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Die kapitalistische Globalisierung ist nicht am Ende und die Lage mit der vor dem ­Ersten Weltkrieg nicht vergleichbar
Angela Klein im Gespräch mit Thomas Sablowski

Thomas Sablowski forscht und publiziert zu politischer Ökonomie, marxistischer Klassenanalyse und Regulationstheorie. Bis 2025 war er Referent für politische Ökonomie der Globalisierung in der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Politische Instabilität, verschärfte ökonomische Rivalitäten und immer neue imperialistische Kriege – das Weltsystem steuert auf einen Kipppunkt zu. Im Gespräch mit Angela Klein erläutert Thomas Sablowski, warum die Globalisierung noch nicht an ihr Ende gekommen ist, welche Art geopolitischer Macht und Kontrolle die Großmächte anstreben und weshalb Aufrüstung das deutsche Exportmodell nicht retten wird.

Russlands Krieg gegen die Ukraine, Trumps Alleinherrschaftsambitionen und sein Krieg gegen den Iran haben die weltweite Produktion empfindlich gestört. Ist das das Ende der kapitalistischen Globalisierung?

Nein. Die ungleiche geografische Verteilung von Ressourcen und die ungleiche Entwicklung der Produktivkräfte werden auch weiterhin einen internationalen Austausch erzwingen. Die Jagd nach höheren Profitraten drängt das Kapital ständig dazu, Grenzen zu überschreiten. Durch die Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit und durch die wachsende Konzentration und Zentralisation des Kapitals werden sich internationale Arbeitsteilung und wechselseitige Abhängigkeiten auf längere Sicht eher noch vertiefen.

Ist das nicht eine zu lineare Vorstellung der kapitalistischen Entwicklung?

Sicher, die kapitalistische Entwicklung ist insgesamt kein linearer Prozess, das gilt auch für die Globalisierung. Kriege und Krisen haben auch in der Vergangenheit die Internationalisierung des Kapitals gebremst und tief in die Strukturen des Welthandels eingegriffen – dies gilt insbesondere für die Periode der Weltkriege von 1914 bis 1945. Ich kann mir einen ähnlichen Zusammenbruch des Weltmarkts heute auch nur infolge einer riesigen Katastrophe oder eines großen Krieges vorstellen.
Aber Kriege und Krisen können auch zu Initialzündungen für neue Schübe der Internationalisierung des Kapitals werden – man denke an die Krise des Fordismus in den 1970er Jahren, die durch den Krieg zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn im Oktober 1973 verschärft wurde, als die OPEC-Staaten die Ölproduktion drosselten, um den Westen wegen seiner Unterstützung Israels unter Druck zu setzen. Die damalige Krise markierte den Beginn der neoliberalen Globalisierung.

Der Anteil der Warenexporte an der weltweiten Produktion stagniert seit der globalen Finanzkrise von 2008. Kein Zeichen für ein Ende der Globalisierung?

Die weltweiten Exporte sind in absoluten Zahlen nicht geschrumpft, sondern weiter gewachsen. Die Exportquoten haben sich allerdings unterschiedlich entwickelt. Für das von dir benannte statistische Phänomen ist vor allem eine Veränderung in der chinesischen Ökonomie verantwortlich, die einen enormen Anteil am Wachstum der Weltwirtschaft in den letzten Jahrzehnten hatte. Seit der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise, die du ansprichst, ist in China der Binnenmarkt weitaus schneller gewachsen als der Export. Daher ist die chinesische Exportquote stark gesunken, und das hat sich massiv auf die globale Exportquote ausgewirkt.
Die Stärkung des Binnenmarkts war ein Ziel der chinesischen Regierung. China verfolgt schon seit Jahrzehnten die Politik, durch die eigene Industrialisierung Abhängigkeiten vom Ausland zu reduzieren. Aber auch in China gibt es inzwischen eine Überakkumulation von Kapital. Auch chinesische Unternehmen stehen unter dem Druck, neue Märkte zu erschließen oder Teile der Produktion an Standorte mit niedrigeren Lohnkosten zu verlagern. Das Projekt der »neuen Seidenstraßen« ist ein Versuch, neue Anlagesphären für chinesisches Kapital im Ausland zu schaffen.

Einverstanden. Aber auch in den USA ist die Exportquote in den letzten zehn Jahren gesunken, und in Deutschland stagniert sie, wenngleich auf hohem Niveau. Versuchen die Regierungen in den USA und in der EU nicht auch, industrielle Produktion wieder stärker auf ihrem Territorium anzusiedeln? Ist das nicht ein Ziel von Trumps Zollpolitik?

Das stimmt schon, aber wie erfolgreich ist diese neue Industrie- und Außenwirtschaftspolitik? Die Regierungen halten ja am Privateigentum an Produktionsmitteln fest und wollen nicht wirklich tief in die privaten Verfügungsrechte eingreifen. Außerdem zielen Trumps Zollpolitik oder die Wirtschaftssanktionen der USA und der EU gegenüber Staaten wie Russland, dem Iran und China in Wahrheit nicht darauf, sich von diesen Ländern abzukoppeln, sondern sie zu einem konformen Verhalten zu zwingen, das der weiteren Expansion des Kapitals aus den alten imperialistischen Zentren dient.
Es geht um neue, bessere »Deals«, wie Trump das immer wieder formuliert – also etwa um einen besseren Marktzugang für US-amerikanische Konzerne und einen stärkeren Schutz ihres geistigen Eigentums in China.
Bestimmte Sanktionen, etwa in der Halbleiterindustrie, zielen auch darauf, den weiteren Aufstieg Chinas in der hierarchischen internationalen Arbeitsteilung zu stoppen. Sie haben sich allerdings als wenig erfolgreich erwiesen und den Willen der Volksrepublik, in diesen Bereichen autark zu werden, eher noch verstärkt. Exportkontrollen und andere Sanktionen lenken Teile des internationalen Handels um, führen aber nicht zu einem generellen Rückgang der internationalen Verflechtungen.

