Die Phantasie an die Macht
von Gerhard Klas
Thea Riofrancos: Extraktivismus. Über die Grenzen des grünen Kapitalismus.
Berlin: Suhrkamp, 2026. 320 S., 28 Euro
Jeden Verbrenner durch ein Elektroauto ersetzen? Das ist nicht die Lösung, meint die US-amerikanische Politökonomin Thea Riofrancos. Eine echte Energiewende erfordere »politische Phantasie – weit mehr, als die Politik derzeit in der Lage ist zu entwickeln«. Das ist nur eine Quintessenz ihres neuen Buches Extraktivismus. Über die Grenzen des grünen Kapitalismus.
Für ihre Kritik an Lithium, grünem Extraktivismus und neokolonialer Ausbeutung ist sie kreuz und quer durch die Welt gereist und hat wichtige Erkenntnisse zusammengetragen.
Die Atacamawüste in Chile gilt als einer der trockensten Ort der Erde. Darunter liegt ein wertvoller Rohstoff: Lithium, das »weiße Gold«. Lithium steckt in Batterien von Elektroautos und ist damit ein wichtiger Teil der Energiewende.
In der Atacamawüste, so weit das Auge reicht: Pumpen, Verdunstungsbecken, riesige Salzseen, die langsam ausgepresst werden. Und am Rand dieser Zone: indigene Gemeinschaften, die um ihr Wasser kämpfen. Wasser, das sie zum Überleben brauchen.
»Trotzdem behaupten jene, die sich weniger für die Menschen oder die Ökologie der Region, sondern vor allem für die dort lagernden Rohstoffe interessieren, die Atacama-Salzwüste sei leer und leblos«, konstatiert Riofrancos.
Neokoloniales Muster
Mit dieser Exkursion beginnt sie ihr Buch – und die Reise geht weiter. Unter anderem schreibt sie über bestehende und geplante Lithium-Abbaugebiete in Chile, Argentinien und Australien, in Portugal und Serbien.
Überall das gleiche Bild: erheblicher Wasserverbrauch, toxische Rückstände. Riofrancos hat mit Angehörigen indigener Gemeinden gesprochen, die gegen die Konzerne klagen. Und mit Bergbaulobbyisten, die sich als Retter des Klimas verstehen.
Ihre zentrale These ist unbequem: Wir bekämpfen den Klimawandel mit einer Energiewende, die auf denselben Logiken beruht wie das fossile System, das wir überwinden wollen: die Ausbeutung von Ressourcen. Lieferketten, deren soziale und ökologische Kosten von armen Gemeinschaften im Globalen Süden getragen werden, während der Nutzen und die Profite bei Autofahrern und Aktionären im Norden landen. Riofrancos nennt das »grünen Extraktivismus« – und zeigt, wie dieses neokoloniale Muster funktioniert.
»Ich bin … zu der Überzeugung gelangt, dass der Abbau von Bodenschätzen verringert werden muss«, lautet ihre Schlussfolgerung. Eines sei klar: Der Wettlauf zu neuen Grenzen der Ressourcenerschließung werde »durch den unstillbaren Hunger auf Rohstoffe angefacht, die gebraucht werden, um die Fabriken des globalen Kapitalismus anzutreiben, die vor allem den Konsum der Reichen ermöglichen«.
Das Buch ist viel mehr als ein politisches Plädoyer: Es ist eine penibel berechnete Analyse. Mit einem Team von Ingenieuren und Verkehrsexperten hat Riofrancos Modelle entwickelt, die verschiedene Null-Emissions-Szenarien miteinander vergleichen. Wenn man, so ihre Erkenntnis, statt des einfachen Austauschs »Verbrenner gegen Elektroauto« einen anderen Weg einschlagen würde – dichtere Städte, massiver Ausbau von Bus, Bahn, Fahrrad, kleinere Batterien, konsequentes Recycling, dann könnte der Lithiumbedarf um zwei Drittel sinken. Das ist keine Utopie, das ist wohlkalkulierte Industrieökologie.
Das Klima lässt sich nicht retten, indem man die bestehende Autogesellschaft elektrifiziert. Wer das behauptet, tut das oft nicht aus klimapolitischer Überzeugung, sondern weil mächtige Industrien – Automobilhersteller, Bergbaukonzerne, Finanzinvestoren – von genau diesem Szenario profitieren.
Weniger Individualverkehr – mehr Lebensqualität
Heißt das weniger Lebensqualität? Nein, meint Riofrancos. Wer in Amsterdam oder Barcelona lebt, fährt seltener Auto als in Houston oder Los Angeles – und lebt nicht schlechter. Dichte Städte, kurze Wege, guter öffentlicher Nahverkehr: Das ist kein Rückschritt, das ist eine andere, attraktivere Form des städtischen Lebens.
Die Politökonomin warnt allerdings vor falschen Hoffnungen. Eine Kreislaufwirtschaft brauche Zeit, denn die Batterien, die recycelt werden sollen, müssten erst einmal durch ihre Lebenszyklen. Und Natrium-Ionen-Zellen als Alternative zu Lithium seien noch weit von einem Durchbruch im Fahrzeugsektor entfernt. Aber es gelte zu handeln:
»Wir können uns der beängstigenden Realität zunehmender politischer, wirtschaftlicher und ökologischer Instabilität nicht entziehen«, schreibt Riofrancos, »die Turbulenzen erfassen alles einschließlich der materiellen Grundlagen der Energiewende«.
Das Buch endet nicht in Resignation. Die Lieferketten des grünen Kapitalismus verbinden Menschen, die meist wenig voneinander wissen: Bergbaugegner in den Anden, Busfahrerinnen in Berlin, Gewerkschaftler in Batteriefabriken in Thüringen, Radaktivisten in Kopenhagen. Diese Menschen kämpfen scheinbar um verschiedene Dinge – aber Riofrancos sieht hier das Potential einer neuen, globalen Koalition, die faktisch gegen dieselbe Logik ankämpft.
Sie hat ein Buch vorgelegt, das man in seiner Aktualität kaum überschätzen kann. Wer bei Klimapolitik mitreden möchte, kann diese klarsichtige Analyse nicht ignorieren. Ob ihre Schlussfolgerungen allerdings auf der Weltklimakonferenz vom 9. bis 20.November in Antalya Berücksichtigung finden, darf bezweifelt werden.
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