Fragen einer hilflosen Generation
von Marina Hoffmann
Triggerwarnung: Dieser Text handelt von harten Themen und Emotionen, reproduziert aber keine explizite Gewalt.
Als ich vor einigen Wochen bei der Tagesschau auf Instagram über die brandneuen Enthüllungen der Epstein-Files las und auf dem letzten Slide nur Prinz Andrew sah, schockierte mich das. Die Auszüge der Files, die jemand in seiner Story teilte und die ich mir natürlich durchgelesen habe, haben gereicht. Mein bisheriges Weltbild ist zerbrochen. Ich verstehe die Tragweite.
Emotion
Wütend schrieb ich Kommentare. Wen interessiert irgendein machtloser Prinz, aus einer veralteten Monarchie, wenn die reichsten und mächtigsten Menschen der Welt Kindern und Frauen solche Gewalt antun und trotzdem weitermachen, ja sogar Länder überfallen, Präsidenten entführen und neue Kriege führen können? Wen interessiert eine mögliche Haftstrafe, wenn ich weiß, dass Epstein nach seiner Verurteilung das Gefängnis regelmäßig verlassen konnte und Virginia Roberts Giuffre, die das Buch über Prinz Andrew schrieb und Hauptklägerin gegen Epstein und Andrew war, sich letztes Jahr umbrachte? Wir leben in einer Dystopie, wahrscheinlich schon immer, aber für mich hat sie eine neue Stufe erreicht.
Kein Selbstmord
Als Jeffrey Epstein 2009 aus der Haft entlassen wird, bin ich acht Jahre alt. Schule ist wahrscheinlich mehr Haft als das, was Epstein im Gefängnis erfahren hat. Trotz Bewährungshelfer kann er tun und lassen, was er möchte. Der Detektiv, der ihn überwacht, meldet – und es passiert rein gar nichts.
Sechs Jahre später erlebe ich sexualisierte Gewalt. Nicht von greifbaren Strukturen, nicht von reichen Männern, sondern von meinem besten Freund in meinem eigenen Bett. Sexualisierte Gewalt ist so alltäglich, weshalb ich ins Internet abtauche, so wie viele in meinem Alter. Die semianonyme Masse und das lockende Angebot von ewiger Weltflucht versprechen einen Hauch von freiem Willen, obwohl sie mich eigentlich in der Untätigkeit gefangen halten. Das Internet, vor allem die sozialen Medien, sollen süchtig machen, uns binden und lähmen, weil Reiche dadurch reicher werden.
Dementsprechend begegnet mir der Name Epstein das erste Mal in Internetkommentaren: »Epstein didn’t kill himself.« Für mich nicht mehr als ein Meme, das mir in unterschiedlichen, zusammenhanglosen Kontexten begegnet. Ob er sich umgebracht hat und wer er ist, weiß ich zu dem Zeitpunkt nicht. Wen interessierts?
Wen interessierts? schlägt mir jetzt aus jeder neuen Schlagzeile zu irgendeinem anderen Thema entgegen. Der Iran wird bombardiert, Israel führt seinen Völkermord fort, ich habe lange nichts mehr von der Ukraine gehört… Es gibt wichtigeres.
Erkaltung
Wenn ich jetzt Instagram öffne, ist alles beim Alten: Tagesaktuelles, lustige Videos und Zeichnungen… Doch die Memes haben auch etwas für sich. Sie schaffen das Gefühl, nicht ganz allein mit dem zu sein was passiert, weil auch sie die Angst vor Krieg und den Wunsch nach einer anderen Welt verarbeiten. Aber Epstein und seine Strukturen tauchen nicht mehr auf.
Vielleicht sind seine Taten schon vergessen, eingehegt in das große Ganze, vielleicht bringen die bürgerlichen Medien noch irgendeinen Skandal, der mich nicht schocken kann. Denn es sind immer nur neue Namen, immer nur weitere, reiche, mächtige Menschen.
Täter und Opfer
Auch gebe ich Sarah Bosetti recht, wenn sie bei einer Extra3-Sendung darüber spricht, dass sich die Menschen viel zu sehr über neue Täter freuen und dabei die Opfer vergessen – wenn sie dann aber von einem besonders furchtbaren Fall erzählt, hat das Opfer oder haben wir dabei irgendwas gewonnen? Ist es nicht genau dasselbe, ausschlachtende Verhalten, nur aus der anderen Richtung und führt es nicht zu noch mehr Ignoranz?
In der Täterbetrachtung liegt mancherorts eine gewisse Hoffnung. Wenn zum Beispiel J.K.Rowling, die milliardenschwere Autorin der Harry-Potter-Bücher, zweimal in den Epstein-Files vorkommt, weil sie Epstein nach seiner Verurteilung zu ihrem neuen Kindertheaterstück einlud, dann keimt in mir die Hoffnung, dass sie zumindest in Zukunft weniger verdient.
Andererseits kaufen Menschen in meinem Umfeld trotzdem Tickets für genau dieses Theaterstück. Daran werden auch die Files nichts ändern. Realitätsflucht ist einfach, wenn mensch sie sich leisten kann, weil all das Grauen nur nebenan passiert. Weil es in Artikeln oder Posts steht, an denen einfach vorbeigescrollt werden kann.