Wenn sich die Konfrontation zwischen den USA, der EU und China weiter verschärft, ist da nicht eine stärkere Regionalisierung der Handels- und Investitionsbeziehungen denkbar?

Ja, aber gegenwärtig herrscht weder im US-amerikanischen Machtblock noch in den EU-Staaten Einigkeit darüber, wie mit den geopolitischen Spannungen umgegangen werden soll. Im US-Machtblock sind manche eher isolationistisch orientiert oder fordern eine Konzentration auf die westliche Hemisphäre, eine Art neuer Monroe-Doktrin, während andere die USA weiterhin für die unverzichtbare globale Ordnungsmacht halten.
In Deutschland gibt es die Transatlantiker, die weiter auf Kooperation mit den USA setzen, und jene, die eher die Vertiefung der europäischen Integration und eine größere Autonomie der EU – unter deutscher Führung – anstreben.

Deutschland war mal Exportweltmeister. Diese Rolle hat es an China abgetreten. Ist das der Grund für die befürchtete Deindustrialisierung Deutschlands?

Die deutsche Industrie ist stark vom Weltmarkt abhängig und leidet natürlich unter der zunehmenden Konkurrenz aus China und der Politik der US-Administration. Teurere Öl- und Gasimporte infolge der Kriege gegen die Ukraine und den Iran beeinträchtigen zusätzlich die ohnehin sinkende Profitabilität der Produktion. Daher der neue Angriff der Wirtschaftsverbände und der Regierung auf den Sozialstaat und das Arbeitszeitgesetz.
Die Politik der Trump-Administration und die Entwicklung Chinas zu einem Leitmarkt erhöhen den Druck auf deutsche Unternehmen, ihre Produktion stärker dorthin zu verlagern. Besonders ausgeprägt sind die Probleme in der Autoindustrie. Die deutschen Hersteller haben zu lange auf den Dieselmotor gesetzt und zu wenig in die Entwicklung neuer Antriebe und Mobilitätskonzepte investiert. Inzwischen sind die chinesischen Hersteller führend bei Elektroantrieben und bei der Anwendung digitaler Technologien in neuen Fahrzeugen.

Es scheint, das deutsche Kapital – insbesondere die Automobilwirtschaft – sucht sein Heil in einem neuen Rüstungswettlauf und einer Ankurbelung von Rüstungsexporten. Kann das ein Modell für ein neues Wirtschaftswachstum werden?

Nein. Die Rüstungsindustrie boomt zwar und hat ein paar Fabriken aus anderen Branchen übernommen, aber der Sektor hat nicht so viel Gewicht, dass sein Wachstum alleine zur Überwindung der Stagnation in Deutschland führen könnte. Eine drastische Schrumpfung der Autoindustrie kann kaum durch die Rüstungsindustrie kompensiert werden.
Etwas anderes wäre es, wenn die gesamte Wirtschaft, so wie im Ersten und Zweiten Weltkrieg, auf Kriegswirtschaft umgestellt würde. Aber dann hätten wir es mit einem ganz anderen Entwicklungstyp des Kapitalismus zu tun. Dann gäbe es umfassende staatliche Zwangsmaßnahmen wie die Priorisierung der Rüstung in der gesellschaftlichen Produktion, Rohstoffzuteilung, Preiskontrollen, Lebensmittelrationierung, Kriegsanleihen…

Die seit Russlands Krieg gegen die Ukraine wieder angekurbelte Hochrüstung, aber auch die weltweite Konkurrenz um Energie und Rohstoffe wecken Assoziationen an den Vorabend des Ersten Weltkriegs. Sind wir da wieder?

Die heutige Situation unterscheidet sich in mehrerer Hinsicht. Damals strebten die Kolonialmächte nach der exklusiven Kontrolle von Territorien. Der Imperialismus heute zielt eher auf indirekte Kontrolle, die durch Direktinvestitionen, Kompradorenbourgeoisien in den abhängigen Gesellschaften usw. vermittelt wird – auch wenn Trump jetzt die direkte Kontrolle über Panama, Grönland oder Kanada beansprucht.
Vor dem Ersten Weltkrieg handelte es sich bei den Kapitalexporten – einer Triebfeder des Imperialismus – vor allem um internationale Kredite. Die Internationalisierung der Produktion war seinerzeit noch recht beschränkt. Heute haben global agierende Investoren, transnationale Konzerne und Produktionsnetzwerke ein ganz anderes Gewicht. Die Nationalstaaten repräsentieren nicht einfach nationale Bourgeoisien, wechselseitige Abhängigkeiten sind viel stärker ausgeprägt.
Das heißt nicht, dass imperialistische Rivalitäten und Interessengegensätze nicht zu Kriegen eskalieren können. Wir erleben ja tatsächlich eine Zunahme von bewaffneten Konflikten. Aber gleichzeitig gibt es ein Interesse, diese Kriege einzudämmen.
Die Zuspitzung des ökologischen Desasters und die Verknappung von Ressourcen bergen allerdings auch ein enormes Konfliktpotenzial, sodass die Bedeutung der direkten Kontrolle über Territorien auf längere Sicht wieder an Bedeutung gewinnen könnte. Trumps Äußerungen sind insofern ein Menetekel.

Ökosozialistische Konferenz (oekosozialistische-konferenz.de)
Thomas Sablowski wird am 13. Juni zusammen mit Ingo Schmidt zum Auftakt der Konferenz über »Imperialismus heute – wiederholt sich die Situation vor dem Ersten Weltkrieg?« sprechen.

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