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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 06/2017 |

Revolution und Bürgerkrieg in Spanien, Teil XII

Die Ermordung von Andreu Nin…und die Akten des KGB
von Reiner Tosstorff

Im Mai 1937 kommt es zu bewaffneten Kämpfen zwischen der republikanischen Regierung, unterstützt von der KP, auf der einen Seite, Anarchisten und der POUM (Partido Obrero de Unificación Marxista – Arbeiterpartei der marxistischen Einigung) auf der anderen Seite (siehe SoZ 5/2017). Letztere verloren den Kampf, die Führung der POUM wurde verhaftet, die Partei in die Illegalität getrieben. Seitdem nach 1991 die sowjetischen Archive geöffnet wurden, lässt sich das Vorgehen des sowjetischen Geheimdienstes in dieser Frage, die bis heute die kommunistische Bewegung spaltet, in großen Zügen rekonstruieren.

Am 5.November 1992 konnten die Zuschauer des katalanischen Fernsehsenders TV-3 an einer Weltpremiere teilnehmen, als ihnen der ex-sowjetische Geheimdienst KGB zum ersten Mal anhand von Originaldokumenten aus seinem Archiv Einblick in eine seiner internationalen Operationen gewährte. Es handelte sich um die Entführung und anschließende Ermordung des Führers der POUM, Andreu Nin – eine Aktion, die den Codenamen «Operation Nikolai» trug. Damit wurde endgültig bestätigt, was bis dahin nur aus Zeugenaussagen und Indizien rekonstruiert worden war, ­woran aber die überwältigende Mehrheit der Historiker seit Jahrzehnten nicht mehr zweifelte.

Der 1892 in der katalanischen Provinz geborene Nin wurde am 16.Juni 1937 in Barcelona, also sechs Wochen nach den Mai-Kämpfen, zusammen mit einem Großteil der Führung der POUM verhaftet. Und zwar, wie man heute weiß, von Angehörigen einer nach Barcelona entsandten, unter kommunistischer Kontrolle stehenden Einheit der Geheimpolizei aus Madrid. Nicht die nach Millionen zählende anarchistische Gewerkschaft CNT wurde frontal angegriffen, denn sie war zu stark, obwohl ihre Mitglieder den größten Teil der Barrikadenkämpfer gestellt hatte. Man konzentrierte sich auf die kleinere POUM, die als «trotzkistisch» attackiert wurde.

Es war die Zeit der innersowjetischen «Säuberungen», als Stalin das Etikett «Trotzkismus» für seine Massenvernichtungsaktionen im Lande benutzte. Die POUM war damit in die Illegalität gedrängt. Besonderes Ziel war dabei Nin, weil er als Parteisekretär ihre zentrale Führungsfigur war und über Spanien hinaus internationale Bekanntheit hatte, da er in den 20er Jahren in Moskau stellvertretender Generalsekretär der Roten Gewerkschafts-Internationale, des internationalen Zusammenschlusses der kommunistischen Gewerkschaften, gewesen war, bis er sich mit Trotzki solidarisierte und 1930 die Sowjetunion verlassen musste.

Wie man nachher aus vielen Hinweisen rekonstruieren konnte, sollte Nin zu einem der üblichen «Geständnisse» gebracht werden, im Auftrage Hitlers und Francos die Spanische Republik «unterwühlt» zu haben usw. Da er von den übrigen Verhafteten sofort getrennt wurde und sich seine Spur dann verlor, musste man davon ausgehen, dass er schließlich von seinen Folterern angesichts seiner Standhaftigkeit umgebracht wurde.

 

Die Verleumdung

Jahrzehntelang wurde all dies von den Kommunistischen Parteien geleugnet. Hatten sie es zunächst als «trotzkistische Verleumdung» abgetan, so wurde seit den 60er Jahren immerhin eingestanden, dass Nin wahrscheinlich umgebracht worden war; zugleich aber schob man die ganze Verantwortung auf den sowjetischen Geheimdienst. Und dies, obwohl die KPs von Beginn des Bürgerkriegs an die Verfolgung von linken Abweichlern nicht nur gerechtfertigt und gefordert, sondern auch – etwa unter den internationalen Freiwilligen – aktiv betrieben hatten.

