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Nordafrika/Nahost 1. März 2026

An die Stelle des Konföderalismus tritt Ethnisierung
von Thomas Schmidinger

Mit dem Abkommen vom 30.Januar und dem Einrücken syrischer Sicherheitskräfte in die kurdischen Gebiete, gelang es den syrischen Kurd:innen zwar das Schlimmste zu verhindern. Kobane wird allerdings immer noch blockiert. Wie viel von der einstigen Autonomie der Demokratischen Autonomie Nord- und Ostsyriens (DAANES) noch zu retten sein wird, wird sich in den kommenden Monaten zeigen.

Die DAANES, wie sie bis Mitte Januar existiert hat, ist in dieser Form mit Sicherheit Geschichte. Dies war allerdings selbst schon eine Folge eines sehr schwierigen militärischen Bündnisses, das den militärischen und politischen Interessen der USA mindestens ebenso diente, wie jenen der Kurd:innen.
Dass die im Januar verloren gegangenen arabischen Gebiete, im wesentlichen die Provinz Raqqa und der nördlich des Euphrats gelegene Teil der Provinz Deir az-Zor überhaupt Teil dieses Gebiets war, war ein Resultat dieses Bündnisses, das von den kurdischen Kämpfer:innen verlangte, auch über das kurdische Siedlungsgebiet hinaus den Islamischen Staat (IS) zu bekämpfen und damit eben auch arabische Städte zu erobern.

Arabische Stämme
In diesen zwischen 2016 und 2019 eroberten arabischen Gebieten mussten die kurdischen Revolutionär:innen notgedrungen mit den dort lebenden, teilweise sehr konservativen arabischen Stämmen kooperieren. Auch Kämpfer, die zuvor mit dem IS oder anderen islamistischen Gruppen gekämpft hatten, wurden nun teilweise zu ihren Verbündeten. Von den Ideen Abdullah Öcalans wollten diese aber weiterhin nichts wissen, schon gar nicht von der Geschlechterideologie der PKK. Solange die kurdisch geführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) aber der stärkste Akteur in der Region waren, schien es den Stammesführern klug, sich an diese zu halten und an ihnen zu beteiligen.
Dabei blieb die Herrschaft der SDF in diesen Gebieten vielfach prekär. Wurden in der ehemaligen IS-Hauptstadt Raqqa zumindest die öffentlichen Einrichtungen repariert und eine rudimentäre Verwaltung aufgebaut, so blieb die DAANES im ländlichen Euphrattal weitgehend nur eine Miliz. In den Dörfern der Provinz Deir az-Zor gab es kaum Verwaltungsstrukturen, Schulbildung oder Strom. Außer als Kämpfer in den SDF gab es nirgendwo Jobs. Städte und Dörfer versanken im Müll.
Nach dem Fall des Regimes in Damaskus im Dezember 2024 begannen sich die arabischen Stämme immer stärker in Richtung der neuen Machthaber in Damaskus zu orientieren. In Raqqa kam es schon 2025 immer wieder zu Protesten gegen die SDF, die repressiv beantwortet wurden. Durch den Regimewechsel in Damaskus hätte sich eine Chance ergeben, die arabischen Gebiete gegen das 2018 durch die türkische Invasion verlorene, kurdisch besiedelte Afrin auszutauschen. Doch waren beide Seiten – Ahmed al-Sharaa in Damaskus und Mazlum Abdi in Hasaka – intern wohl zu schwach um sich wirklich zu bewegen. Damit verschärften sich aber nur bestehende Konflikte, statt gelöst zu werden. Das Grundsatzabkommen zwischen Ahmed al-Sharaa und SDF-Oberkommandierendem Mazlum Abdi vom März 2025 wurde letztlich nie umgesetzt.

Krieg und Ethnisierung
Nachdem es Anfang Januar um die kurdischen Viertel in Aleppo zu Kämpfen gekommen war und die kurdischen Kräfte schließlich am 10.Januar aus Aleppo abziehen musste, zog am 17.Januar die Führung des arabischen Shammar-Stammes in Syrien, der seit Jahren zu den wichtigsten arabischen Verbündeten der kurdischen Volks- und Frauenverteidigungseinheiten YPG und YPJ zählte, ihre Unterstützung für die DAANES offiziell zurück.
Gemeinsam mit den Shammar fielen auch andere wichtige arabische Stämme der Provinz Deir az-Zor und Hasakas von den SDF ab, womit die meisten arabischen Gebiete der DAANES innerhalb von nur zwei Tagen unter arabische Kontrolle kamen.
Die US-Streitkräfte, die bisher als Verbündete der SDF galten, verhielten sich passiv. US-Präsident Trump, aber auch die Staaten der EU hatten bereits in der Vergangenheit immer wieder ihre Unterstützung für die Übergangsregierung von Ahmed al-Sharaa klar gemacht. Erst als die kurdischen Kerngebiete erreicht wurden, kam die Front zum Stehen. Hier trafen die arabischen Milizen und die Einheiten der Syrischen Arabischen Armee erstmals auf ernsthaften Widerstand.
Der Abfall der meisten Araber von den SDF, der von den lokalen Kurd:innen genauso als Verrat gewertet wird wie der Seitenwechsel der USA, hat zu einer Ethnisierung des Konflikts beigetragen. Statt der Fahnen von Rojava und der Beteuerung, ein multiethnisches Projekt zu sein, sieht man seither kurdische Nationalfahnen in Qamishli und Kobanê. Plötzlich steht wieder die Idee eines großkurdischen Nationalstaats im Raum, statt des demokratischen Konföderalismus von Abdullah Öcalan.
Auch für Teile der Basis der PYD gilt das Experiment einer gemeinsamen Verwaltung mit Araber:innen und Christ:innen als gescheitert. Masoud Barzani, der langjährige Führer der Demokratischen Partei Kurdistans (PDK) im Irak, gilt nun vielen als der Führer der kurdischen Nationalbewegung. Auch dessen Roj Peshmerga, also die bewaffneten Einheiten der mit der PDK verbündeten syrisch-kurdischen Parteien, sollen nun wieder nach Syrien zurückkehren. Ob als Teil der neuen kurdischen Brigaden der Syrischen Arabischen Armee, die aus den SDF geschaffen werden sollen, oder als eigene Militäreinheit, ist noch offen.

