Schließen

Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

Bert Brecht hielt nicht viel vom Recht auf geistiges Eigentum. Wir auch nicht. Wir stellen die SoZ kostenlos ins Netz, damit möglichst viele Menschen das darin enthaltene Wissen nutzen und weiterverbreiten. Das heißt jedoch nicht, dass dies nicht Arbeit sei, die honoriert werden muss, weil Menschen davon leben.

Hier können Sie jetzt Spenden


Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 12/2017 |

Die russische Revolution und die Ökologie

Eine allzu kurze Begegnung
von Daniel Tanuro

Im Januar 1919 tobte der Bürgerkrieg, die weißen Armeen waren auf dem Vormarsch, das Russland der Oktoberrevolution war in Lebensgefahr, das Territorium der jungen Sowjetrepublik beschränkte sich auf das Umland von Petrograd und Moskau. Doch am 16.Januar 1919 hieß das Thema in Lenins Arbeitszimmer im Kreml Naturschutz.

Der Agronom Nikolai Podjapolski vom Gebietsexekutivkomitee von Astrachan war auf Empfehlung des Volkskommissars für Erziehung, Anatoli Lunatscharski, zu Besuch gekommen, um über die politische und militärische Lage in der Region zu reden. Er nutzte die Gelegenheit, um Lenin von der Dringlichkeit der Einrichtung eines Naturschutzgebiets (Sapowednik) im Wolgadelta zu überzeugen. Lenin bat ihn, so schnell wie möglich einen Entschließungstext in dieser Sache zu entwerfen. Am nächsten Morgen hatte er den Entwurf auf seinem Schreibtisch, benachrichtigte Podjapolski von seinem Einverständnis und erklärte, die Angelegenheit müsse dem Volkskommissariat für Erziehung unterbreitet werden.

Zurück in Astrachan richtete Podjapolski das Naturschutzgebiet ein. Weitere sollten folgen. Zehn Jahre später machen die Sapowedniki eine Fläche von 40000 Quadratkilometer aus. Ein allgemeines Dekret zu dieser Frage wurde allerdings erst nach dem Bürgerkrieg am 21.September 1921 unterzeichnet. Das war ein bemerkenswerter Beschluss angesichts der Exporterlöse, die mit Pelzen und Holz erzielt werden konnten, aber auch im Hinblick auf den Landhunger der Bauernschaft und die Dringlichkeit der Nahrungsmittelproduktion. Lenin hatte mit Bedacht durchgesetzt, dass die Verantwortung  für dieses Projekt in den Händen des an der wissenschaftlichen Grundlagenforschung interessierten Erziehungskommissariats liegen sollte. Das Kommissariat für Landwirtschaft hätte sicherlich den kurzfristigen wirtschaftlichen Interessen die Priorität gegeben.

Eine Erscheinungsform der von Trotzki so genannten «ungleichen und kombinierten Entwicklung» (der zufolge rückständige und abhängige Länder in bestimmten Bereichen wie der technischen Ausrüstung der Industrie an der Spitze der Entwicklung liegen können) war die Tatsache, dass die ökologische Wissenschaft im zaristischen Russland vor 1917 weltweit eine führende Rolle einnahm. Zum Beispiel verdanken wir das Konzept der «Biosphäre» dem russischen Geochemiker Wladimir Wernadski, aber auch eine Reihe anderer ökologischer Wissenschaftler dieser Zeit genossen Weltruf. Diesen Leute ging es nicht nur um Naturschutz, sondern vor allem um das Verstehen der ökologischen Kreisläufe und Gleichgewichte. Das Zarenregime hatte nicht auf sie gehört. Die Sowjetrepublik gab ihnen die Naturschutzgebiete als Forschungsfelder.

Diese Wissenschaftler waren politisch in aller Regel konservativ oder liberal und hatten keine besonderen Sympathien für die Rätemacht. Sie waren eher überrascht, dass das Sowjetregime die Unabhängigkeit der wissenschaftlichen Forschung respektierte und ihre Arbeit unterstützte. Auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Ökologie, wie auf dem der Kunst, war die Sowjetunion der 20er Jahre Spitze.

Natürlich wäre es anachronistisch, die Bolschewiki jener Zeit zu «Ökologen» zu verklären. Zu ihren Grundüberzeugungen gehörte aber die Notwendigkeit, die Gesellschaft nach wissenschaftlichen Erkenntnissen rationell zu organisieren – das war für sie ein Charakteristikum des angestrebten Sozialismus. Sie hielten auch nichts davon, sich unter dem Vorwand einer Art «marxistischer Universalwissenschaft» in den wissenschaftlichen Erkenntnisprozess einzumischen. Ähnlich wie Marx und Engels waren sie vielmehr darauf aus, die jeweils neuesten Erkenntnisse der verschiedenen Wissenschaften in ihre eigenen Anschauungen zu integrieren. Sie folgten daher der Auffassung der ökologischen Wissenschaftler, dass der Naturschutz mit äußerster Vorsicht betrieben werden müsse, um Erkenntnisse für eine möglichst unschädliche Produktion und vor allem Landwirtschaft zu gewinnen. Gleichwohl dürften die meisten Bolschewiki an die «Beherrschung der Natur» geglaubt haben und nicht, wie die genannten Wissenschaftler, an die Begrenztheit und Empfindlichkeit der Ressourcen.

Doch ab 1928 änderte sich alles grundlegend. Unter Stalin wurde es gängige Münze, Forscher zu «bürgerlichen» oder «kleinbürgerlichen» Saboteuren zu erklären und zu Sündenböcken zu machen. Zu diesem Zweck erfand Stalin die «proletarische Wissenschaft». Bekannt ist in diesem Zusammenhang die Denunziation und Bannung der Genetik als «bürgerliche Wissenschaft» durch Lyssenko. Weniger bekannt ist, dass auch den ökologischen Wissenschaftlern ein «Schauprozess» nach dem anderen gemacht, dass auch sie verfolgt und ihre Forschungsarbeit zunichte gemacht wurde, weil sie zum Beispiel gegen den Raubbau an den Wäldern argumentierten. Lunatscharski wurde 1929 gezwungen, seinen Posten als Leiter des Volkskommissariats für Erziehung aufzugeben.

Der Stalinismus hat, neben vielem anderen, auch die beginnende Konvergenz von wissenschaftlicher Ökologie und Kommunismus auf dem Gewissen. Das ökologische Zerstörungswerk der «sowjetischen» Bürokratenherrschaft – für das der Aralsee und Tschernobyl stehen – braucht sich hinter dem der kapitalistischen Produktionsweise nicht zu verstecken.

 

Gekürzt aus: Inprecor, Nr.642/643, août-septembre 2017.


Drucken | Artikellink per Mail | PDF Version

Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen

Folgende HTML-Tags sind erlaubt:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>



Spenden

Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF


Schnupperausgabe

Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.


Trackback diesen Artikel  |  Kommentare als RSS Feed abonnieren