Weltweit betrieben die Kommunistischen Parteien in jenen Jahren eine Propagandakampagne, in der mit Berufung auf die Moskauer Schauprozesse die «Wühlarbeit» der echten oder angeblichen Trotzkisten in Spanien angeprangert wurde, wobei man die fantasiereichsten Erfindungen präsentierte. Wer daran zweifelte, wurde als Faschist angeprangert. Dabei hatten die echten Faschisten in der POUM keineswegs Verbündete gesehen, sondern im Gegenteil erbitterte Gegner, sodass auch die Verfolgungsmaßnahmen Francos nach seinem Sieg die POUM-Mitglieder keineswegs aussparen sollten, wie naive Gläubige der KP-Propaganda eigentlich hätten vermuten müssen. Kein geringerer Faschist als Hitlers Propagandachef Josef Goebbels attackierte auf dem Nürnberger Nazi-«Reichsparteitag» im September 1936 bei seinen Angriffen auf die Wortführer der Republikaner in Spanien auch Andreu Nin als einen der «Haupthetzer in Spanien». So sähe das wahre Gesicht des Bolschewismus aus.

Nun bestätigten die Moskauer Dokumente alles, was man bis dahin nur hatte vermuten und indirekt beweisen können. Dabei handelt es sich zum einen um einen genauen Bericht des Organisators des Mordes, des Vertreters des sowjetischen Geheimdienstes in Spanien während des Bürgerkriegs, Alexander Orlow – in Wirklichkeit ein Pseudonym –, über die Tat. Es ist nicht ohne Ironie, dass Orlow selbst 1938 auf die Säuberungsliste geriet; er zog es vor zu fliehen. Er kam in die USA, wo er später mit seinen Enthüllungen als Kronzeuge der US-Regierung auftrat. Mehrmals von Historikern nach seiner Rolle bei der Ermordung Nins befragt, stritt er entschieden jede Beteiligung ab.

Auch die Namen seiner Komplizen sind in dem Dokument enthalten. Neben dem eines angeblichen Brasilianers namens José Escoi, von dem man inzwischen weiß, dass er in Wirklichkeit Josef Grigulewitsch hieß, der später auch an der Ermordung Trotzkis in Mexiko 1940 und an der Planung eines dann nicht durchgeführten Attentats auf Tito beteiligt war, wurden die Namen der drei spanischen Beteiligten in den dem Fernsehen übergebenen Kopien geschwärzt – angeblich um ihre Familien nicht zu treffen: Es blieben nur die Initialen L, AF und IL stehen.

 

Gefälschte Beweise

Nin wurde in ein kommunistisches Privatgefängnis bei Madrid gebracht. Es soll sich dabei nach manchen Informationen um das Haus des kommunistischen Luftwaffenchefs Hidalgo de Cisneros und seiner Frau Constancia de la Mora handeln – beide wurden später durch ihre Memoiren bekannt. Diese wurden auf Deutsch in der DDR veröffentlicht, in ihnen lässt sich aber natürlich nichts dazu finden. Jedenfalls wurde Nin systematisch «verhört». Da er nicht zu brechen war, das heißt, keines der Scheingeständnisse über eine angebliche Zusammenarbeit mit dem Faschismus abgab, und inzwischen der nicht unter der Kontrolle der KP stehende Teil des republikanischen Staatsapparats sich bemühte, ihn aufzufinden, wurde er eines Nachts aus seiner Zelle geholt. Auf einer Landstraße in der Nähe wurde er erschossen, sein Leichnam an Ort und Stelle verscharrt.

Der Biograf Alexander Orlows, Boris Volodarsky, hat inzwischen weitere Beteiligte genannt: der deutsche Kommunist Erich Tacke, seit langem Mitarbeiter des sowjetischen Geheimdienstes und im folgenden Jahr selbst Opfer des stalinistischen Terrors, sowie Orlows Stellvertreter und späterer Nachfolger in Spanien, Naum Eitingon, der dann der Hauptorganisator der Ermordung Trotzkis wurde.

Von Orlow wurde ein weiterer Bericht in der Fernsehsendung vorgestellt, in welchem er seinen Vorgesetzten in Moskau ausführlich schildert, wie er Beweise fälschte um vorzutäuschen, dass die POUM, und insbesondere Nin, in direktem Kontakt zu Franco gestanden, ja, in dessen Auftrag gehandelt hätten. Alles, um gegen die POUM als angebliche Spionageorganisation vorgehen zu können. Die «Beweise» wurden im Oktober 1938 dem Prozess gegen die POUM-Führung vorgelegt, den die Republik schließlich durchführte, um die Unterdrückung der POUM zu rechtfertigen.

