Eine Einführung ins Thema von den Marxistischen Blättern
von Angela Klein
KI, marxistisch betrachtet und weitere Themen. In: Marxistische Blätter, Nr.4, 2025. 164 S., 14,50 Euro
»Wir können davon ausgehen, dass
zukünftig nicht mehr die Suchmaschine der Türöffner zum Erlangen von Information über ein bestimmtes Thema sein wird … Wir googeln nicht mehr, um Links zu einer relevanten Quelle im Internet für ein bestimmtes Problem zu erhalten. Wir fragen eine KI…«
Wie Künstliche Intelligenz den Wissenskanon der Menschheit durch den Wolf dreht und das daraus gewonnene Hacksteak als ultimative Wahrheit privat veräußert, ist das Schwerpunktthema des jüngsten Hefts der Marxistischen Blätter (4/25). Es bietet einen Überblick über verschiedene – längst nicht alle, natürlich – Facetten dieser Technologie und versucht sich der Frage zu nähern, wie sie aus marxistischer Sicht zu bewerten wäre. Die Autoren – alles Männer – sind Informatiker, Philosophen, Linguisten, Gewerkschafter, Journalisten, die ihren Gegenstand aus unterschiedlicher Perspektive befragen. Dabei heraus kommt eine Art Starterpaket: Grundlagenwissen zur KI. Verständlich und anschaulich geschrieben, ist es eine gute Einführung aus KI-kritischer Sicht.
Thomas Hagendorfer, einer der Schwerpunktverantwortlichen für das Heft, beginnt mit der einfachen Frage: Was ist KI und wo begegnet sie uns im Alltag? Wo steht nur KI drauf, ist aber nicht drin? Ein Glossar wichtiger Begriffe hilft, mit dem teils unvermeidlichen Fachchinesisch zurechtzukommen.
Hans Fellner gibt eine Einführung in die Geschichte der KI. Dabei geht er weiter zurück in die Vergangenheit als bis zum Aufkommen erster Computer im 20.Jahrhundert, nämlich bis zur Praxis und später Theorie der Arbeitsteilung und ihre Übertragung in mathematische Modelle. »KI ist das jüngste Produkte einer langen Entwicklungslinie: der Teilung, Mechanisierung, Automatisierung von Arbeit, der Messung menschlicher Eigenschaften und Fähigkeiten, der Entwicklung der Wissenschaften sowie der Beherrschung gesellschaftlicher Verhältnisse.«
Es ist diese breit angelegte, gesellschaftliche und nicht rein technische Herangehensweise, die einige der Beiträge so lesenswert macht. Dabei wird deutlich, wie sich mit der Zunahme ihrer Fähigkeiten der Einsatzbereich der KI verschiebt und damit auch die Möglichkeit, durch sie gesellschaftliche Kontrolle und Macht auszuüben.
»In ihrer gesellschaftlichen Funktion hat sich KI von einem Werkzeug zur Automatisierung einzelner Aufgaben hin zu einem Instrument der Automatisierung von Mangement- und Kontrollprozessen entwickelt. Plattformunternehmen wie Amazon, Uber oder Deliveroo setzen Algorithmen nicht primär ein, um menschliche Arbeit abzuschaffen, sondern um sie neu zu organisieren, zu überwachen und in kleinste Einheiten zu fragmentieren. Diese ›algorithmische Verwaltung‹ ersetzt nicht die Beschäftigten, sondern das mittlere Management.«
Ein gesonderter Artikel (Dietmar Dath) beschäftigt sich mit dem »weitstausgreifenden Raubzug an lebendiger, ausgebildeter wie unausgebildeter Arbeit, den die Welt je erlebt hat«: ChatGPT von OpenAI und seine Verflechtung mit dem Finanzkapital.
Ein anderer (Peter Schadt) versucht, »mit Marx die KI und damit die Veränderungen der modernen Arbeitswelt zu begreifen« – also eine Kritik der politischen Ökonomie der künstlichen Intelligenz zu leisten: Wird bei der Herstellung von Software oder beim »Coden« von KIs ein Wert hergestellt? Und was ist damit, wenn dieses Ergebnis von Programmiertätigkeit reproduziert wird – nahezu ohne Arbeitseinsatz? Wie reagiert das Kapital auf dieses Problem?
Weitere Beiträge beschäftigen sich mit dem Einsatz von KI in Bildungssystemen und vor allem im Militär.
Wird der Mensch überflüssig?
Auf den Beitrag von Claudius Vellay sei noch besonders hingewiesen. Er betont die Notwendigkeit, die »Simulation menschlicher Sprache durch KI-Chatbots von den bedeutungsvollen Bewusstseinsinhalten im ideellen Denken der Menschen [zu] unterscheiden«. Hier bewegen wir uns auf dem Terrain der Erkenntnistheorie, der Frage nach dem Verhältnis zwischen materiellem Sein und Bewusstseinsprozessen und damit, ob reines Denken Arbeit ist.
Ganz entschieden widerspricht Vellay der herrschenden Ansicht, bei menschlicher und künstlicher Intelligenz könne es sich um das Gleiche handeln, weil ein Teil des menschlichen Gehirns und Rechenmaschinen »funktionell« Gleiches täten. »Die antihumanistische Rede von der funktionalen Gleichheit menschlicher und künstlicher Intelligenz« bereitet den Weg für irrationales Denken, schreibt er. Es sei daher nicht verwunderlich, dass die Tech-Milliardäre des Silicon Valley ihre Monopolmacht nun der »offen irrationalistischen Machtausübung« Donald Trumps zu Seite stellten. Der »Siegeszug der Technik über den Menschen« ist eine Chimäre, die die dahinterliegende Klassenherrschaft verdunkelt.
Eine politische Antwort muss aus seiner Sicht an den Eigentums- und Machtverhältnissen ansetzen, auf denen KI-Infrastrukturen beruhen.
Das meint: »Ein Ende des Raubes und von Daten, Offenlegung von technischen und Trainingsunterlagen, kollektive Mitbestimmung bei Entwicklung und Einsatz von KI sowie der Aufbau öffentlicher, nicht profitorientierter Alternativen zu den privaten Techmonopolen sind zentrale Bausteine einer solchen Strategie. Ethische Kodizes und technische Korrekturen an bestehenden Systemen reichen nicht aus, solange sie die Funktion der Technik im Kapitalismus unangetastet lassen.«
Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen
Spenden
Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF
Schnupperausgabe
Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.
Kommentare als RSS Feed abonnieren