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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 09/2017 |

G20 – Die Tage von Hamburg

Eine kleine Chronologie
von Christian Haasen

– 2.Juli: Die von Nichtregierungsorganisationen organisierte Protestwelle hatte angekündigt, 50000 Menschen mobilisieren zu können und meinte, damit die Großdemonstration am 8.Juli zu übertreffen. Es kamen aber nur 12000–15000, was deutlich macht, dass dieses Spektrum seine Mobilisierungskraft überschätzt hat und vor allem die Gewerkschaften nicht präsent waren. Politisch hat sich Campact damit ins Abseits gestellt.

– 5./6.Juli: Beim Gegengipfel war die Teilnahme recht gut (die Rede ist von 2500), die Säle waren meist voll, vor allem waren viele junge Leute auf dem Gegengipfel.

– 5.Juli: Schon die beiden «kleineren» Demos am Mittwoch und Donnerstag (Mittwoch: «Tanzen gegen G20» – eher Partycharakter, etwa 15000; Donnerstag: Welcome to Hell – von der Roten Flora angemeldet, ebenfalls rund 15000) waren trotz ihres sehr spezifischen Charakters besser besucht als die Protestwelle vom 2.?Juli. Der Mittwoch blieb friedlich.

– 6.Juli: Auf der Demo «Welcome to Hell» am Donnerstag nutzte die Polizei die Vermummung von etwa 1000 Demonstrierenden als Vorwand, um die Demo zu stürmen. Der Versuch, die Demo damit zu beenden, scheiterte jedoch, da sie sich nach rund einer Stunde neu formierte und dann doch losging (dann auch von Polizei geduldet) – ein Novum, da die Polizei die Demo schon für beendet erklärt hatte, nicht jedoch damit rechnete, dass so viele Menschen trotzdem bleiben und demonstrieren würden. Nach dem Polizeisturm der Welcome-to-Hell-Demo kam es zu ersten wahllosen Aktionen wie Einschlagen von Ladenschaufenstern oder Anzünden von Müllcontainern. Am Freitagmorgen brannten in mehreren Stadtteilen viele Autos und mehrere Schaufenster gingen zu Bruch. Wenn es zuvor nur eine Diskussion über die Gewalt der Polizei gab, setzte jetzt eine Diskussion über die Gewalt der Autonomen ein.

– 7.Juli: Am Freitag fanden ab dem früh Morgen die Blockadeaktivitäten nach dem Fingersystem statt – analog «Ende Gelände», vor allem von der IL organisiert. Die Aktivität war relativ erfolgreich, mehrere Tausend beteiligten sich, die Sitzblockaden konnten erfolgreich die blaue Zone entern, der G20-Gipfel musste eine Stunde später anfangen, es gab mehrere Blockaden, die Polizei ging sehr gewaltsam und resolut vor.

– 2000 Jugendliche zogen parallel dazu auf einer «Bildungsdemo» durch die Innenstadt; etwa tausend weitere demonstrierten im Hafen, um auf dessen Rolle in den kapitalistischen Warenströmen hinzuweisen.

– Am Freitagnachmittag fand eine Demo mit dem Ziel Elbphilharmonie statt, die von der Polizei nicht durchgelassen wurde. Es begann ein Katz-und-Maus-Spiel, vor allem zwischen Autonomen und Polizei. Im Schanzenviertel um die Rote Flora wurden Barrikaden errichtet und die Zone für polizeifrei erklärt, Barrikaden brannten, Läden wurden geplündert. Drei Stunden lang war die 20000 Mann starke Polizeiarmee nicht in der Lage, das Schanzenviertel unter Kontrolle zu bekommen, weil erstens zu viele Polizeieinheiten gerade die Elbphilharmonie bewachten, und zweitens zwei bayerische Polizeieinheiten vor Angst geweigert hatten, einzumarschieren – weswegen dann das SEK gerufen wurde, das schwer bewaffnet  die Zone stürmte. Es folgten Gewaltexzesse, wie sie in Hamburg seit mindestens dreißig Jahren nicht mehr gesehen worden waren.

– Es muss differenziert werden zwischen der Randale in der Schanze an Freitagnacht und der in Altona am Freitagmorgen. Das waren ganz unterschiedliche Täterkreise. Die brennenden Autos in Altona waren das Werk einer kleinen Gruppe organisierter, wahrscheinlich rechter Hooligans – es gibt darüber leider zu wenig Infos. Die Gewalt war politisch total sinnlos und somit allein damit zu erklären, dass die Proteste diffamiert werden sollten. Das Symbol für die Altona-Randale war der brennende rote Twingo… Die Randale in der Schanze war das Werk einer guten Mischung aus alkoholisierten Mackern, entwurzelten Jugendlichen aus dem Viertel und  wahrscheinlich auch ausländischen «links»extremen Anarcho-Gruppen (z.B. aus Spanien); es sind derzeit noch etwa 50 in Haft, fast alles junge ausländische Männer. Die Autonomen als teilweise organisierte Kraft haben sich daran nicht beteiligt, es werden aber wahrscheinlich einzelne Autonome und sich selbst als Linke bezeichnende Personen teilgenommen haben.

– 8.Juli: Am Samstag folgte dann die Großdemonstration, mit 76000 Teilnehmenden (die Hamburger Morgenpost sprach von 100000) sehr erfolgreich und vor allem nach den Gewaltexzessen der zwei Tage davor ein wichtiges Zeichen war.

– Am 20.Juli fand eine Anwohnerversammlung im St.-Pauli-Stadion statt. Es kamen rund 1000 Personen. Der Konsens war ganz klar: Die Rote Flora muss bleiben. Wenn die geräumt wird, dann wird es schwere Krawallen in Hamburg geben – dagegen war das beim G20 nur eine kleine Übung…

– Am 12.August traf sich die G20-Plattform in Hamburg (etwa 35 anwesend) und einigte sich auf folgende Weiterarbeit:

– Einen Tag nach der Auswertung des Gegengipfels soll es am 15.September von 16 bis 22 Uhr eine große öffentliche Veranstaltung mit Augenzeugen und Fachbeiträgen geben. Der Termin wurde gewählt, um das Fenster der Aufmerksamkeit vor der Bundestagswahl zu nutzen. Das historische Vorbild für diese Großveranstaltung ist die Novemberveranstaltung in Berlin nach Heiligendamm.

– Nach dieser Großveranstaltung werden Strukturen gebildet, die eine gründliche Aufarbeitung und Bewertung der Ereignisse rund um den G20-Gipfel leisten werden. Dieser Prozess wird zu einem zweitägigen Tribunal führen, das im Spätfrühling/Frühsommer 2018 in Hamburg stattfinden wird.


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