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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Vor Streiks hatten alle Angst

Gespräch mit DDR-Oppositionellen, die nicht im Kapitalismus landen wollten
Teil IV

Die Redaktionen von express und SoZ haben einen gemeinsamen Fragekatalog erarbeitet, der von ehemaligen DDR-Bürgerinnen und -Bürgern aus dem Umkreis der Vereinigten Linken, des Neuen Forums und der Initiative Unabhängiger Gewerkschafter beantwortet wurde.  Aufgrund eines unverzeihlichen Versehens haben wir einen der Antwortenden bisher «verschwiegen», Werner Jahn. Wir bitten dafür um Entschuldigung und haben seine Antworten auf die bisherigen Fragen auf die nachfolgende Weise zusammengestellt. Werner Jahn zum Anspruch der DDR, wie er die Wende erfahren hat und wie die Situation in den Betrieben war.

Die DDR war ihrem Anspruch nach der Versuch einer sozialistischen Alternative zur kapitalistischen BRD. Warst Du jemals von der Machbarkeit dieser Alternative überzeugt, bzw. wann hast Du den Glauben dran verloren?
Ich bin 1948 geboren und war ab Ende der 60er Jahre vom sog. Arbeiterbewegungsmarxismus beeinflusst. Dazu kam der Einfluss der Westmedien und Gespräche mit Arbeitskollegen. Ab 1982 hatte ich erste lose Kontakte zur kleinen Friedens-, Umwelt-, und Demokratiebewegung der DDR, die dann immer intensiver wurden. Wichtig waren auch die Lebenserfahrungen meiner Eltern und Großeltern. Entscheidende Momente waren der Aufstand am 17.Juni 1953, die Unruhen 1956 in Ungarn, sehr prägend der Mauerbau 1961, der Einmarsch des Warschauer Paktes in Prag 1968, der Vietnamkrieg und die antikolonialen Befreiungsbewegungen.
Trotz des Rückstands in der ökonomischen, später auch sozialen Entwicklung der DDR zu führenden kapitalistischen Industriestaaten, besonders zur BRD, war da die praktische Erfahrung, dass sich das «real sozialistische System» durchsetzt. Dass der Abstand in der Arbeitsproduktivität, Wissenschaft und Technik immer größer wurde, löste ich für mich dadurch auf, dass ich auf Reformen hoffte Druck von unten, Reformen von oben, nach dem «Modell» Prager Frühling.

Als Gorbatschow kam, fühlte ich mich bestätigt: Jetzt ist die Krise endgültig im Zentrum, in der UdSSR, angekommen, jetzt kommt von dort die Reform, von oben, wegen der nicht mehr zu beherrschenden inneren Widersprüche in der Gesellschaft. Und: Jetzt brauchen die Reformer Unterstützung von unten. Die Reformbewegung breitete sich auch in Osteuropa Polen, Ungarn aus, ich dachte, mit dem Gorbatschow-Projekt «Gemeinsames Haus Europa» könnten vielleicht auch von Westeuropa neue Impulse ausgehen.
Von den 60ern bis zu den 80ern Jahren empfand ich den Sozialismus in der DDR zwar als mies, aber doch als die bessere Alternative, ab ca. 1988 war für mich die DDR gegenüber der BRD nur noch das kleinere Übel. Diese Haltung verfestigte sich in der Folge und ist auch zunehmend theoretisch fundiert.

Was waren die Gründe für den Zusammenbruch der DDR? War sie ökonomisch am Ende, oder war sie politisch und/oder moralisch delegitimiert? Stimmt der Satz aus dem express (Nr.4/90): «Die ‹konkrete Utopie› der meisten DDR-Bürger ist die BRD?»
Der express-Satz stimmte für den DDR-Durchschnittsbürger bis 1961 danach machte man sich an Frühstücks- und Stammtischen oder im Arbeitskollektiv vorsichtig Gedanken, was anders, besser sein sollte, oder man beklagte sich. Es war ja klar, dass das keinen Einfluss auf das reale Geschehen hatte. Nach der Maueröffnung und dem Zerfall des SED-Machtanspruches stimmte der express-Spruch wieder, da gab es ein fast perfektes System, warum also noch experimentieren?

Auf jeden Fall wollten die Wähler der SED und von Bündnis ’90, deren Stimmenanteil bei der Volkskammerwahl im März 1990 zusammen fast 20% ausmachte, nicht die Übernahme des BRD-Kapitalismus. 80% der Wähler stimmten jedoch ziemlich eindeutig dafür, und die dann gebildete Regierung war zwangsläufig praktisch Befehlsempfänger von Bonn.

