Das jüngste Abkommen zwischen Damaskus und der kurdischen Verwaltung
von Gilbert Achcar
Das am 30.Januar verkündete Abkommen zwischen Damaskus und der kurdischen Verwaltung stellt einen Kompromiss dar, der das Kräfteverhältnis zugunsten des Regimes in Damaskus verschiebt. Es ist ein Kompromiss, weil das Abkommen zwischen zwei Parteien geschlossen wurde, von denen keine die Fähigkeit zum Weiterkämpfen eingebüßt hat.
Tatsächlich verfügen die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), obwohl sie weitgehend auf ihren überwiegend kurdischen Kern reduziert wurden, im aktuellen syrischen Machtgefüge immer noch über beträchtliche militärische Stärke. Sie befehligen zehntausende kampferprobte Männer und Frauen, die von einem nationalen Motiv angetrieben sind, das durch ein Jahrhundert von Teilung und Unterdrückung geprägt wurde. Darüber hinaus bildet ihr politisches Fundament eine ideologische Strömung, die sich den historischen Veränderungen angepasst hat und tief verwurzelt ist.
Im Gegensatz dazu sind die Streitkräfte des neuen syrischen Regimes nicht wesentlich stärker als die kurdischen und weisen einen mangelnden Zusammenhalt auf. Sie setzen sich aus einer hybriden Koalition von Hayat Tahrir al-Sham, anderen jihadistischen Gruppen (darunter auch nichtsyrische) und direkt gegenüber Ankara treuen Kräften zusammen – Einheiten der sog. Syrischen Nationalarmee.
Diese Konstellation bedeutet, dass das bestehende Machtgleichgewicht es der kurdischen Seite ermöglichen würde, den Streitkräften von Damaskus über einen beträchtlichen Zeitraum Widerstand zu leisten, vorausgesetzt, sie erhielte externe Unterstützung, um ihre Isolation und Einkesselung zu verhindern.
Allerdings haben beide Akteure, die zu einer solchen Unterstützung fähig gewesen wären, die syrisch-kurdische Bewegung verraten. Der erste sind die USA, die unter der aktuellen Trump-Administration ihre Unterstützung für die SDF im Kampf gegen den IS zugunsten einer Unterstützung der Türkei und des neuen, von Ankara unterstützten syrischen Regimes aufgegeben hat. Der zweite ist die Regionalregierung Kurdistans im Nordirak unter Führung der Familie Barzani, einer engen Verbündeten Ankaras.
Regionale Allianzen
Seit den 90er Jahren ist die Familie Barzani mit dem türkischen Staat verbündet. Sie wird die von der Partei der Demokratischen Union (PYD) geführten Streitkräfte in Nordostsyrien nicht gegen die Türkei und ihre Verbündeten unterstützen, genauso wenig wie sie die Streitkräfte der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) im Nordirak gegen wiederholte türkische Angriffe unterstützt. Stattdessen versuchen sie, mit Ankaras Zustimmung ihren Einfluss auf Nordsyrien auszudehnen.
Die PYD ihrerseits erntet die Folgen des Widerspruchs zwischen ihren proklamierten Prinzipien und ihrer tatsächlichen Praxis. Obwohl die Partei behauptet, den anarchistischen Ideen des PKK-Führers Öcalan anzuhängen, die später von seiner Organisation übernommen wurden, ist es ihr nicht gelungen, in den mehrheitlich arabischen Gebieten, die sie mit US-Unterstützung östlich des Euphrats erobert hat, eine echte demokratische Selbstverwaltung zu etablieren.
Statt die lokalen Gemeinschaften zu stärken, hat sie ihre Autorität auf eine Weise durchgesetzt, die von der arabischen Bevölkerung weithin als kurdisch-nationalistische Vorherrschaft wahrgenommen wurde. Dies erklärt den raschen Zusammenbruch der PYD-nahen Kräfte in diesen Regionen: Lokale arabische Stämme zogen es vor, sich unter dem neuen Regime in Damaskus wieder in den syrischen Staat zu integrieren, insbesondere nachdem Washington seine Unterstützung von der kurdischen Bewegung zurückgezogen und sich der syrischen Regierung zugewandt hat.
Hätten die arabischen Mehrheiten in diesen Regionen eine echte demokratische Selbstverwaltung erlebt, wären sie zweifellos bereit gewesen, diese gegen jeden Versuch eines in Damaskus ansässigen Regimes zu verteidigen, sie zu demontieren, um eine zentralisierte Autorität wiederherzustellen.