Das ist halt das Patriarchat, wundert dich das?, kommt es abgeklärt aus der Redaktion, als ich sage, dass ich dazu schreiben möchte. Ja, mich wundert das. All das berührt mich persönlich und ich würde gerne all das ungeschehen machen, aber es geht nicht. Ich bin ja doch in der echten, unmagischen Welt. Es ist ja doch real.
Der Kapitalismus und das Patriarchat
Das sind ungreifbare Beschreibungen für das Tun der Mächtigen. Teilweise gewählt, teilweise einfach reich. Aber es betrifft uns alle. Männer und Frauen und vor allem mehrfach Marginalisierte.
Wenn die Schere zwischen Arm und Reich sich immer weiter öffnet, können wir acht Milliarden sein, und es wird sich nichts an solchen Strukturen ändern. »Organisiert euch!«, lautet die Parole, aber wie? Ich bin eine behinderte Transfrau, kämpfe mit dem Gesundheitssystem, Depressionen, dem Studium, dem Alltag… Woher soll ich die Energie nehmen, zumal ich Menschen wegen meiner Erlebnisse nicht gerade leichtfertig vertraue und mich vor allem in Gruppen unwohl fühle?
Wenn ich so viel Einfluss wie die Täter hätte, würde ich die Regenwälder schützen, dafür sorgen, dass in jeder Stadt Bahnen fahren und überall Trinkwasser aus dem Hahn kommt.
Wenn ich so viel Geld hätte, würde ich Kindern gute Bildung ermöglichen, sodass sie ein selbstbestimmtes, schönes Leben führen und ihre Zukunft umgestalten können, anstatt sie für genau diese Hoffnung zu missbrauchen, zu traumatisieren und in den Selbstmord zu treiben.
Vielleicht würde ich mit so viel Geld auch große Häuser mit schönen, großen und dennoch günstigen Wohnungen in der Stadt bauen. Mit mächtigen Gärten und Räumen, in denen sich die Menschen nach ihren Bedürfnissen begegnen und sich austauschen können. Wir brauchen mehr Orte, an denen wir einfach sein können, an denen wir einfach Hilfe bei unseren Problemen bekommen. Offene Ohren und Gemeinschaft im kleinen Rahmen, dann klappt es auch mit dem Organisieren. Hilfe zur Selbsthilfe.
Epstein
Er war genau eine solche Person für Überreiche. Er war der böseste von allen, an ihn konnten sich solche Menschen ohne Scham wenden, egal zu welchem Problem – sei es die sexuelle Aufklärung des eigenen Kindes oder ein Urlaub auf Epstein Island, von Elon Musk an Weihnachten gewünscht.
Epstein hatte eine Anziehungskraft, weil er Wünsche erfüllen konnte in einer wunschlosen Lebensrealität. Wenn sich Menschen alles mit ihrem Geld kaufen können, gewöhnen sie sich daran. Das beschreibt auch Bianca Heinicke, besser bekannt als BibisBeautyPalace, in ihrem Buch. Sie verdiente Millionen mit Videos zur Beautyprodukten und später ihrer eigenen Marke. Dann braucht es entweder noch mehr an anderer Stelle, zum Beispiel in der Illegalität, oder ein Umdenken.
Dennoch war Epstein offensichtlich kein Einzeltäter. Dennoch dürfen wir nie vergessen, dass dahinter Strukturen stehen, die sich theoretisch jeder mit Geld und bösen Willen kaufen kann.
Aufflammen
Bevor ich nicht im Lotto gewinne oder aus irgendeinem Grund milliardenschwer erbe, bleibt die Vorstellung meiner Gemeinschaft schaffenden Wohnprojekte genauso sehr Realitätsflucht wie die Harry-Potter-Bücher. Es ist illusorisch zu glauben, dass sich tatsächlich etwas ändert, wodurch auch? Patriarchat und Kapitalismus sind gewachsen, stark geworden. Sie haben sich bisher noch gegen alles wehren können, jede Kritik in sich aufgenommen. Es werden neue kommen und alte bleiben, solange nicht alle erkennen, dass sie ein gemeinsames Leid haben, das wächst. Aber dafür sind wir zu beschäftigt.
Das wäre sicher ein guter, wenn auch zynischer Schluss, aber in mir bleibt weiterhin die kalte Wut. Der Drang, nach dem Lesen und Schreiben dieses Artikels etwas zu tun! Ich fordere von euch: Vergesst nie, tut euch zusammen und ächtet, was andere erlauben. Weil es Grenzen gibt.
Den Schluss widme ich einer Freundin, indem ich sie hier zitiere: »Es macht müde, dass mal wieder Frauen nicht geglaubt wurde, dass mal wieder Frauen über Jahre hinweg gesagt haben: Das ist mir passiert. Kinder gesagt haben: Das ist mir passiert und es wurde einfach weggeguckt. Es überrascht mich nicht, aber es schockiert mich trotzdem.«
Marina Hoffmann
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