Die Bauernrepublik
von Angela Klein
Die politisch fortgeschrittenste Bewegung spielte sich wohl in Tirol ab. Hier entzündete sich Anfang Mai 1525 ein erster Funke im Bistum Brixen.
Am Eingang zum Pustertal, lag die Bischofsstadt an der wichtigsten Handelsstraße nach Italien und war reich durch verschiedene Zolleinnahmen und durch Silberbergwerke.
Die Unruhen hatten in Tirol auch eine nationale Komponente: Nach dem Tod Kaiser Maximilians (1519) erhielt Erzherzog Ferdinand, Bruder von Kaiser Karl V., die Herrschaft über die habsburgischen Erblande. Als gebürtiger Spanier waren ihm die Sorgen der Bevölkerung völlig fremd; zugleich versuchte er, eine den spanischen Verhältnissen ähnliche absolutistische Ordnung in Österreich durchzusetzen – gegen die Bauern, aber auch gegen die Stände.
Unmittelbarer Anlass für den Aufstand war der Streit eines Bauern mit dem Bischof von Brixen, einem der reichsten der Zeit, um einen Fischfang – der Bauer sollte deswegen hingerichtet werden. Auf dem Weg zur Richtstätte wurde er von Bauern befreit. Die kamen am nächsten Tag, am 10.Mai, in Wehr und Harnisch in der Stadt zusammen und plünderten die Häuser von Geistlichen und Adligen. In Windeseile breitete sich der Aufstand über ganz Nord-, Süd- und Welschtirol aus. Am 14.Mai wurde in der Stadt Hall das Fuggerhaus geplündert – die Schwazer Bergknappen waren schon im Januar/Februar aufgestanden –; weiter südlich versuchten Bauern, Trient einzunehmen.
Kaufleute, Juden und Geistliche waren die hauptsächlichen Objekte des Hasses, Bischöfe und kaiserliche Räte mussten fliehen.
Die Aufständischen beriefen ein eigenes Parlament ein und legten ihre Forderungen in 64 Artikeln nieder. Diese waren weniger von den Memminger Artikeln als von dem gesellschaftspolitischen Entwurf ihres Anführers, Michael Gaismair, beeinflusst.
Nach dem Vorbild der Schweiz wollte Gaismair, einst Schreiber des Bischofs von Brixen, den Staat im Land Tirol neu aufbauen. Der Maßstab der irdischen Ordnung sollte jedoch der gemeine Nutzen, nicht die Heilige Schrift sein. Es sollte eine einheitliche Rechtsstellung für alle Bauern geben. An die Stelle der verschiedenen Leiherechte sollte ein einheitliches Erbzinsrecht treten, das dem vollen Besitz fast gleichgestellt war. Das Ziel war die Schaffung eines freien Bauernstands auf freiem Eigen.
Jede Gemeinde sollte Richter und andere Beamte selber wählen können. Vom Kaiser eingesetzte Amtleute sollten nur noch die fürstliche Einnahmen verwalten, nicht mehr Richtergewalt ausüben. Adlige und Geistliche sollten Gemeindelasten tragen wie die anderen Einwohner auch und vor denselben Gerichten zur Rechenschaft gezogen werden.
Wucher und Fürkauf (= spekulativer Kauf) sollten verboten, die großen Kaufmannsgesellschaften und Zünfte geschlossen, selbst das Hausieren untersagt werden.
Darin äußerte sich eine betonte Feindseligkeit gegen das zu großem Reichtum aufgestiegene Kaufmanns- und städtische Kapital, das auf Tirol, ähnlich wie auf Sachsen, seines Reichtums an Kupfer und Silber wegen besonders schwer lastete.
Gaismair selbst ging in seinen Ansichten noch weiter: Während die Tiroler Bauern trotz allem den Erzherzog Ferdinand zum Landesherrn machen wollten, hatte Gaismair eine Republik nach Schweizer Vorbild im Sinn. Sie sollte ganz auf dem Christentum fußen, die Armenfürsorge stand an oberster Stelle. Klöster sollten zu Spitälern umgebaut, Schlösser und Städte wieder zu Dörfern werden, die Handwerker an einem Ort, nämlich in Trient zusammengezogen werden.
Auf diese Weise sollte Gleichheit hergestellt werden. Binnenzölle würden abgeschafft, der Außenhandel staatlich kontrolliert, die Bergwerke verstaatlicht, die Wirtschaft möglichst autark sein (beim landschaftlichen Reichtum Südtirols hätte man da nicht gedarbt). Die Verwaltung sollte in der Hand von Richtern liegen, die von den Gemeinden zu wählen waren.
Gaismairs Vorstellungen kamen sozialistischen Ideen ziemlich nahe, gleichwohl auf einer Grundlage, die gegen Städtebildung, gegen Kaufmanns- und Handwerkskapital und somit eigentlich rückwärts gewandt war. Für die Bauern waren diese Vorstellungen jedoch zu extrem.
Doch selbst ihre gemäßigte Version, die sie in 64 Artikeln niederschrieben, konnten sie nicht durchsetzen. Am Landtag vom 12.Juni 1525, den Ferdinand einberufen hatte, nahmen 200 Bauernabgeordnete teil. Sie erreichten erhebliche wirtschaftliche Zugeständnisse: deutliche Herabsetzung der bäuerlichen Leistungen und Abgaben, Abschaffung von Kleinzehnt, Besthaupt und Todfall, freier Fischfang und frei Jagd auf Niederwild. All das hätte ihre wirtschaftliche Lage deutlich verbessert, wären die Bestimmungen nicht sieben Jahre später wieder aufgehoben worden.
Das Bistum Brixen und der Deutsche Orden übernahm Ferdinand in weltliche Verwaltung. Die politischen Forderungen der Bauern aber schmetterte er samt und sonders ab.
Angesichts dieser Lage stimmten die Städte, die zuvor die Bauern unterstützt hatten, für die Annahme der Bedingungen – die Bauern aber sahen sich nicht mehr stark genug, ihre weitergehenden Forderungen alleine durchzufechten.
Dazu stand nun auch die Großwetterlage gegen sie: Die Frankenhausener waren bereits besiegt, die Allgäuer Erhebung wurde gerade von den Truppen des Schwäbischen Bunds niedergeschlagen.
Als sich im Frühsommer 1526 die Bauern aus dem Salzburgischen ein weiteres Mal erhoben, bestellten sie wiederum Gaismair als ihren militärischen Führer – doch inzwischen hatte der Erzbischof von Salzburg den Schwäbischen Bund zu Hilfe gerufen. Erst am 2.Juli gelang diesem der entscheidende Sieg.
Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen
Spenden
Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF
Schnupperausgabe
Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.
Kommentare als RSS Feed abonnieren