Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Wasser 1. Juli 2025

Die Europäische Union will Wassergroßverbraucher zur Kasse bitten
von Matthias Becker

Die Pharmaindustrie benutzt und verschmutzt riesige Wassermengen – höchste Zeit, sie in die finanzielle Verantwortung zu nehmen.

Metformin ist eines der häufigsten Medikamente überhaupt. Fast drei Millionen Diabetiker in Deutschland nehmen es täglich, um ihren Blutzucker unter Kontrolle zu halten. Glücklicherweise kostet eine Tablette nur etwa zehn Cent. Aber damit könnte es bald zu Ende sein. Die Hersteller Zentiva und Sandoz drohten im Mai, das Arzneimittel nicht länger anzubieten.

Bereits zwei Monate zuvor hatte Dorothee Brakmann, die Geschäftsführerin des Branchenverbands Pharma Deutschland, gewarnt, die »Versorgung mit Human-Arzneimitteln in Deutschland und Europa” sei in Gefahr. Und auch Thomas Preis, der Präsident der Apothekendachvereinigung ABDA, glaubt, dass europäische Unternehmen kostengünstige, aber überlebenswichtige Medikamente wie Metformin in Zukunft nicht mehr herstellen werden. »Die Patienten sind zu recht verunsichert.«

Keine Verantwortung
Wer ist schuld? Europa ist schuld. Das jedenfalls behaupten die Branchenvertreter und Lobbyisten. Eine neue Abwasserrichtlinie, die Anfang des Jahres in Kraft getreten ist, verpflichtet Arzneimittel- und Kosmetikahersteller, sich finanziell an der Reinigung und Aufbereitung des von ihnen verbrauchten Wassers zu beteiligen. Kläranlagen können die winzigen Rückstände von medizinischen Wirkstoffen, Farbpigmenten und Kunststoffen nur mit großem Aufwand und hohen Kosten herausfiltern, mit Aktivkohlefiltern, Ozonbehandlung und anderen Techniken. Deswegen sieht die Kommunale Abwasserrichtlinie (KARL) vor, dass die Industrie 80 Prozent der Kosten für die Ertüchtigung der Kläranlagen und ihren Betrieb übernehmen soll.
Allerdings sind lange Übergangsfristen vorgesehen, zahlen müssen die Unternehmen frühestens ab 2029 – wenn es überhaupt so weit kommt. Die Pharmaindustrie wehrt sich gegen KARL und die sog, erweiterte Herstellerhaftung. Nun haben die Unternehmen Dermapharm, Fresenius-Kabi, Hameln Pharma, Puren, Teva, Sandoz/Hexal und Zentiva Klage gegen die Richtlinie beim Europäischen Gerichtshof eingereicht. Auch der Pharmaverband Medicines for Europe gehört zu den Klägern. Thomas Preis, der oben erwähnte Verbandschef der Apotheker, hat dafür Verständnis: Die Industrie könne sonst »nicht mehr kostendeckend produzieren«.
Immerhin haben die Lobbyisten bisher darauf verzichtet, ein Spendenkonto für notleidende Pharmamanager einzurichten. Obwohl die Branche klagt und staatliche Unterstützung verlangt, weist sie seit Jahrzehnten überdurchschnittliche Umsatzrenditen auf. Besonders erfolgreiche Firmen erzielen 20 oder gar 30 Prozent, das heißt: Für drei ausgegebene Euro kommen nach Ablauf des Jahres vier Euro zurück. Pharmaaktien sind in jedem Portfolio und jedem Indexfonds zu finden und machen (überwiegend) reiche Leute noch reicher.
Begleitet wird die juristische Auseinandersetzung von lancierten Medienberichten, in denen Metformin die Hauptrolle spielt; sie sollen Millionen Diabetiker:innen mobilisieren, um eine Kostenbeteiligung der Industrie noch zu verhindern. So behauptet der Verband Pro Generika, die Produktionskosten würden durch KARL »um 445 Prozent« steigen. »Patient:innen müssten auf deutlich teurere Alternativen umsteigen mit gravierenden Folgen für Therapietreue und Krankheitsverläufe.«

