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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Recht haben

An den Rand notiert
von Rolf Euler

In der Redaktion gab es eine Wette, ob Merz oder Kramp-Karrenbauer als CDU-Fraktionsvorsitzende gewählt würde. Es stand 2:5, ich hatte mit anderen auf Merz getippt. Die anderen haben «recht behalten», obwohl die Voraussagen nach dem Auftritt der Kandidaten auf der Wahlversammlung in NRW Merz klar den Vorrang gaben. Von Zeit bis Bild wurde Merz in Position geschoben, seitenlange Erläuterungen seiner Karriere und Haltungen, ein Lob für seine klaren Ansagen, Fotos auf den Titelblättern – es sah nach einem deutlichen Ergebnis aus, und Frau Kramp-Karrenbauer konnte einem fast «leid tun»…
Das Ergebnis stellt diese Prognosen nicht gerade auf den Kopf – knapp 20 Stimmen hätten im zweiten Wahlgang für das entgegengesetzte Ergebnis gereicht! Dann hätten wir – nur ungern – «recht behalten».
Es geht aber nicht um diese Wette, bei der ja allen klar war, dass das Ergebnis für die kommende Politik der CDU nicht das einzig entscheidende sein würde. Die Wahl des Generalsekretärs durch AKK zeigt, dass der rechte Flügel der CDU gestärkt werden soll. Und schließlich ist Blackrock weiter an der (Geld-)Macht, mit oder ohne Merz in der Position des CDU-Vorsitzenden.
Was «recht haben» zum Randthema macht, ist das Nachdenken darüber, was es heißt, recht haben zu wollen, in seinen Prognosen unbedingt richtig zu sein, in der Analyse richtig zu liegen, was ja jahrzehntelang ein Ziel der politischen Linken war. Wir stützen uns auf Marx, und Engels, und… und damit hätten wir eigentlich «immer recht» – wie es im Parteilied der SED verfälschend hieß. Wer sich nicht der Rechthaberei der damaligen Parteien unterwarf – wie z.B. der rumänische Schriftsteller Panait Istrati (Auf falscher Bahn) oder der italienische Kommunist Valdo Magnani, die als «Verräter» galten – mochte gehen, sich rauswerfen lassen oder Schlimmeres.
Douglas Hofstadter schreibt bei seinen Untersuchungen über intelligente Systeme (The Minds I), man solle vermeiden, dogmatisch engstirnige Suchstrategien anzuwenden («avoid dogmatically closed-minded search strategies»), also vorn vornherein Realitäten ausschließende Betrachtungen, ebenso wie dogmatisch alles offen haltende Strategien («dogmatically openminded search strategies»). Unsere Erfahrungen mit der Welt heute deuten dringend darauf hin, keine «bombenfesten» Regeln und Verhaltensweisen einzuplanen, kleine, lokale und nichtvorhersagbare Entscheidungen und Verhaltensweisen zu registrieren und daraus neue Entwicklungen vorsichtig zu schließen, mit dem Vorbehalt jederzeit Neues hineinzunehmen. Wer immer nur recht hatte, auf seinem Recht und seiner richtigen Einschätzung beharrend, der hätte nie die Chance, aus Fehlern zu lernen und mit anderen auf Augenhöhe abzuwägen, was nicht nur politisch wichtig, sondern auch möglich zur Änderung wäre.
Oder anders: Die kapitalistischen und staatlichen Formationen tendieren zu festen Strukturen und Regeln, Gesetzen. Der Hambacher Forst gehört RWE, Eigentum ist zu respektieren, also darf keiner die Bäume schützen. Die Energieversorgung muss gewährleistet sein, also brauchen «wir» noch lange Kohle (und früher Atom…).
Wir, die wir uns unabhängig von den Entscheidungen, Ansichten und Strukturen der kapitalistischen Welt machen wollen, sollten darum umso weniger dogmatischen oder festgelegten Programmen vertrauen und der Bewegung der abhängig Beschäftigten, der kommenden Veränderung alles zutrauen. Das war 1968 mal ähnlich.


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