und ihr Sohn Karim die Geschichte. Rayas mühsamer Kampf um Unabhängigkeit führt sie nach Dar Es Salaam, wo sie nach der Scheidung in den Haushalt eines Apothekers einheiratet. Mit dreizehn Jahren findet Badar dort eine Anstellung als Dienstbote.
Zunächst übersieht man Badar fast, aber nach und nach macht Gurnah ihn zur Hauptfigur: Badars Beobachtungsgabe und Empathie gegenüber Mitmenschen machen ihn zum wichtigsten Erzähler des Romans. Zu leiden hat er im Haushalt vor allem unter dem abweisenden Hausherren, den er bekocht und dem er beim Altern zusieht. Als dieser ihn zu Unrecht des Diebstahls beschuldigt, scheint Badars Schicksal besiegelt: Ohne Arbeit und ohne Wohnung würde ihm nur noch das Elend auf der Straße bleiben.
Sein Retter wird Karim, der eine Beamtenlaufbahn einschlägt und ihn mit nach Sansibar nimmt. Dass auch im postkolonialen Tansania noch eine unterwürfige Haltung gegenüber Europäern verlangt wird, muss Badar dann bei seiner neuen Arbeit als Hoteldiener erfahren.
Besonders fesselnd wird es in den letzten Kapiteln des Buches, wenn sich Karim und Badar in einem Geflecht aus Freundschaft, Schuld, Macht und Verpflichtung verwickeln. Karim macht Karriere, verbiegt sich – Badar bleibt sich treu und verkörpert innerliche Stärke.
Diebstahl ist mehr als eine Familiensaga vor einem postkolonialen Hintergrund. Es ist ein Roman über diejenigen, die man leicht übersieht. Über Menschen, deren Leben von anderen bestimmt wird – und die trotzdem eigene Größe entfalten.
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