Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Aufmacher 2 1. März 2026

Mehrere Initiativen bereiten für den 9.März Aktionen vor
Gespräch mit Jen Follmann

Frau könnte meinen, dass wir vor dem ersten Instagram-Aufstand aus Deutschland stehen. In anderen Ländern sind ebenfalls Aufstände über die sog. sozialen Medien entstanden und groß geworden, aber auch wieder abgetaucht. In Deutschland melden sich die Frauen zu Wort mit den hier beispielhaft genannten Instagram-Accounts »Töchter Kollektiv«, »Enough«, »Ohne uns steht alles still« »HunderttausendMütter«.

Jeden Tag werden dort Aktionen zum 9.März beworben. Der 9.März ist eine Erweiterung des 8.März, der in diesem Jahr ein Sonntag und in einigen Bundesländern ein Feiertag ist. Auf den Internetseiten der Initiativen steht mehr zum Inhalt. Unter Frauenstreik wird nicht in erster Linie ein Streik in den Betrieben verstanden, sondern ein Bündel von Aktionen, die je nach Ort sehr vielfältig organisiert sind. Gewerkschaften wie Ver.di unterstützen die Initiativen.
Ayse Tekin sprach mit Jen Follmann, der Initiatorin des ­»Töchter Kollektivs«.

Wie ist die Initiative entstanden?

Wir waren zuerst die Initiative »Töchter gegen Merz«. Davor war ich mit SafeSpace Chemnitz als Menschenrechtsaktivistin tätig. Da wurde immer deutlicher, wie Merz & Co. am rechten Rand fischen. Wie Frauenrechte immer krasser beschnitten werden. Wir können dabei zuschauen, wie wir rückwärtslaufen. Und Frauen werden bei der immer schärfer werdenden Rhetorik von Politikern zunehmend unsichtbar gemacht.
Ich hatte schon lange über einen Streik nachgedacht: Wie wäre es, wenn man den Generalstreik in Island, der ja genau 50 Jahre her ist, aufgreift? Streik ist ein Mittel der Gewerkschaften. Dann müssten die Frauen mit den Gewerkschaften zusammenarbeiten, um einen rechtlich akzeptierten Weg einzuschlagen.
Im Oktober kam diese Stadtbildaussage von Merz. Mein erster Gedanke war, dass die Frauenrechte, die so beschnitten sind, und die Frauen, die so zurückgedrängt werden, jetzt auch noch instrumentalisiert werden, um Rassismus salonfähiger zu machen. Er mündete in dem Account »Töchter gegen Merz«.
Ich nutzte das Momentum und das ging viral. Viele Frauen haben ihre Meinung dort veröffentlicht. Nach ein paar Tagen hatten wir 20.000 Follower, dann 25.000, 30.000 – plötzlich waren die Frauen da. Sie kamen nicht nur aus der linken Blase oder aus unserer Blase, es haben sich Frauen aus allen möglichen sozialen Gefügen zusammengefunden und gesagt: Moment mal! Da habe ich gesagt: »Es reicht. Wir machen hier jetzt den Aufstand« – irgendjemand muss es ja irgendwann mal sagen. »Jetzt ist dieser Moment da, jetzt können wir dieses Momentum nutzen.« Das hat funktioniert, es sind ganz viele Frauen gekommen. 

Ihr hatten sozusagen euren Instagram-Aufstand?

Mittlerweile haben wir eine Internetseite, die von einem Team betreut wird, und mehrere Ortsgruppen. Sukzessive sind andere dazugekommen.

Ihr habt auch den Namen gewechselt, von »Töchter gegen Merz« zum »Töchter-Kollektiv«.

Das haben wir aus vielerlei Gründen gemacht. Vor allem wollten wir mit Gewerkschaften zusammenarbeiten, etwa mit Ver.di, deren Mitglieder zur Hälfte Frauen sind.
Wir sind von dem Namen auch deshalb weggegangen, weil bei jemandem wie Merz die Personalisierung nicht funktioniert. Dann wirst du auf der politischen Ebene anders wahrgenommen. Wir wollen aber überparteilich sein und alle Frauen ansprechen, auch wenn es Frauen sind, die jetzt vielleicht aufgrund dessen, dass sie in irgendwelchen prekären Beziehungen mit Männern stecken, die AfD wählen, meinen, diese auch wählen zu müssen.
Ganz viele Frauen sind zu uns in die Ortsgruppen gekommen, die unser Positionspapier gelesen und gesagt haben: Ach, da ist ja auch für mich was dabei. Und angefangen haben, ihre eigenen Narrative, die sie vielleicht von ihren Männern reingesprochen bekommen, zu hinterfragen. Wir wollten uns einfach aufmachen für alle.
Offene politische Bündnisse gehen wir nicht ein, denn sobald ein Grüner, einer von der Linken oder ein SPDler auftritt, klagt die AfD sich im Zweifel ein. Dann steht sie da und sagt, wir dürfen aber auch. Und das machen wir nicht mit. Allein schon deshalb, weil auch Menschen mit Migrationshintergrund zum Streik gehen können müssen und wir nicht wollen, dass sich eine AfD dann hinstellt und anfängt, ihre Parolen rauszuhauen.
Wir möchten die Menschen schützen. Es bleibt ein geschützter Raum. Auch auf Instagram filtern wir Hass und Kommentare. Es ist ganz wichtig, dass alles ein Safe Space bleibt, und dass man trotzdem politisch nach vorne gehen und sagen kann: Okay, wir wollen was, und wir machen diesen Aufstand so lange, bis sich was ändert.