Auffallend ist der eklatante Gegensatz zwischen der Haltung des neuen syrischen Regimes gegenüber den kurdisch kontrollierten Gebieten im Norden und seiner Haltung gegenüber der israelischen Besatzung und der mehrheitlich von Drusen bewohnten Region an den besetzten Golanhöhen im Süden auf.
Dieser Gegensatz erinnert an eine Parole des palästinensischen Widerstands und der Libanesischen Nationalbewegung aus dem Jahr 1976, als Syriens Präsident Hafiz al-Assad letztere unterdrückte und seine Kontrolle über den Libanon mit Billigung Washingtons ausweitete: »Ein Löwe [Assad auf Arabisch] im Libanon, ein Hase auf den Golanhöhen.«
Das beschreibt treffend auch das Verhalten des Regimes von Ahmed al-Sharaa, das sich im Norden wie ein Löwe gegen die Kurden verhält, während es dem zionistischen Staat entgegenkommt – sogar Sicherheitsabkommen mit ihm abschließt –, obwohl dieser seit fast einem halben Jahrhundert einen strategisch wichtigen Teil Syriens besetzt hält.
Zwischen den Fronten
Die Streitkräfte des neuen Regimes in Damaskus genießen deshalb in ihrer Konfrontation mit der kurdischen Bewegung die uneingeschränkte Unterstützung durch die Türkei. Angesichts dessen stehen die SDF vor zwei bitteren Optionen: Kapitulation oder Krieg zur Wahrung ihrer Würde – wobei der Krieg Gefahr läuft, sich in einen Selbstmordkrieg zu verwandeln, wie manch andere heroische, letztlich aber vergebliche Schlacht der Geschichte.
Deshalb stimmten die SDF dem Kompromiss zu, um Zeit zu gewinnen, in der Hoffnung auf eine Änderung der Umstände sei es auf regionaler Ebene – angesichts der anhaltenden Instabilität in der Region – oder auf internationaler Ebene – angesichts der Unberechenbarkeit Donald Trumps und der damit verbundenen Möglichkeit, dass er seine Position noch ändern könnte.
Das Regime in Damaskus hat seinerseits den Kompromiss einem erbitterten Krieg im Norden vorgezogen – er könnte seine Bemühungen um die Festigung der Kontrolle über das übrige syrische Territorium untergraben oder seine Abhängigkeit von Ankara weiter vertiefen und damit sein Ansehen schädigen und seine Ambitionen einschränken. Der Kompromiss sah vor, dass Damaskus seine Forderung nach sofortiger Auflösung der kurdischen Selbstverwaltung und ihrer Streitkräfte und dem Einsatz eigener großer Truppenkontingente im Kerngebiet der SDF-kontrollierten Gebiete aufgeben sollte. Stattdessen sollten begrenzte Schritte eingeleitet werden – deren Auslegung umstritten sein mag –, um diese Gebiete in die militärische, administrative und rechtliche Struktur des neuen syrischen Staates zu integrieren.
Es besteht kaum ein Zweifel, dass der gegenwärtige Kompromiss den Konflikt nicht löst, sondern ihn lediglich von einer militärischen auf eine politische Ebene verlagert. Der Krieg würde nur mit anderen Mitteln fortgesetzt.
Die kurdische Seite wird versuchen, die seit einem Jahrzehnt bestehende, faktische Selbstverwaltung aufrechtzuerhalten, um ein Stück Selbstbestimmung zu bewahren, selbst wenn die Verwaltung formell in den syrischen Staat integriert wird. Ankara wird jedoch Damaskus beharrlich und unerbittlich unter Druck setzen, dass es die vollständige Kapitulation der Kurden und ihre Unterwerfung unter die Zentralregierung durchsetzt.
Die Frage ist, ob Washington Kurden und Türken so im Zaum halten kann, dass die Situation im Rahmen eines von beiden Seiten öffentlich akzeptierten Kompromisses bleibt. Wahrscheinlicher ist, dass das Abkommen keine Dauer hat und dass der Krieg erneut die Oberhand gewinnt. Auf dieses Abkommen würden dann weitere, ebenso kurzlebige folgen – ein Muster, das in dieser Region der Welt nur allzu bekannt ist.
4.2.2026
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