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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 03/2017 |

Revolution und Bürgerkrieg in Spanien, Teil X

Die KP als Totengräber der Revolution
von Paul Michel

Nach den Wahlen am 17.Februar 1936 bekam die Kommunistische Partei Spaniens (Partido Comunista de España – PCE) einen deutlichen Mitgliederzuwachs. Er beschleunigte sich noch einmal in den Monaten nach Francos Putsch. Zur Jahreswende 1936/37 war die PCE die dominierende Kraft im republikanischen Lager, und sie nutzte diese Machtposition, um ihre Vorstellungen anderen Kräften aufzuzwingen.

Auf die Niederschlagung des Putsches war in den republikanischen Gebieten eine revolutionäre Welle gefolgt, die Milizen kontrollierten die Städte, in Industrie und Landwirtschaft gab es weitreichende Kollektivierungen. Dies alles stürzte das Kleinbürgertum in der republikanischen Zone in tiefe Verzweiflung. Händler, Hoteliers, Besitzer von Cafés und exklusiven Bars, aber auch Optiker, Zahnärzte, Besitzer eleganter Kleidergeschäfte, Schneider und Immobilienmakler sahen sich in doppelter Hinsicht in ihrer gesellschaftlichen Stellung bedroht. Zum einen kam es durchaus vor, dass ihre Geschäfte und Betriebe kollektiviert wurden und sie sich vor die Alternative gestellt sahen, entweder zu gleichem Lohn wie ihre bisherigen Beschäftigten im eigenen Betrieb weiterzuarbeiten, oder aber den Betrieb zu verlassen, ohne entschädigt zu werden.

Hinzu kam eine «Kulturrevolution», die sie zutiefst verunsicherte. Das vorher übliche Zurschaustellen der eigenen, besseren Position in Form von eleganter, teurer Kleidung oder der demonstrative Besuch von gehobenen Etablissements war «gefährlich» geworden. Wer in Madrid, Barcelona oder Valencia durch sein Äußeres bei den antifaschistischen Milizen den Eindruck erweckte, er könnte ein «Señorito» sein, lebte gefährlich. Deswegen beherrschten nun auf der Gran Vía von Madrid und den Ramblas von Barcelona nicht mehr Zylinder und elegante Herrenanzüge das Bild, sondern der schlichte Blaumann des Proletariers.

Die Mittelklasse passte sich äußerlich der neuen «Mode» an in der Hoffnung, der revolutionäre Spuk möge bald vorbei sein. Allerdings trat das zunächst nicht ein. Enttäuscht mussten die Kleinbürger feststellen, dass ihre bisherigen politischen Vertreter, die liberalen Republikaner, ebenso wie sie selbst es in dieser Situation vorzogen, politisch in Deckung zu gehen. Niedergeschlagen und verzweifelt stellten sie mit Erstaunen fest, dass nur eine politische Partei sich der revolutionären Welle entgegenwarf und offensiv für ihre Anliegen und Interessen eintrat: die PCE. Sie wurde zum Hoffnungsträger der Mittelklassen.

 

Partei der Ordnung und des Privateigentums

Im Gegensatz zu dem, was im franquistischen Lager kolportiert wurde, präsentierte sich die PCE nicht als Partei des Umsturzes, sondern als Partei der Ordnung. Sie trat für die Aufrechterhaltung der Republik, für den Schutz des Privateigentums und die Wahrung der bürgerlichen Legalität ein. Sie nahm sich der Themen an, die die kleinen Selbständigen umtrieben, und legte besonderen Nachdruck auf gute Beziehungen zu den Führungen der bürgerlichen Republikaner. Gegen alle, die für die Weiterführung der Revolution, die Kollektivierung von Landwirtschaft und Industrie eintraten, führte die PCE einen Feldzug.

So wurde sie zur Verteidigerin der städtischen und ländlichen Mittelschichten  und spielte damit die Rolle, die eigentlich die bürgerlich-republikanischen Parteien hätten einnehmen sollen. Die Entschlossenheit, mit der sie diese Politik vertrat, entsprang nicht kurzfristigen opportunistischen Erwägungen, sondern ihrer Volksfrontkonzeption: Die orientierte auf das Bündnis mit dem liberalen Bürgertum und beinhaltete, dass jetzt, da es darum ging, den Krieg zu gewinnen, weitergehende Forderungen wie eine grundlegende Änderung der Eigentumsverhältnisse zurückzustehen hätten.

 

Kampf gegen Kollektivierungen

Tatsächlich tat die PCE einiges dafür, um Klein- und Mittelbauern, die sich der Kollektivierung der Landwirtschaft widersetzten, den Rücken zu stärken. In Katalonien unterstützte sie die Gewerkschaft der Kleinpächter (Unió de Rabassaires). Vicente Uribe, der PCE-Landwirtschaftsminister, forderte die Bauern auf, den Kollektiven fernzubleiben und stattdessen der von den Stalinisten gegründeten Landwirtschaftsorganisation beizutreten.

Die PCE begnügte sich keineswegs mit Propagandakampagnen gegen die Kollektive. Im Orangen- und Reisanbaugebiet der Provinz Valencia Levante schlossen sich bis März 1937 50000 wohlhabende Bauern, die vor dem Bürgerkrieg  eher rechte Organisationen unterstützt hatten, der von der PCE gegründeten Bauernvereinigung an, die heftige Auseinandersetzungen mit den beiden Gewerkschaften CNT und UGT führte. Denn die beiden Gewerkschaften führten Kollektive, die versuchten, den gesamten Agrarbereich, von der Produktion über die industrielle Weiterverarbeitung bis zum Vertrieb, zu organisieren. Das hätte den profitablen Zwischenhandel dem Zugriff der reichen Bauern und der mit ihnen verbundenen Händlern entzogen.