Arzneimittelrückstände – ein ökologisches Problem
»Aktive medizinische Wirkstoffe« (API – Active medical ingredients) werden von Kläranlagen bisher nicht abgefangen und verbreiten sich in Böden und Gewässern. Dabei geht es um erhebliche Mengen. Laut Umweltbundesamt wandern von Basel aus jedes Jahr 13 Tonnen Metformin über den Rhein in Richtung Nordsee. Selbst im Meerwasser an der Küste von Nord- und Ostsee lassen sich Reste von Antidiabetika, Antidepressiva, Cholesterinsenkern, Schmerz- und Verhütungsmitteln nachweisen.
Die Konzentration ist in den meisten Fällen zu klein, um den Stoffwechsel von Menschen zu beeinflussen. Für Tiere, Pflanzen und Ökosysteme dagegen sind sie ein massives Problem. Sie führen zu Resistenzen, verändern das Verhalten und hemmen die Fortpflanzung. Eine umweltwissenschaftliche Studie von 2022 untersuchte 258 Flüsse auf allen Kontinenten. Mit einer Ausnahme im venezolanischen Regenwald und einer anderen auf Island fanden die Wissenschaftler:innen in allen Flüssen API. Bei gut jeder vierten Entnahme war die Konzentration wenigstens eines Wirkstoffs ökologisch bedenklich.
92 Prozent der Mikroschadstoffe, die durch die europäischen kommunalen Klärwerken fließen, stammen aus der Kosmetik- und Pharmaindustrie, schätzt die EU-Kommission. In einer Presseerklärung wendet Pharma Deutschland dagegen ein: »Die Lenkungsfunktion des Verursacherprinzips kann bei Human-Arzneimitteln nicht erreicht werden, weil der gewünschte Effekt von Arzneimitteln fest mit den jeweiligen Wirkstoffen verbunden ist.« Übersetzt bedeutet das: »Die Industrie kann nichts dafür, dass API in die Umwelt kommen, denn ihre Wirkung ist schließlich beabsichtigt.« Subtil, aber falsch, und zwar aus mehreren Gründen:
Erstens, weil die Industrie auch direkt zur Phama-Verschmutzung beiträgt, nicht nur über den Umweg durch den Körper der Patient:innen. Zweitens, weil die Gewinne der Pharmaindustrie massiv sinken würden, wenn nur Arzneimittel eingenommen würden, wenn dies medizinisch sinnvoll ist. Und drittens, weil der »gewünschte Effekt« sich auch mit Wirkstoffen erreichen lässt, die weniger umweltbelastend sind.

Alternative ›benign by design‹
Der Reihe nach: API gelangen auch mit dem Abwasser der Pharma- und Kosmetikhersteller in die Umwelt. In Europa müssen sie zwar bestimmte Grenzwerte beachten, aber die bieten Spielraum – z.B. durch die zeitliche Steuerung der Einleitungen – und Kontrollen sind selten. Weltweit fließt laut der oben erwähnten Studie fast die Hälfte des Abwassers ungeklärt aus Fabriken in Kanalisationen oder Flüsse.
Wenn aber Patient:innen pharmazeutische Wirkstoffe einnehmen, nimmt ihr Körper ihn in der Regel nur teilweise auf. Ein extremes Beispiel ist Diclofenac. Wird der API in einer Salbe wie Voltaren auf der Haut verteilt, gelangen nur ungefähr 6 Prozent ins Gewebe, der Rest wird abgewaschen. Diese Form der Schmerzbehandlung ist aber nicht nur ressourcenineffizient, sondern fast immer überflüssig. In medizinischen Studien schneiden Salben mit Placebo genauso gut ab wie Salben mit Wirkstoff. Das ist keine Ausnahme: Seriöse Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu 30 Prozent aller medizinischen Behandlungen nutzlos und bis zu 10 Prozent sogar schädlich sind. Zu den Fehl- und Übertherapien tragen die Hersteller bei, indem sie mit Werbung und Lobbyarbeit fragwürdige Medikamente in den Markt drücken. Um die Pharmaverschmutzung einzudämmen, gäbe es daher ein einfaches Mittel: unnötige Medikationen vermeiden.
Für Metformin gilt das allerdings nicht, und eben deshalb führen die Lobbyisten dieses Beispiel ins Feld. Aber auch unverzichtbare Arzneimittel müssen die Umwelt nicht (so stark) verschmutzen. »Es besteht dringender Handlungsbedarf, um ökologisch nachhaltige Medikamente zu entwickeln, die einerseits ihre Wirksamkeit behalten, aber die Auswirkungen auf die Umwelt minimieren«, forderte ein internationales Team von Ökologen und Pharmazeuten 2024 in der Fachzeitschrift Nature. Solche Medikamente enthalten beispielsweise geringere API-Konzentrationen und können deshalb genauer dosiert werden. Vor allem aber zerfallen die chemischen Verbindungen schneller und vollständiger und ihre Abbauprodukte sind weniger schädlicher. Benign by design beziehungsweise Design for degradation lauten die Schlagworte für diesen pharmazeutischen Ansatz.
Der Chemiker Klaus Kümmerer fordert schon lange eine »grüne Pharmazie«: »Wir müssen den gesamten Lebenszyklus von Arzneimitteln betrachten, von der Entwicklung über die Produktion und die Anwendung bis zur Entsorgung«, sagt er. Kümmerer entwickelte schon vor zwei Jahrzehnten nachhaltige Alternativen für ein verbreitetes Antibiotikum und einen Betablocker. »Das Ende von Anfang an im Blick haben«, so charakterisiert er die Herangehensweise. Letztes Jahr wurde Kümmerer übrigens das Bundesverdienstkreuz verliehen.
Für die Industrie gab es bisher keinen Grund, besser abbaubare Medikamente herzustellen. Die KARL-Richtlinie könnte das ändern. Auch die Kommunen begrüßen die erweiterte Herstellerhaftung, sie würde ihnen etwas finanziellen Spielraum verschaffen. Noch bekommen die großen Verbraucher und Verschmutzer das kostbare Gut Wasser geradezu geschenkt.

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