Nach dem großen Aufsehen, welches das «Verschwinden» Nins erregt hatte, war es der Regierung nicht mehr möglich gewesen, die Verfolgung der Partei einzustellen. Denn dies wäre einer Herausforderung der Sowjetunion gleichgekommen, von deren Unterstützungslieferungen die Republik abhängig war. Doch der Prozess endete für die Verfolger der POUM mit einem Fiasko. Die angeblichen Spionagedokumente wurden systematisch demontiert. Nicht zuletzt traten eine Reihe von Führern der Republik auf, Anarchisten und linke Sozialisten, die entschieden die Behauptung zurückwiesen, die POUM-Führer seien Agenten. Sie erklärten, ihnen seien die POUM-Mitglieder als langjährige Aktivisten der spanischen Arbeiterbewegung persönlich bekannt. Auch wenn sie scharfe politische Differenzen mit ihnen hätten, würden sie für deren antifaschistische Einstellung bürgen. So musste das Gericht die POUM-Führung von der Anschuldigung der Spionage, die die Todesstrafe zur Folge gehabt hätte, freisprechen und konnte sie nur als Revolutionäre zu mehrjähriger Haft verurteilen, um im nachhinein wenigstens eine juristische Bestätigung für die Unterdrückung der Partei zu haben.

 

Die Rolle der spanischen KP

Wenige Monate darauf erlitt die Republik allerdings ihre endgültige Niederlage. Es gelang den inhaftierten POUM-Führern, aus dem Gefängnis in Barcelona zu entkommen, bevor die Franco-Truppen die Stadt besetzten. Die offensichtliche Absicht, sie in deren Hände fallen zu lassen, wurde damit durchkreuzt. Den Franco-Truppen fielen bei der Besetzung Madrids im April 1939 auch die gefälschten Beweise gegen die POUM in die Hände. Da die Franquisten die POUM jedoch als Revolutionäre und Kommunisten verfolgten, konnten sie schlecht etwas damit anfangen. Sie liegen noch heute im spanischen Nationalarchiv.

Was der genannte Fernsehbericht nicht klären konnte, weil dazu die Dokumente nicht zur Verfügung standen, sind die äußeren Zusammenhänge der Ermordung Nins. Geschah sie aus einem persönlichen Entschluss Orlows heraus (was man sich kaum vorstellen kann) oder auf Anweisung Stalins (was zu vermuten ist)? Und vor allem: Welche Rolle spielte die Kommunistische Partei Spaniens? Warum wurden in diesem Zusammenhang die Namen der spanischen Komplizen von Orlow nicht bekanntgemacht? Alte Parteiführer wiesen – wenn sie sich etwa wie der inzwischen verstorbene Santiago Carrillo einmal (vor Jahren) dazu äußerten – jede Vermutung über eine Beteiligung der Partei an der Tat zurück. Interessanterweise verweigerte Carrillo gegenüber den katalanischen Fernsehjournalisten jede Stellungnahme.

Andere, wie Dolores Ibárruri («La Pasionaria»), hatten sowieso immer geschwiegen. Das Dementi von KP-Seite war immer recht zweifelhaft, und man kann wohl vermuten, dass auch hierzu einmal entsprechende Dokumente vorliegen werden. Einige Hinweise fand der französische Historiker Pierre Broué in Moskauer Archiven und veröffentlichte sie in seinem Buch «Staline et la révolution. Le cas espagnol» (Paris 1993).

Auch ein ehemaliger KGB-Funktionär zitierte in einer zusammen mit einem englischen Autor verfassten Orlow-Biografie ausführliches Material aus dem KGB-Archiv (John Costello, Oleg Zarew: Der Superagent. Der Mann, der Stalin erpreßte. Wien 1993). Allerdings sollte dieses «Enthüllungsbuch» die spezifische Sichtweise des heutigen russischen Geheimdienstes liefern.

Jedenfalls erregte die Fernsehreportage (nicht nur) in Katalonien beträchtliches Aufsehen, sodass sie unmittelbar danach noch einmal wiederholt wurde. Die verschiedensten Politiker des Landes versuchten daraufhin – mit Vorschlägen wie den, man solle Nins «sterbliche Überreste» suchen und «würdig» in Katalonien beerdigen –, politisches Kapital aus einem Mann zu schlagen, der von ihren Parteien 55 Jahre zuvor aufs heftigste bekämpft wurde, weil er für eine katalanische und spanische Arbeiterrevolution stand, die weder die Sozialisten noch die katalanischen Nationalisten wollten.

 

Dies ist der zweite Teil des Beitrags von Reiner Tosstorff aus dem Buch «Land and Freedom. Ken Loachs Geschichte aus der Spanischen Revolution.» Hrsg. Walter Frey. Berlin: Edition Tranvía, 1996. Der erste Teil erschien in SoZ 5/2017.


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