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Neokolonialismus: Surplusprofite statt Souveränität
von Ingo Schmidt

Die marxistischen Imperialismustheorien haben klargemacht, weshalb sich die kapitalistische Produktionsweise über die ganze Welt ausbreiten, Produktivkräfte, Macht und Einkommen dabei aber ungleich zwischen imperialen Zentren und kolonialen Peripherien verteilen musste.
Politische Unabhängigkeit der Kolonien galt daher als erster Schritt zur Überwindung der aufgezwungenen Unterentwicklung. Die Sowjetunion, aus dem »peripheren Imperium« des Zarenreichs hervorgegangen, wurde zum Beleg, dass ein vorwiegend agrarisches und vom Weltmarkt ausgeschlossenes Land industrialisiert werden kann.

Imperialismus ohne Kolonien
Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die europäischen Kolonialmächte erschöpft, die Sowjetunion hatte ihren Einflussbereich bis nach Mitteleuropa ausgedehnt, in China siegte die kommunistische Revolution. Die USA waren die einzige Macht, die den damals auch von konservativen Ökonomen als unausweichlich angesehenen »Marsch in den Sozialismus« vielleicht doch noch aufhalten konnten. Dazu mussten Zugeständnisse gemacht werden – an die Arbeiterbewegungen in den Zentren aber auch an die antikolonialen Bewegungen in den Peripherien.
Die Preisgabe der Kolonien schwächte die europäischen Kolonialmächte weiter, öffnete amerikanischen Konzernen dafür neue Märkte. Deren herrschende Klasse sah sich mit der Frage konfrontiert, wieviel Industrialisierung der Peripherien mit ihren Interessen vereinbar war.
Kurzfristig war damit der erhöhte Absatz von Produkten, insbesondere Investitionsgütern, aus den alten Industriezentren verbunden. Längerfristig drohte mit der Industrialisierung der Peripherien die Entstehung neuer Konkurrenten, industrieller Arbeiterklassen und Gewerkschaften und eine Verknappung bzw. Verteuerung von Rohstoffen. Steigende Löhne und Rohstoffpreise in den Peripherien würden Surplusprofite schmälern, die den Imperialismus zu einem einträglichen Geschäftsmodell für das Kapital der Zentren gemacht hatten, obwohl die Märkte in den Peripherien vom Volumen her beschränkt waren.
Die Vorteile von Markterweiterung und Einbindung postkolonialer Entwicklungsprojekte wogen die Nachteile des möglichen Verlusts imperialer Profite in den Augen der amerikanischen Eliten in Wirtschaft und Politik nicht auf. Zumal einige der postkolonialen Regime wenig Interesse an einer Einbindung in den US-dominierten Kapitalismus zeigten und sich stattdessen auf die Suche nach nichtkapitalistischen Entwicklungswegen machten.
Wenig überraschend sahen die Herrschenden in den USA darin eine Folge kommunistischer Infiltration und entschieden sich für die Etablierung antikommunistischer Regime – wenn nötig mit Waffengewalt. Die gerade gewonnene Souveränität vieler Peripheriestaaten wurde der Aufrechterhaltung imperialer Superprofite und der Eindämmung des Kommunismus geopfert.
In Anspielung auf Lenins berühmte Imperialismusschrift sprach Kwame Nkrumah, der erste Präsident des unabhängigen Ghana und lebenslanger Vorkämpfer des Panafrikanismus, vom Neokolonialismus als letztem Stadium des Imperialismus.

Strukturelle Hemmnisse der nachholende Entwicklung
Dass Unabhängigkeit nicht notwendigerweise zu nachholender Entwicklung bzw. Überwindung der Spaltung zwischen Zentren und Peripherien führt, war schon vor der Dekolonisierung Afrikas und Asiens bekannt. Lateinamerika hatte die Unabhängigkeit bereits im frühen 19.Jahrhundert errungen, sie brachte aber kein Ende der imperialistischen Ausbeutung.
Raul Prebisch und Hans Singer dokumentierten dies Ende der 1940er Jahre in Studien für die gerade gegründete UNO. Ihr Thema waren die Austauschverhältnisse zwischen Großbritannien und Lateinamerika von 1876 bis 1947.
Ihre These: Die Rohstoff- und Agrarimporte Großbritanniens wurden in dieser Zeit relativ billiger, Lateinamerikas Importe von Industrieprodukten hingegen teurer. Die Folge: 1947 musste ein lateinamerikanisches Land mehr exportieren, um die gleiche Menge an Industrieprodukten zu importieren.
Singer und Prebisch begründeten die Verschlechterung der Austauschverhältnisse damit, dass steigende Einkommen, und sei es nur bei einer Minderheit der Bevölkerung, zu einer starken Erhöhung der Nachfrage nach Industrieprodukten führten, die Nachfrage nach Rohstoffen und Agrarprodukten aber nur leicht erhöhten. Zudem gäbe es bei letzteren ein strukturelles Überangebot. Versuche einzelner Länder, ihre Exportpreise zu erhöhen, um dadurch Mittel für den Ausbau von Industrie und Infrastruktur im Inland zu erwirtschaften, seien daher zum Scheitern verurteilt.
Die Arbeitsteilung zwischen Agrar- und Rohstoffproduktion in der Peripherie und industrieller Fertigung in den Zentren stellt demnach ein strukturelles Hemmnis nachholender Entwicklung dar. Ebenso wie die Gewinntransfers multinationaler Unternehmen von ihren Niederlassungen in den Peripherien in die Konzernzentralen und der Schuldendienst gegenüber Gläubigern aus den Zentren.
Die USA, die nach dem Zweiten Weltkrieg zum Motor und Garanten des Neokolonialismus wurden, waren selbst mit dem Ziel gegründet worden, der politischen und ökonomischen Dominanz britischer Kolonialherrschaft zu entkommen. Alexander Hamilton, der erste Finanzminister der USA, propagierte Importzölle, die amerikanischen Firmen eine Überlebenschance gegenüber der weit überlegenen britischen Konkurrenz zu geben sollten.
Friedrich List, ein Bewunderer Hamiltons und Propagandist des deutschen Zollvereins, verallgemeinerte Hamiltons handelspolitischen Überlegungen zu einer Theorie des Erziehungszolls.
Ihr zufolge hing nachholende Entwicklung bzw. Industrialisierung von der Herstellung eines Binnenmarkts ab, innerhalb dessen Unternehmen, die ähnliche Technologien anwenden, miteinander konkurrierten, gegenüber ausländischer, technologisch überlegener Konkurrenz aber abgeschirmt waren. Die Konkurrenz im Inland würde zu steigender Produktivität und damit einem Aufschließen zu der bislang überlegenen ausländischen Konkurrenz führen. Dann würden Erziehungszölle obsolet und es könne zum Freihandel übergegangen werden.
Unter dem sperrigen Titel »importsubstituierende Industrialisierung« wurden diese Überlegungen zu einem politischen Leitfaden vieler postkolonialer Regime, die sich nicht völlig vom Weltmarkt abkoppeln, dessen strukturelle Entwicklungsblockaden aber überwinden wollten.

