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Marx und Minsky

Zur Erklärung von Finanzkrisen und kapitalistischer Entwicklung

von Ingo Schmidt

Mit der Zahl der Börsenzusammenbrüche hat das Interesse an Finanzmärkten und ihrer Beziehung zur gesamtwirtschaftlichen Entwicklung zugenommen. Das Augenmerk linker Theoretiker war lange Zeit vornehmlich auf die Verteilungskonflikte zwischen Lohn und Profit, Arbeitszeit und -intensität sowie technologische Entwicklungen gerichtet. Hieraus wurden Rückschlüsse auf die Entwicklung von Massenkaufkraft, Profitrate und Investitionen gezogen. Das theoretische Rüstzeug stammte zu erheblichen Teilen von Karl Marx. Seit sich das Interesse auf Banken und Börsen verschoben hat, wird auch gern auf Hyman Minsky (1919–1996) zurückgegriffen.

Dieser hatte bereits während der Nachkriegsprosperität davor gewarnt, dass die Finanzierung kapitalistischer Investitionen über Kredite, Aktien oder festverzinsliche Anleihen zur Abkopplung der Finanzmärkte von gesamtwirtschaftlicher Nachfrage, Investitionen und Beschäftigung führen könne. Dieses Eigenleben könne aber, wenn nicht politisch gegengesteuert wird, über Banken- und Börsenkrisen zu Depression und anhaltender Massenarbeitslosigkeit führen. Die Entwicklung der Weltwirtschaft seit 2008/09 entspricht ziemlich genau Minskys düsteren Prognosen. Ausgehend von einer geplatzten Immobilienblase in den USA kam es zu einem globalen Börsenkrach und einer Rezession, deren Abgleiten in die Depression nur durch geld- und fiskalpolitische Interventionen verhindert werden konnte.

Minsky erklärt vieles…

Minskys Überlegungen zur Entwicklung von Finanzmärkten und allgemeiner Wirtschaftsentwicklung gehen von der Feststellung aus, dass die meisten Unternehmen ihre Investitionen zumindest teilweise über Kredite, Aktien oder Anleihen finanzieren müssen. Unternehmen, die über reichlich einbehaltene Gewinne verfügen und Investitionen daher aus Eigenmitteln finanzieren können, müssen sich dagegen fragen, ob solche Investitionen mehr einbringen als eine Anlage dieser Mittel bei Banken oder Finanzmärkten. Im ersten Fall vergleichen Unternehmen die erwarteten Erträge einer Investition mit den anfallenden Finanzierungskosten, im zweiten Fall werden diese Erträge mit jenen verglichen, die eine alternative Anlage am Finanzmarkt einzubringen verspricht.

In beiden Fällen stehen Unternehmen aber vor dem Problem der Unsicherheit. Aufgrund früherer Geschäfte können sie über künftige Erträge und Kosten nur Vermutungen anstellen. Sie wissen nichts genaues, müssen aber trotzdem Entscheidungen treffen. Minsky geht davon aus, dass die meisten Unternehmen aus der Not eine Tugend machen und die gegenwärtige Geschäftslage in die Zukunft fortschreiben. Stehen die Aktien gut und stimmen die Umsätze, macht sich Sorglosigkeit breit. Es werden Kredite aufgenommen, die in Krisenzeiten als viel zu riskant angesehen würden. Laufen die Geschäfte weiterhin gut und steigen die Börsenkurse, werden Kredite nicht nur zur Finanzierung von Investitionen in Produktionsanlagen, Rohstoffe und Arbeitskräften aufgenommen, sondern zum Kauf von Wertpapieren.

Sobald Unternehmensentscheidungen mehr von Börsennotierungen als von der Entwicklung von Umsatz und Produktionskosten bestimmt werden, koppeln sich die Wertpapierpreise von der Wertschöpfung, den «Fundamentaldaten» im Börsenjargon, ab. Sie stellen dann keine Richtschnur für zukünftige Absatz- und Ertragsentwicklungen und hieran ausgerichteten Investitionsentscheidungen mehr dar. Sie drücken nur noch die Hoffnung in weiter steigende Börsenkurse aus, ohne die zur Finanzierung von Wertpapierkäufen aufgenommene Kredite nicht mehr getilgt werden können. Irgendwann schlägt die Hoffnung in Angst und Verzweiflung um. Kreditgeber fürchten um ausstehende Verbindlichkeiten und verlangen höhere Zinsen für neue Kredite. Damit steigen die Finanzierungskosten für Investoren, die ihre ausstehenden Verbindlichkeiten nur durch Aufnahme neuer Kredite erfüllen können. Einige von ihnen werden unsicher und steigen aus, bevor das Spiel vorbei ist. Der Börsenaufschwung kommt zum Stillstand. Die waghalsigsten Investoren sind nun mit dem doppelten Problem steigender Kreditkosten und sinkender Börsenerlöse konfrontiert. Wenn es ganz dicke kommt, erzwingt der Schuldendienst den Verkauf von Vermögenswerten bei fallenden Preisen.