Integration in den syrischen Staat
Nach dem Abkommen vom 30.Januar werden die SDF – inklusive der Frauenverteidigungseinheiten YPJ – als eine Division der Syrischen Armee mit drei Brigaden in Hasaka stationiert, und als eine Brigade in Kobanê. Die Polizeikräfte der DAANES, die Asayî?, bleiben bestehen und werden als legitime Sicherheitskräfte in den kurdischen Gebieten eingesetzt. Zusätzlich werden einige Einheiten des syrischen Innenministeriums vor Ort eingesetzt, die erstmals am Montag, dem 2.Februar in der Region eintrafen.
In der Provinz Hasaka, wo mit Noreddin Issa Ahmed nun auch ein kurdischer Gouverneur auf Vorschlag der SDF ernannt wurde, scheint die Integration in den syrischen Staat voranzuschreiten. Die Sicherheitskräfte der Regierung haben in Qamishli jene Gebäude in Besitz genommen, die bis zum Sturz des Regimes 2024 noch Behörden der syrischen Regierung beherbergten. Derzeit sind sie auch daran, den Flughafen zu übernehmen und damit wieder den Flugverkehr nach Damaskus zu ermöglichen.
In Kobanê gibt es allerdings deutlich weniger Fortschritte. Die hier aufgrund des Krieges gegen den IS 20214/15 viel stärker traumatisierte Bevölkerung traut dem Frieden noch weniger, und die lokalen SDF-Kräfte wehren sich bislang dagegen, die Sicherheitskräfte der Regierung in Damaskus in die Stadt zu lassen.
Immerhin gab es hier – anders als in Qamishli – seit 2012 keine Regierungskräfte mehr. Im Gegenzug blockiert die Regierung in Damaskus die Stadt weiterhin. Während die Lebensmittelvorräte zur Neige gehen, stehen Krankenhäuser und Ärzte bereits ohne Medikamente da.
Als einige Tage nach dem Abkommen die Bewohner:innen der Dörfer um Kobanê wieder in ihre Häuser zurückkehrten, mussten sie feststellen, dass die Dörfer während ihrer Abwesenheit geplündert worden waren. In einigen Fällen waren sogar Türen und Fenster herausgerissen worden. Und auch wenn es selten Beweise für die Täter gibt: Die Dorfbewohner:innen sind davon überzeugt, dass es die arabischen Nachbardörfer waren.
Auch hier schreitet damit die Ethnisierung des Konfliktes voran. Während es in Qamishli zumindest noch einige Araber und aramäischsprachige Christ:innen in den SDF gibt, fühlt man sich in Kobane als kurdische Insel in einem feindlich gesonnenen arabischen Ozean und versucht, sich gegen eine Integration in den syrischen Staat weiter zur Wehr zu setzen.
In das dritte kurdische Gebiet, die Region um Afrin, die Anfang 2018 von der Türkei erobert wurde, kehren hingegen seit Monaten damals Vertriebene zurück. Da die Araber:innen, die damals von der Türkei angesiedelt worden waren, seit Dezember 2024 in ihre Herkunftsregionen zurück können, kehren seit einigen Monaten auch die 2018 vertriebenen Kurd:innen teilweise heim. Die Unterstützung der Rückkehr der Vertriebenen nach Afrin war Teil des Abkommens zwischen Ahmed al-Sharaa und Mazlum Abdi.
Am 15.Februar wurde der erste organisierte Konvoi von Rückkehrer:innen nach Afrin geschickt. Rund 400 Familien, die vor allem aus den Kleinstädten und Dörfern von Cindires, Mabeta und Siye stammen, wurden in ihre Heimat zurückgebracht. Anders als für Kobane und Hasaka ist in Afrin aber von keiner eigenen Verwaltung mehr die Rede. So wie hier stellt sich die Regierung wohl die Zukunft der syrischen Kurd:innen überhaupt vor: Rückkehr und kulturelle Rechte ja, jegliche Form politischer Selbstverwaltung nein!

Offene Fragen
Dabei ist klar, dass es auch über das Abkommen vom 30.Januar unterschiedliche Lesarten gibt. Während die SDF so tut, als würde sich für die eigenen Leute kaum etwas ändern, behauptet die Regierung in Damaskus, damit sei die vollständige Integration der kurdischen Gebiete in den Staat gesichert.
Ein endgültiger Text des Abkommens wurde bis Mitte Februar nicht veröffentlicht, nur Zusammenfassungen und Interpretationen beider Seiten. Zu viel scheint noch offen zu sein und nachverhandelt werden zu müssen. Genau hier bräuchte es allerdings internationales Engagement – und zwar auch von Europa. Ohne internationale Mediation und Überwachung der Einigung ist die Umsetzung des Abkommens nicht garantiert, da kann das kleinste Problem zum nächsten Waffengang führen.

Der Autor lehrt Politikwissenschaft und International Relations an der University of Kurdistan Hewler (UKH) in Erbil (Kurdistan-Region, Irak).

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