Die DDR war ökonomisch schwer angeschlagen, das waren Polen, Ungarn usw. auch, aber das waren keine Teilstaaten. Die DDR war eigentlich nicht am Ende, es hätten jedoch schwere soziale Einschnitte erfolgen müssen. Für einen ökonomischen Wettbewerb mit der BRD auf der Basis eines «neuen Wirtschaftsmodells» gemischte Eigentumsformen, neues Verhältnis zwischen Plan und Markt usw., eine Übergangsgesellschaft mit unsicherem Ziel fehlte einfach die Grundlage, auch aufgrund der unsicheren Erfolgsaussichten.

War der Umbruch von 1989 eine Revolution?

Klar, die oben konnten nicht mehr und die unten wollten nicht mehr. Die Entwicklung führte dann allerdings, nach kurzen Wochen des versuchten Aufbruchs, in eine restaurative bis reaktionäre Entwicklung.

Kurz nach der Wende gab es einige bekannte Auseinandersetzungen (z.B. um Bischofferode), in denen Belegschaften sich gegen ihre Abwicklung zur Wehr setzten. Im Normalfall haben die Werktätigen jedoch darauf gesetzt, dass die Kapitalisten aus dem Westen die Betriebe modernisieren und ihnen eine Zukunft bieten. Kann man daraus schließen, dass das erklärte Volkseigentum den Produzenten wenig galt? Wie war das Verhältnis der Beschäftigten zu ihren Betrieben? Gab es 1989 innerhalb der Belegschaften noch oppositionelle Traditionen der Arbeiterbewegung, die die DDR in einem sozial-emanzipatorischen Sinne hätten verändern können, oder waren diese Traditionen schon zerstört?
Die Bezeichnung VEB (Volkseigener Betrieb) war unzutreffend, es gab ja keine Eigentümerfunktion für die Beschäftigten. Am Betriebsergebnis war die Belegschaft nicht beteiligt, ebenso nicht wirklich an der Leitung und Planung der Betriebe, trotz der jährlichen «Plandiskussionen». Dabei wurden die Themen meist durch die staatlichen Leiter vorbereitet. Die Werktätigen schlugen die Themen im Rahmen der «Gegenplanbewegung» vor sie wurden natürlich angenommen. So konnten zig Mark Planerweiterung abgerechnet werden, die auf Initiative der Werktätigen zustande gekommen waren und anschließend vom Neuen Deutschland als großer Erfolg vermeldet wurden.

Dazu will ich ein Beispiel aus den 80er Jahren aus meinem Betrieb, dem Oberrechenzentrum der Deutschen Post, erzählen. Wir hatten zwei Großrechner mit je drei EDV-Bedienern. Durch Rationalisierungen verkürzten sich die Programmlaufzeiten und die Auslastung der Rechner sank rapide. Der zweite Rechner lief höchstens 8 Stunden pro Tag, nur in den Spitzenauftragszeiten, meist am Monatsende, war er einige Tage lang 24 Stunden ausgelastet. Daraufhin beriet sich der Leiter des Rechenzentrums mit dem Produktionsleiter, dem Produktionsorganisator und den Schichtleitern. Einhellig war man der Meinung, dass für diese Belastung zwei Leute pro Schicht ausreichen also insgesamt vier statt sechs benötigt würden. Für die Spitzenauslastung sollten eventuell Springer aus anderen Schichten herangezogen werden. Kerstin, eine der Bedienerinnen der Rechner, wurde gebeten, den Vorschlag in der Plandiskussion zu unterbreiten. Doch zwei Wochen vor der Plandiskussion verkündete der Leiter inoffiziell, es sei alles abgeblasen. Der Grund: Es kamen geburtenstarke Jahrgänge und die Datenverarbeitung hatte als aufstrebender Industriezweig der DDR von der Staatlichen Plankommission mehr Lehrlinge zugewiesen bekommen. Diese mussten alle untergebracht werden, daher entschied man, pro Großrechner vier Bedienerplanstellen zuzuweisen. Das Fazit: War man sich anfangs einig, dass statt der sechs Planstellen vier genügen würden, gab es schließlich acht davon. Der entsprechende Punkt der Plandiskussion fiel natürlich aus.

Zu den Traditionen der Arbeiterbewegung das ist ein schwieriges Thema, oder sind das vielleicht nur meine Schwierigkeiten? Als Kind, Heranwachsender erinnere ich an Arbeiter, die auf die mit dem spitzen Bleistift schimpften und fragten: «Zeig’ mal deine Pfoten», um zu sehen, ob sie Schwielen haben oder nicht, also Arbeiterhände. Am 17.Juni war ich fünf Jahre alt, so etwas wie: «Jetzt sind wir die SED-Bonzen los jetzt wollen wir ‹unsere Betriebe› übernehmen», das gab es nicht.