Dabei entweicht nicht nur die Luft aus den Finanzblasen, sondern es verschlechtern sich auch die Finanzierungsbedingungen für Unternehmen, deren Ertrags- und Kostenlage solide ist. Im schlimmsten Fall können sie nicht mal mehr Handelskredite verlängern, über die laufende Geschäfte mit Zulieferern und Abnehmern normalerweise abgewickelt werden. Die über den Finanzmarkt gesteuerte Privatwirtschaft bricht zusammen und kann nur durch politische Eingriffe von Zentralbanken und Regierungen vor einer Depression bewahrt werden.

…aber nicht alles

So nahe Minsky der kapitalistischen Wahrheit auch kommt, bleiben doch einige Fragen offen. Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass Minsky seine Theorie in den 1970er und 1980er Jahren entwickelte als institutionelle Anleger, die in großem Stil die Ersparnisse privater Haushalte an der Börse verticken, noch eine untergeordnete Rolle spielten. In jener Zeit nahmen sich auch Börsenumsätze, Verschuldungsquoten und das Angebot an «Börsenprodukten» noch recht bescheiden aus. Die empirischen Veränderungen des Finanzsektor, die seit jener Zeit eingetreten sind, lassen sich zweifellos in Minskys theoretisches Gerüst einbauen. Seiner Kernargumente dürften dadurch noch an Überzeugungskraft gewinnen.

Anders verhält es sich mit der Frage, ob das empirisch zu beobachtende Auseinanderdriften von realer Wertschöpfung und Börsenkursen eine Erklärung kapitalistischer Entwicklung rechtfertigt, die ausschließlich von den Finanzmärkten ausgeht. Minsky befasst sich zwar mit den Auswirkungen von Spekulationsblasen auf Wertschöpfung und Beschäftigung. Er stellt aber nicht die Frage, ob die Schwierigkeiten, die Kapitalisten mit der Produktion und Realisierung von Mehrwert haben, in umgekehrter Richtung auf das Banken- und Börsengeschäfte einwirken.

Man muss diese Frage ja keinesfalls apologetisch im Sinne der neoklasssischen Theorie beantworten. Aus deren Sicht stellen Börsenkurse ein Abbild der künftigen Wirtschaftsentwicklung dar. Gegen diese empirisch unhaltbare Vorstellung hat Minsky zu Recht opponiert und eine weit überzeugendere Theorie der Finanzmarktentwicklung entworfen. Gegen diese kann man allerdings einwenden, dass Unternehmen und Finanzinvestoren sich nicht zunehmend riskanten Börsengeschäften hingeben würden, wenn sich durch Produktion und Verkauf von Gütern und Dienstleistungen ebenso gutes und dazu noch sichereres Geld machen ließe.

Bei Produktion und Vertrieb von Gütern und Dienstleistungen stehen Unternehmen jedoch vor dem Problem, zwischen dem Teufel der Unterkonsumtion und dem Beelzebub der Profitklemme lavieren zu müssen. Treiben sie die Profite durch Lohnsenkungen in die Höhe, fehlt es an Nachfrage. Erlauben sie zwecks Absatzsteigerung steigender Löhne, sinken die Profite. Versuchen sie diesem Dilemma durch die Einführung produktiverer Fertigungsmethoden zu entgehen, geht ihnen mit den entlassenen Arbeitskräften auch der Mehrwert verloren, den diese bei fortgesetzter Beschäftigung produziert hätten. Ob dieser Verlust durch neue Technologien und damit verbundene Produktivitätssteigerungen aufgewogen werden kann, ist ungewiss. Durch Expansion in nichtkapitalistische soziale Milieus können Unternehmen dem Korsett von Kostendruck und Nachfragemangel vorübergehend entkommen. Unbegrenzter Absatz ist durch solche Markerweiterungen aber auch nicht garantiert.

Kredite sind ein probates Mittel, um wirtschaftliche Aktivitäten, die bislang außerhalb des kapitalistischen Warentauschs verrichtet wurden, unter die Regie der Gesetze von Angebot und Nachfrage und den dahinter verborgenen Zwängen der Kapitalakkumulation zu bringen. Kredit ist eine Einsteigerdroge für Neulinge im kapitalistischen Geschäft. Er trägt nicht nur zu den von Minsky beschriebenen Spekulationsblasen bei, sondern treibt auch die Klassenspaltung in besitzende und eigentumslose Klassen voran. Minsky schärft den Blick für die Vorgänge im Finanzsystem und kann eine marxistische Analyse kapitalistischer Entwicklung daher bereichern. Er kann diese aber nicht ersetzen, weil Börsen und Banken lediglich Teile der kapitalistischen Maschine darstellen und weil die Probleme mit anderen Teilen der Maschine auf das Finanzsystem einwirken.


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