Vortrag von Ilan Pappé auf dem Jüdischen Antizionistischen Kongress
dokumentiert
Auf dem Kongress zum jüdischen Antizionismus in Wien sprach der israelisch-britische Historiker Ilan Pappé zum Thema: »Warum dieser Kongress jetzt?«
Die Diskussion, die auf dieser Konferenz geführt wird, ist nicht nur eine innerjüdische, sondern eine innereuropäische Diskussion. Man kann die Geschichte Europas, den Rassismus Europas gegenüber Juden, den Rassismus Europas gegenüber anderen Völkern, die Mitschuld Europas an der Erfindung der Idee eines jüdischen Staates in Palästina, an seiner Aufrechterhaltung und seinem Schutz nicht ausklammern. Europa, vor allem aber nicht nur Westeuropa, muss sich die Frage stellen, wie wir zur heutigen Situation gekommen sind.
Wir haben diese Frage schon vor hundert Jahren gestellt und die Antwort ist immer noch dieselbe: Wir sind hier, weil Europa dachte, es könne mit seinem Rassismus gegenüber den Juden nicht fertig werden. Als der Rassismus gegenüber den Juden im Holocaust seinen Höhepunkt erreichte, hat kein einziger europäischer Politiker, kein einziger europäischer Intellektueller in West-, Mittel- und Osteuropa zu den Juden Europas gesagt: Kommt zurück nach Europa. Wir werden gemeinsam ein Europa aufbauen, das antirassistisch ist, in dem der Holocaust und jede Art von Rassismus gegenüber anderen Menschen nicht vorkommt.
Nein, alle Intellektuellen Westeuropas, alle führenden Politiker Europas sagten: Uns gefällt eine Idee sehr gut, die wir von der protestantischen Christenheit und einigen jüdischen Intellektuellen gehört haben. Europa ist von Natur aus nicht in der Lage, ein jüdisches Problem zu lösen. Wir haben deshalb eine viel bessere Lösung. Wir werden einen jüdischen Staat errichten, einen westeuropäischen jüdischen Staat im Herzen der arabischen Welt, der muslimischen Welt, auf Kosten der Palästinenser.
Gleich ob 1882 oder 1945: Niemand ist gekommen und hat gesagt: Moment mal, das klingt doch gar nicht logisch. Weil Sie ein Rassismusproblem haben, wollen Sie dieses Problem lösen, indem Sie dabei helfen, ein arabisches Land zu kolonisieren, es zu enteignen und zu judaisieren?
Das ist der Grund, warum wir diese Konferenz brauchen, nicht weil wir eine bestimmte jüdische oder muslimische oder christliche Gruppe für Palästina brauchen. Wir brauchen eine internationale Solidaritätsbewegung für die Palästinenser mit allen, die auch nur ein Minimum an Menschlichkeit in sich tragen. Aber wir brauchen diese spezielle Diskussion, weil es der europäisch-jüdische Komplex ist, für den die Palästinenser bezahlen müssen, und sie bezahlen ihn jetzt mit dem Völkermord in Gaza.
Zwei Gruppen von Juden wurden manipuliert
Man hätte denken können, zumindest der Völkermord in Gaza würde den Europäern diese Frage wieder vorhalten, da vor allem Westeuropa so viele Jahre lang den Israelis den Eindruck vermittelt hat, dass sie Teil der westeuropäischen Zivilisation und Kultur sind. Es spiele keine Rolle, dass Israel geographisch gesehen im Nahen Osten liegt. Kulturell und organisch gehöre es zu Europa, nicht nur oberflächlich durch seine Teilnahme am Eurovision Song Contest oder am Europäischen Fußballverband.
Europa ist der wichtigste Handelsverbündete Israels, es kauft Waffen von Israel und verkauft Waffen für Israel, aber vor allem bietet es Immunität auch dann, wenn dieser Staat die schlimmsten Verbrechen gegen die Palästinenser begeht. Wer sich über die politische und kulturelle Gleichgültigkeit Europas gegenüber dem Völkermord in Gaza wundert, muss zur Kenntnis nehmen, dass ein Staat, der zu Westeuropa zugehörig gesehen wird, erneut Völkermord begehen kann. Dazu schweigt Europa und gewährt Immunität.
Die Bewegung, die sich dagegen wendet, wird in erster Linie von europäischen Juden und ehemaligen europäischen Juden getragen. Wir diskutieren das nicht mit den Palästinensern, wir diskutieren das mit den Europäern. Wir diskutieren es mit den Amerikanern. Wir sagen: Wenn ihr mit eurer Vergangenheit, eurem eigenen Rassismus fertig werden wollt, dann müsst ihr den Kampf für ein freies, entkolonialisiertes und demokratisches Palästina unterstützen. Das ist der einzige Weg. Nicht um der Palästinenser willen, sondern damit die Europäer in die Lage kommen, mit ihrem gegenwärtigen Rassismus umzugehen, der sich nicht mehr gegen Juden richtet, sondern gegen Araber und Muslime.
Das ist der Zusammenhang. Ich wünschte, wir hätten viele arabische Juden hier, denn wir haben zwei Gruppen von Juden, die durch die Verfügung über die Palästinenser und die Auferlegung eines europäischen Staates im Herzen der arabischen Welt und der muslimischen Welt manipuliert wurden.
