Die sudanesische Revolution bekannter machen
von Lothar Müller
Seit Ende 2023 gibt es im NaturFreund:innenHaus in Köln-Kalk eine kleine Gruppe von Aktivist:innen afrikanischer und europäischer Herkunft, die im Rheinland die Anliegen der sudanesischen Revolution bekannter machen möchte und die Unterstützung der sudanesischen Konterrevolution durch deutsche und europäische Politik und Kapital bekämpft.
Dabei richten wir unser Augenmerk auch auf die ausgelagerten EU-Grenzen in afrikanischen Ländern und unterstützen Geflüchtete hier in ihren alltäglichen Kämpfen und Auseinandersetzungen.
Ausgangspunkt war eine Veranstaltung mit der sudanesischen Aktivistin Sara Abbas im NaturFreund:innenHaus Kalk Anfang November. Sara erzählte von den Stärken der sudanesischen Revolutionsbewegung, deren Funke sich Ende 2018 an Preissteigerungen entzündete. Immer mehr Sudanes:innen begehrten auf, schlossen sich den Protesten an und stürzten im April 2019 den langjährigen Diktator.
Eine neue Militärregierung konnte sich etablieren. Der gelang es weder durch Massaker noch durch Einbindung bürgerlicher Teile der zivilen Opposition oder einen weiteren Militärputsch, die Bewegung einzuhegen.
Deren Stärke beruht auf zwei Besonderheiten, führte sie aus: Ähnlich wie bei der Jin-Jiyan-Azadi-Bewegung im Iran wurde sie maßgeblich von Frauen getragen.
Hinzu kamen revolutionäre Nachbarschaftskomitees, die Linke und andere im ganzen Land nach den Aufständen 2013 gründeten. Ende 2018 gab es etwa 5200 solcher Komitees im ganzen Land mit geschätzten 600000 Aktiven.
Das sind keine widerspruchslosen Prozesse – und Saras Schilderungen waren deswegen so anschaulich, weil sie die darin liegenden Widersprüche nicht wegließ. Mit diesen Aspekten – Feminismus, Basisorganisierung und den Widersprüchlichkeiten von Bewegungen – sollten sich revolutionäre Bewegungen in aller Welt auseinandersetzen.
Seit April 2023 bekämpfen sich im Sudan zwei militärische Formationen, die offizielle Armee SAF (Sudanese Armed Forces) sowie der »Grenzschutz« RSF (Rapid Support Forces) in einem mörderischen Krieg. Der wahre Feind beider Gruppierungen ist aber die Zivilbevölkerung und die revolutionäre Bewegung. Bis Anfang März 2024 wurden mindestens 14600 Menschen getötet und 11 Millionen Menschen vertrieben. 25 Millionen hungern.
Dieser Krieg ist nur möglich, weil 2013 die Janjaweed-Milizen (»Rote Teufel auf Pferden«), die maßgeblich am Genozid im Dafur vor rund zwanzig Jahren beteiligt waren, von der Europäischen Union aufgewertet und ausgerüstet wurden.
Aus der Völkermordmiliz wurde eine mit deutschen Waffen aufgerüstete staatliche Grenzschutztruppe mit weitverzweigten Geschäftsinteressen: Im Jemen und in Libyen kämpfen Söldner im Auftrag der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), die wiederum das Gold »waschen«, das die RSF unter unmenschlichen und ökologisch katastrophalen Bedingungen in den Minen des Landes fördern lässt.
Waffen kommen meist über die Golfstaaten, technische Ausrüstung und Ausbildung direkt aus der EU. Verantwortlich für den Deal war die damalige EU-Ratspräsidentin Merkel, für die Durchführung vor allem die in Bonn ansässige Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ).
Im Visier: die Verantwortung der Bundesregierung
Die Sudan-AG will Öffentlichkeit schaffen für die Situation im Sudan, über die revolutionären Kämpfe dort, aber auch über die imperialistischen Verbrechen. Dazu planen wir Veranstaltungen an unterschiedlichen Orten.
Wir unterstützen eine Spendenkampagne der anarchokommunistischen Föderation »Die Plattform«. Sie ermöglicht es anarchistischen Aktivist:innen in Zeiten des Krieges, das Land zu verlassen und sich in Sicherheit zu bringen. Gerade Aktivist:innen werden immer wieder Ziel der mörderischen Angriffe von SAF und RSF.
Durch Aktionen wollen wir perspektivisch Politik und Kapital davon abzuhalten, Kriege zu unterstützen und Deals mit Diktaturen und Kriegsparteien zur Grenzkontrolle zu machen.
Da es uns in der aktuellen Situation wenig sinnvoll erscheint, isolierte Aktionen zum Sudan zu organisieren, streben wir die Schaffung eines breiten Bündnisses gegen die verlogene deutsche Kriegspolitik und gegen die rassistische Migrations- und Geflüchtetenpolitik (»No War – No Border!«) an. Denn wir fühlen uns gelähmt angesichts der Vielzahl an Krisen, Kriegen, Katastrophen in der Welt.
Fast schlimmer noch als die Kriege selber erleben wir die Unfähigkeit eines großen Teils der Linken, sich dazu anders zu verhalten als durch hochideologisierte Debatten, die niemandem nutzen.
Unser Ziel ist in erster Linie der Schutz und das Leben der Menschen und in zweiter Linie die Frage nach der Überwindung von Ausbeutungs- und Gewaltverhältnissen. Unser »Hauptfeind« steht in dem Land, in dem wir wohnen, mit seiner sexistischen, rassistischen, kapitalistischen und antisemitischen Kriegspolitik der BRD-Eliten.
Doch seien wir ehrlich: Niemand von uns hat eine Antwort darauf, wie wir diese Ziele gerade erreichen können. Die ideologische Vehemenz und Rigidität, mit der die Debatten geführt werden, geht einher mit einer weitgehend wirkungslosen Praxis der Linken.
Mit diesem Wissen im Hinterkopf machen wir uns auf die Suche nach Anknüpfungspunkten und den nächsten Schritten und laden alle, die sich darin wiederfinden, ein mitzukommen: Gemeinsam gegen alle Kriege und Grenzen!
Kontakt: nfh-kalk@naturfreundehaus-koeln.de
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