Im Sommer 1937 kam es zu Angriffen stalinistischer Verbände auf kastilische Kollektive. Trauriger Höhepunkt dieser Angriffe war der von General Lister und der 11.Division der «Volksarmee» auf den «Verteidigungsrat von Aragón» – die letzte Bastion derjenigen Anarchisten, die sich nicht der Linie der PCE angepasst hatten. Gleichzeitig löste Lister alle bestehenden Agrarkollektive in Aragón auf – mit der Folge, dass die landwirtschaftliche Produktion in der Region zusammenbrach.

 

Partei der Militärs

Auch unter loyalen Offizieren erfuhr die PCE großen Zuspruch. Sie war die Partei, die ihre Vorstellungen von Disziplin und militärischer Effizienz verkörperte. Im Chaos der ersten Monate hatte sich die PCE als militärischer Faktor bewährt. Sie setzte sich für eine «Volksarmee» mit zentralen Befehlsstrukturen ein, verstand zu organisieren, und in den militärischen Auseinandersetzung mit den Truppen Francos zeichneten sich ihre Mitglieder durch Tapferkeit und Entschlusskraft aus. Das maßgeblich von der PCE mit sowjetischer Unterstützung aufgebaute 5.Regiment wurde der Kern der späteren Armee. Berufsoffiziere aus anderen Einheiten bemühten sich oft um Versetzung zum 5.Regiment, weil sie dort Dienstbedingungen vorfanden, die ihnen «richtig militärisch» erschienen.

Die Lieferung russischen Kriegsmaterials an die spanische Republik hatte einen weiteren Sympathieschub für die PCE zur Folge. Als die ersten sowjetischen Waffenlieferungen in Barcelona eintrafen, standen Hunderttausende jubelnd am Ufer. Bei der Verteidigung Madrids im November spielten die neuen sowjetischen Panzer und Flugzeuge zweifelsohne eine wichtige Rolle für das erfolgreiche Zurückschlagen der Truppen Francos. Hinzu kam, dass die PCE in dieser Zeit bewusst Parallelen zur russischen Revolution zog. «Madrid muss ebenso verteidigt werden wie Petrograd», verkündeten riesige Plakate. In allen Kinos von Madrid liefen russische Filme, Kronstadt oder Panzerkreuzer Potjomkin. Die Madrider, die auf der Leinwand die russische Revolution miterlebten, wurden von der revolutionären Tradition inspiriert und für den Kampf geschult. Hinzu kam, dass die PCE bei der Verteidigung Madrids eine herausragende Rolle spielte.

 

Partei der Offiziere und Kleinbürger

«Die republikanischen Mittelschichten waren von der gemäßigten Tonlage der kommunistischen Propaganda überrascht und beeindruckt von der Geschlossenheit und dem Realismus, der in dieser Partei herrschte, und wandten sich ihr in großer Zahl zu», stellt der Historiker Antonio Ramos Olivera fest. Innerhalb weniger Monate stieg die Zahl der eingeschriebenen Mitglieder, die zu Beginn des Bürgerkriegs bei 30000 lag, auf mehrere hunderttausend. Es waren aber nicht die Arbeitenden, die sich nun in Massen um ein Mitgliedsbuch der PCE bewarben. Zeitgenössische Berichte stimmen darin überein, dass die PCE den größten Teil ihrer neuen Mitglieder während des Bürgerkriegs im städtischen Kleinbürgertum, unter den wohlhabenden und kleinen Bauern und im zivilen und militärischen Staatsapparat gewann. Franz Borkenau schreibt in seinem Buch Kampfplatz Spanien: «Die Kommunistische Partei war vor allem die Partei des Militär- und Verwaltungspersonals, in zweiter Linie die Partei des Kleinbürgertums und bestimmter wohlhabender Bauerngruppen, drittens die Partei der Angestellten und erst an vierter Stelle die der Industriearbeiter.»

Innerhalb weniger Monate wurden die PCE und ihr katalanischer Ableger, die PSUC, zu einem entscheidenden Faktor im politischen Leben des republikanischen Spaniens. Rein formal war sie in der Regierung nur mit zwei Ministern vertreten. Sie hatte aber als Partei eine klare Strategie, die sie sehr energisch und auch sehr geschlossen verfolgte. Sie besetzte Schüsselpositionen des Staatsapparats und nutzt sie zur Durchsetzung ihrer Politik. Sie hatte entscheidenden Anteil am Aufbau der wesentlich nach ihren Vorstellungen strukturierten «Volksarmee». Im Kriegskommissariat platzierte sie Álvarez del Vayo, Antonio Cordón und andere. Im Politischen Kommissariat konnte sie viele der neu geschaffenen Posten mit ihren Leuten besetzen. Und natürlich verfügte sie über die besten Kontakte zu den militärischen «Beratern» aus der Sowjetunion, die im Militär der Republik großen Einfluss hatten.

Auch in verschiedenen Polizeidienststellen konnte sie führende Stellungen besetzen. So war der Polizeichef von Madrid, Burillo, Mitglied der PCE. Justiano García und Juan, ebenfalls Parteimitglieder, wurden Chef bzw. Vizechef der beim Innenministerium angesiedelten Servicios Speciales, und General Miaja, der Oberkommandierende der Verteidigung von Madrid, näherte sich immer stärker der Partei an.

Zur Jahreswende 1936/37 war die PCE die stärkste und bedeutendste Kraft im republikanischen Lager. In den folgenden Monaten sollte sie diese Machtposition nutzen: zunächst im Kampf gegen die POUM und den widerspenstig gebliebenen Teil der Anarchisten, und dann beim Sturz von Largo Caballero im Mai 1937…


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