Wie weiter mit der DDR, ihrer Wirtschaft, ihren Betrieben? Es wurde viel gesprochen, ich habe nur eine Szene behalten. Ein alter Arbeiter, um die 60, Schieber- oder Kanzlermütze, aber so wie er sprach, war er kein Vorgeschickter, wirklich einer aus dem Betrieb: «Unsere Leiter sind alles Quatscher und Idioten, unsere Ingenieure alles Nieten, hier müssen Leute aus dem Westen ran, die wissen wie es geht. Unsere Leute haben die Karre in den Dreck gefahren, und die sind nicht in der Lage das zu reparieren.» Das will ich hier nicht kommentieren, aber so war die Stimmung.

Gleichzeitig gab es aber keine unterwürfige Haltung vor den Vorgesetzten mehr: «Jawohl Herr Chef, sofort Herr Chef», wie es ein ansonsten gegenüber der DDR kritisch eingestellter Metallarbeiter mal mir gegenüber formulierte. Kein Arbeiter brauchte vor seinem sozialistischen Leiter Angst zu haben und keiner hatte sie.

Welche Bedeutung hatten die Betriebe gesellschaftlich und für die Menschen in der DDR? Was kann man über die Bewusstseinslage der Belegschaften in der DDR, 1989 und dann danach sagen? Was hieß eigentlich Klasse in der DDR?
In manchen Betrieben war es ziemlich kuschelig. Es war bestimmt einiges möglich, was heute nicht geht. Im Westfernsehen gab es eine bessere, zumindest interessantere Welt. Es gab zwei Hauptklassen, Arbeiter und Bauern und Schichten wie die der werktätigen Intelligenz. Gab es darüber hinaus noch mehr Schichten und was waren eigentlich die Handwerker? Solche Fragen galten schon als leicht provokativ. Über den Begriff der «herrschenden Arbeiterklasse» konnte man auch als Arbeiter nur grinsen.
Was ist aus der IUG geworden?

Welche Rolle spielten die Betriebe in den Umbrüchen 1989? Gab es eine betriebliche Opposition? Wieso gab es 1989 so wenige Streiks, wie kam es im Herbst 1989 dann doch zu der Forderung nach einem Generalstreik, und warum kam dieser nicht zustande?
So um den 25.Oktober 1989 versammelte ich ein paar Leute, um zu diskutieren, was man im Betrieb verändern sollte. Wir diskutierten, ob man für mehr Geld mehr arbeiten sollte, oder die Arbeit verlagern, überflüssige Arbeitsplätze abschaffen und Leute besser dort einsetzen, wo sie gebraucht würden. Wir trafen uns drei Mal und verfassten ein Papier für die Betriebsleitung. Dann kam die Maueröffnung und das Ende. Als Schichtarbeiter hatten wir Freiwochen. Als ein junger Kollege, seit kurzem Facharbeiter, nach zehn Tagen Arbeit im Westen mit einem Gebrauchtwagen zurückkam und damit den neuen Lada unseres Produktionsleiters übertraf, war die Arbeitsgruppe am Ende.

Vor Streiks hatten alle Angst. Das Land war hoch verschuldet, wenn auch nicht pleite,  und die meisten dachten, bei Streiks wachsen die Schulden und am Ende bezahlen «wir» die Zeche. Die SED gab doch nahezu jeder Forderung nach, wofür sollte man dann streiken? Kurz, man hatte Angst, die ökonomische Misere noch zu verschärfen. Die Forderung nach einem Generalstreik kam, denke ich, vom Neuen Forum in Karl-Marx-Stadt/Chemnitz, wurde aber von den «basisdemokratischen» Strukturen des NF zurückgewiesen. Im Westen wurde die Frage nach Streiks, meiner Erinnerung nach, immer wieder, vor allem in den Medien, aufgeworfen. Nahe dem S-Bahnhof Warschauer Straße kam mir oft ein West-Fotoreporter entgegen, der nach Streiks Ausschau hielt.

Tja, mir begegneten viele, die die DDR lieber heute als morgen dem Westen angeschlossen hätten, aber auch die waren nicht für Streik, weil das Geld kostete, was wir mal alles hätten bezahlen müssen.

Zur Person
Werner Jahn, geb. 1948, arbeitete im Oberrechenzentrum der Deutschen Post, Berlin. 1989 stieß er zur Vereinigten Linken. Heute arbeitet er bei Coloradio Dresden, ein freies Radio, dem wieder die Schließung droht.


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