Ihr benennt in euren Posts die Probleme, etwa die Benachteiligung der Frauen in Produktion, Reproduktion, Care-Arbeit. Ihr nennt euch ­feministisch und intersektional. Damit sprecht ihr auch eine bestimmte Gruppe an. Was ich bisher nicht gefunden habe, ist ein Hinweis auf die Wurzel dieser Probleme, nämlich das System Patriarchat. Warum geht ihr auf die Systemfrage nicht ein?

Wir sagen in unserem Positionspapier, dass der Zustand systembedingt ist. Wir sagen, dass Ungleichheit strukturell ist, Sorgearbeit auch Arbeit ist, und Arbeit und Gleichstellung verbindliche Maßnahmen brauchen. Wir wollen etwas erreichen, und das ist die Umsetzung der Istanbul-Konvention. Das ist ein zentraler Schlüssel.
Die Istanbul-Konvention betrifft ja alle Bereiche, ob es die häusliche Gewalt ist, ob es die Arbeitsstätten sind. Die Umsetzung der Istanbul-Konvention ist jetzt erstmal unser Etappenziel. Wir wollen nochmal eine Petition an den Bundestag richten, in der wir fordern, dass die Konvention wirklich konsequent umgesetzt wird. Wir sagen auch, wir bringen diese Frauen so lange auf die Straße, bis hier was passiert.

Ihr plant für den 9.März einen Frauenstreik mit vielfältigen Aktionen. Es gibt auch andere Initiativen, die an dem Tag Aktionen planen, z.B. »Enough! Genug!«. Die sind ähnlich organisiert wie ihr, auch auf Plattformen im Internet und in Ortsgruppen. Dann gibt es »100.000 Mütter«, »Frauen gegen Merz«, es gibt »Women’s Society«, »Ohne uns steht alles still«, »Handmaids Riots«. Ich halte das Motto »Zusammen sind wir stärker« für wichtig. Warum diese getrennten Wege?

Ja, es gibt viele Initiativen, die die gleiche Idee haben. Manche gehen mit uns mit und wir sagen, okay, wir knüpfen uns zusammen. In Köln sind die »Handmaids Riots« und ZORA mit dabei. Wir arbeiten zusammen, nur unter Parteinamen nicht. Wir haben unsere Agenda, wir sind überparteilich, da rücken wir auch nicht von weg.
Es müssen aber auch nicht alle unter unser Dach kommen, wir können solidarisch nebeneinander bestehen. Mit vielen funktioniert das, ich finde, jede hat ihre Daseinsberechtigung. Es muss nur um die Sache gehen.
Geht es hier um den 9.März? Wer hat zuerst den 9.3. ausgerufen? Das ist doch gar nicht die Frage. Es geht darum, dass hier die Menschen auf die Straße kommen. Das ist unser Herzensanliegen. 70 bis 80 Prozent der Frauen, die uns folgen, haben noch nie etwas mit einer Demo zu tun gehabt. Für uns ist es schön, das zu sehen, diese Menschen aus ihrem Alltag rauszuholen und zu sagen: Hey, du hast Wirkkraft, Strahlkraft, du kannst was bewirken.

Wie soll es nach dem Streik weitergehen?

Wir haben einen Plan, wir wollen ihn aber noch nicht veröffentlichen. Wir wollen auch wirklich politisch wirksam werden. Wir wollen nicht nur für die Frauen vor Ort da sein, wir wollen in der Politik was bewegen. Nur auf die Straße gehen, reicht nicht aus. Aber dass man diese Presse und diese Aufmerksamkeit bekommt, weil man so schnell wächst und den Aufstand auf die Straße bringt, das zeigt, es lässt sich was bewegen.
Wir haben von Ver.di eine Solidaritätsbekundung. Das Jahr hindurch gibt es auch andere traditionelle Frauenaktivitäten, da werden wir dabei sein. Wir sind zurückgefallen, jetzt müssen wir die Frauen erstmal wieder wach kriegen und mobilisieren. Das ist das, was gerade passiert. Wir wollen die Frauen angesichts des Rechtsrutsches aus der Schockstarre holen. Jetzt kommen Frauen aus ihren Häusern und sagen, ich kann was bewegen. Daran wollen wir anknüpfen.

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