Ungleicher Tausch
Die Förderung des Neokolonialismus durch die USA bestärkte die radikalen Teile der antikolonialen Bewegungen in ihrer Ansicht, dass die Abkopplung vom Weltmarkt Voraussetzung wirklicher, d.h. politischer und ökonomischer Souveränität sei.
Marxistische Theoretiker untermauerten diese Überzeugung mit dem Argument, der Imperialismus stehe der Entwicklung der Peripherien nicht nur im Wege, sondern beute diese auch noch aus. Die Mittel, die den Peripherien durch die Aneignung imperialistischer Surplusprofite in den Zentren entzogen werden, stünden nach Abkopplung vom Weltmarkt einer autozentrierten Entwicklung zur Verfügung.
Surplusprofite seien, so Arghiri Emmanuel, Samir Amin und Ernest Mandel, die Folge eines ungleichen Tauschs: Die imperialistischen Zent­ren könnten im Austausch gegen das Produkt einer Arbeitsstunde aus den Peripherien Produkte beziehen, deren Herstellung mehr als eine Stunde erfordere. Dadurch werde den Peripherien Arbeitskraft entzogen, die nach Überwindung der imperialistischen Ausbeutung produktiv zur Entwicklung der eigenen Ökonomie verwendet werden könnte.
Über die genauen Ursachen des ungleichen Tauschs wurde heftig gestritten. Die einen sahen sie im Lohnunterschied zwischen Zentren und Peripherien, der zur Quelle von Surplusprofiten werde. Andere wiesen auf Produktivitätsunterschiede hin. Um überhaupt exportieren zu können, müssten Produzenten in den Peripherien mehr Arbeitskraft aufwenden als Produzenten in den Zentren. Sie könnten diesen Mehraufwand an Zeit aber nicht entsprechend entlohnen, weil ihre Produkte dann nicht mehr konkurrenzfähig werden.

Die Schuldenfalle
Die politischen Schlussfolgerungen waren trotz des theoretischen Streits klar. Ohne Abkopplung vom Weltmarkt werde es weder ökonomische Souveränität noch Industrialisierung geben. Den antikolonialen bzw. antiimperialistischen Bewegungen, die eine solche Abkopplung anstrebten, haben die imperialistischen Zentren durch eine Mischung aus militärischen Interventionen, Umstürzen und ökonomischem Druck schwere Niederlagen beigebracht.
Billige Kredite, mit denen sich viele der ölimportierenden Regierungen in den Peripherien nach den Ölpreisschocks der 1970er Jahre einen finanziellen Spielraum verschaffen wollten, erwiesen sich in den 1980ern als Schuldenfalle.
Um Zahlungsunfähigkeit und den Zusammenbruch der realen Wirtschaft zu verhindern, akzeptierten sie Kredite vom Internationalem Währungsfonds und der Weltbank. Samt den damit verbundenen Auflagen, die Importsubstitution aufzugeben und stattdessen den Export zu fördern – von Agrarprodukten und Rohstoffen wie gehabt.
Aber auch von Industrieprodukten. Unter der Kontrolle westlicher Konzerne wurden sie zu verlängerten Werkbänken der imperialistischen Zentren. Und das sind sie meistenteils auch heute noch. Mit der Ausnahme Chinas, das sich durch eine kommunistische Revolution die Souveränität erkämpfte, um auf dem kapitalistischen Weltmarkt zu einer Industriemacht aufzusteigen. Und dabei die Surplusprofite westlicher Konzerne verringerte.

Ingo Schmidt ist marxistischer ­Ökonom und lebt in Kanada und Deutschland.

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