Schließen

Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

Bert Brecht hielt nicht viel vom Recht auf geistiges Eigentum. Wir auch nicht. Wir stellen die SoZ kostenlos ins Netz, damit möglichst viele Menschen das darin enthaltene Wissen nutzen und weiterverbreiten. Das heißt jedoch nicht, dass dies nicht Arbeit sei, die honoriert werden muss, weil Menschen davon leben.

Hier können Sie jetzt Spenden


Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 05/2014 |

Streifzüge durch das rote 20.Jahrhundert

Christoph Jünke, Hamburg: Laika, 2013. 320 S., 21 Euro

von Dieter Braeg

Spaziergang, Bewegung, Ausflug, Bummel, Marsch, Weg, Exkursion, Tour, Trip, Spritztour, Spaziergang, Bewegung, Bummel, Marsch, Exkursion, Abstecher, Fahrt ins Blaue, Lustfahrt, Landpartie, Abstecher, Erholungsfahrt, Vergnügungsfahrt, Wanderung, Ausflug…Christoph Jünke, Vorsitzender der Leo-Kofler-Gesellschaft, der auch viele Jahre der SoZ verbunden war, hat mit insgesamt 19 Texten fünf Bereiche (Revolution und Konterrevolution, Neu Beginnen, Epochenbruch und Rück- und Ausblicke) der, wie er es im Buchtitel formuliert, roten Geschichte des vorigen Jahrhunderts wieder in Erinnerung gebracht. Jünke hat ein sprachlich und inhaltlich notwendiges Buch zum «traurigen Schicksal der sozialistischen Emanzipationsbewegungen des 20.Jahrhunderts» geschrieben.

Es wird sicherlich Kritiker geben, die in dem Buch, gehörten sie zu denen, die Korinthen nicht nur zählen, einiges vermissen werden. Jünke warnt schon im Vorwort: «Das Buch erhebt keinen Anspruch auf Systematik (und es wäre ein wohlfeiles Vergnügen, all die vielen thematischen, personalen und bewegungsmäßigen Lücken zu benennen, die es aufweist). Es sind Gelegenheitsarbeiten, die hier präsentiert werden – Gedenkartikel und Vorträge, Rezensionen und Polemiken, gelegentlich auch Nebenprodukte anderer, größerer Arbeiten. Ihr gemeinsamer Nenner ist das traurige Schicksal der sozialistischen Emanzipationsbewegungen des 20.Jahrhunderts.»

Das Inhaltsverzeichnis ist ein Wegweiser durch ein Jahrhundert von Revolution, großen Hoffnungen, schweren Niederlagen und Konterrevolution. Das Inhaltsverzeichnis gibt Auskunft über die Wegstrecke: «Implacabilis: Karl Liebknecht»; «Sisyphus: Richard Müller»; «Die Dilemmata des Linkssozialismus am Beispiel des Austromarxismus: Max Adler, Otto Bauer und Joseph Buttinger»; «Der Fall Victor Serge»; «Brot und Rosen: Jakob Moneta und die ‹neue Anthropologie›»; «Der vergessene Aufbruch: Die linke Neuformierung 1954/55 und ihr Scheitern 1957/58»; «Zur Verteidigung der Neuen Linken»; «Peter Brückners Versuch, uns und anderen die Neue Linke zu erklären»; «Die Tränen des Edward P. Thompson»; «Eine kleine Geschichte der Vereinigten Sozialistischen Partei (1986–2000)»; «Tagträume eines Ex-Dissidenten: Konrad Weiß’ Austreibung der sozialistischen Utopie»; «Vorantreiben, Helfen oder Stören: 40 Jahre Konkret»; «1998er Häutungen: Oskar Negt und Bernd Rabehl»; «Die Letzten werden die Ersten sein: Pierre Bourdieu»; «Stichwort Trotzkismus»; «Stichwort Linkssozialismus»; «Lob und Tadel des Sektierertums. Annäherungen an ein Gespenst» und «Auf dem Weg zu einem neuen Sozialismus?».

Die Texte entstanden zwischen 1995 und 2012. Es sind Texte, die noch immer aktuell sind. Dazu kamen Erstveröffentlichungen zu Victor Serge, E.P.Thompson und den «1998er Häutungen» von Oskar Negt und Bernd Rabehl.

Jünke erinnert sehr oft an Menschen und Strömungen, die in oft als «groß» verkündeten Zeiten Antwort suchten auf verschwiegene Niederlagen, Blockaden und die Sackgassen, in die sich die Organisationen des Proletariats gebracht hatten. Es ist dem Autor hoch anzurechnen, dass er keine «Schönschreibe» betreibt. Mag sein, dass da die Niederlagen beschrieben werden, aber Wege in eine andere Zukunft der politischen Arbeit gegen die jetzige nichtunsere Gesellschaft werden vom Autor nicht verbarrikadiert.

Ein Beispiel? Über die 30er Jahre schreibt Jünke: «Sowohl die Politik der internationalen Sozialdemokratie als auch die des internationalen Kommunismus waren letztlich nicht in der Lage, die welthistorische Krise der bürgerlichen Demokratie und den Aufstieg der faschistischen Barbarei für einen entscheidenden Durchbruch zum Sozialismus zu nutzen.» Und seine Antwort ist nicht resignierend, wenn er meint: «Der Sozialismus wird demokratisch sein oder er wird gar nicht sein.»

Sicher ist dies kein kompletter «roter» Faden durch das rote 20.Jahrhundert. Jünke sollte für eine weitere Auflage, und die ist diesem Buch sehr zu wünschen, weitere Besuchsorte suchen und finden. Seien es nun die Geschichte des Sozialistischen Büros oder Streifzüge durch die Geschichte der anarchistischen Bewegung – es würde sich für Jünke und die Leser lohnen, noch mehr erinnert zu werden, um vielleicht einem roten 21.Jahrhundert, das wir uns wünschen, gangbare Wege zu ermöglichen.


Drucken | Artikellink per Mail | PDF Version

Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen

Spenden

Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF


Schnupperausgabe

Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.