Eine Gruppe waren die europäischen Juden selbst, sie wurden dazu veranlasst, nach Palästina zu kommen und sich an der Kolonisierung und Verfügung über Palästina zu beteiligen.
Nach 1948 wurde noch eine andere jüdische Gruppe manipuliert, und das sind die Juden der arabischen Welt, aus Nordafrika, dem Irak, Syrien, dem Iran. Leider ist es sehr schwierig, eine arabisch-jüdische antizionistische Konferenz abzuhalten, weil so viele dieser Juden die schlimmste Art von Rassismus gegenüber Arabern und Palästinensern in Israel vertreten. Aber deswegen geben wir diese Diskussion auf. Ich hoffe, dass wir auf einer anderen Konferenz auch die Rolle der arabischen Juden behandeln können.
Viele Menschen sagen, der Schlüssel zur Beendigung des Völkermords und der Unterdrückung der Palästinenser liegt in Washington. Wenn man die amerikanische Politik ändere, könne man auch die Realität vor Ort ändern. Das hört man sehr oft.
Es gibt aber mehr als einen Schlüssel
Leider sehen sich die Palästinenser einer unglaublichen globalen Allianz verschiedener Staaten und Ideologien mit verschiedenen Interessen gegenüber. Manchmal habe sie nichts miteinander zu tun. Aber alle sind der Meinung, dass der europäische jüdische Staat im Herzen der arabischen Welt auch um den Preis der Zerstörung Palästinas ihren Interessen dient. Die EU und andere Mitglieder Westeuropas sind dabei genauso wichtig wie die Vereinigten Staaten.
Würden die europäischen Regierungen heute den mutigen Schritt tun, Sanktionen zu verhängen, den Handel mit Israel zu stoppen, den Staat Israel als Paria zu behandeln, hätte dies eine immense Auswirkung auf die Situation in Palästina. Das wäre kein symbolischer Akt, es wäre etwas Reales, was morgen und übermorgen das Leben vieler Palästinenser retten würde.
Wir haben also, als Europäer wie auch als Juden in Europa, die Aufgabe, unseren politischen Eliten und unseren Mainstreammedien zu erklären, dass sie an den Ursprüngen des Projekts, das den Völkermord in Gaza hervorgebracht hat, mitschuldig sind, dass sie am Völkermord selbst mitschuldig sind und auch, wenn er weitergehen darf.
Auf der anderen Seite müssen wir ihnen sagen, dass sie die Macht haben, ihn zu beenden. Ich bin nicht sehr optimistisch in bezug auf unsere Fähigkeit, mit der Generation von Politikern umzugehen, die wir heute in Europa haben, vor allem in Westeuropa, die egozentrisch sind und sich nur wenig um die Interessen ihrer eigenen Wählerschaft kümmern.
Nichtsdestotrotz sollten wir den Druck aufrechterhalten, denn diese Regierungen haben die Macht, die Realität in Palästina in Richtung einer totalen Entkolonialisierung zu verändern, zumindest Schritte zur Verhinderung einer Auslöschung Palästinas als Nation zu gehen. Die Zivilgesellschaften sind dabei sehr wichtig, ich bin sicher, dass ihr Kampf Auswirkungen hat, wir konnten bereits einige davon auf einige Regierungen feststellen.
Palästina ist kein außereuropäisches Problem. Es ist ein innereuropäisches Problem, weil Europa mit der Kolonisierung Palästinas und der Verfügung über Palästina seine eigenen Probleme mit Rassismus zu bewältigen suchte.
Ich möchte mit einer optimistischen Bemerkung enden und ich weiß, dass es heutzutage sehr schwierig ist, optimistisch zu sein.
Diejenigen von uns, die das Glück haben, nicht zu den direkten Opfern dieser schrecklichen israelischen Unmenschlichkeit und Brutalität zu gehören, haben die Aufgabe, nicht nur taktisch, sondern auch strategisch zu denken.
Wenn man strategisch betrachtet, was dieser Staat Israel den Palästinensern, der Region und der Welt insgesamt antut, dann ist klar, dass er sich seine eigene Grube gräbt. Als Wissenschaftler sage ich: Es gibt klare Prozesse eines inneren Zerfalls der israelisch-jüdischen Gesellschaft: Niedergang der Wirtschaft, Schwäche der militärischen Struktur, die Isolation, die Israel in der Welt und in der jüdischen Diaspora erfährt. Das sind sehr langsame Prozesse, verglichen mit dem sehr schnellen Tempo der Zerstörung vor Ort.
Unsere Aufgabe als Aktivisten ist es, die Kluft zwischen den positiven und den destruktiven Prozessen zu verringern. Aber glauben Sie daran, dass Sie Teil einer Bewegung des Wandels sind, die bereits im Gange ist und schließlich ein Regime zu Fall bringen wird, das auf Rassismus, Apartheid und Enteignung beruht – und mehr als alles andere ein europäisches Regime ist.
Quelle: www.juedisch-antizionistisch.at/. Von der Redaktion übersetzt und gekürzt, mit freundlicher Genehmigung.
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