Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

Bert Brecht hielt nicht viel vom Recht auf geistiges Eigentum. Wir auch nicht. Wir stellen die SoZ kostenlos ins Netz, damit möglichst viele Menschen das darin enthaltene Wissen nutzen und weiterverbreiten. Das heißt jedoch nicht, dass dies nicht Arbeit sei, die honoriert werden muss, weil Menschen davon leben.

Hier können Sie jetzt Spenden
AKW 1. April 2026

Von Kartoffelscheunen, Castorlawinen und Abkürzungen in die Sackgasse
von Helge Bauer

37 deutsche Atomkraftwerke (Akw) haben in etwa 60 Jahren 27.000 Kubikmeter hochradioaktive Abfälle produziert. Wenn einst die letzten Brennstäbe aus den Abklingbecken der Akw entfernt sind, werden sie 1900 Castorbehälter gefüllt haben. Einige dieser Stoffe brauchen eine Million Jahre, bis ihre Strahlung weitgehend abgeklungen ist. Das entspricht in etwa 33.000 menschlichen Generationen. Bisher kommt der Homo sapiens auf etwa 12.000 Generationen.

Wie ist es drei Jahre nach dem Aus der kommerziell betriebenen Akw in Deutschland um den in diesen entstandenen hochradioaktiven Atommüll bestellt?
Viele Jahre lang wurde der Salzstock Gorleben-Rambow im beschaulichen Wendland von staatlicher Seite als Endlagerstandort favorisiert. Unter dem Druck von vier Jahrzehnten massiver Proteste der Bürger:innen startete die Bundesregierung im Jahr 2017 die Suche neu. Inhalt und Ablaufplanung wurden im Standortauswahlgesetz (StandAG) festgeschrieben. Die Abfälle sollen unter Tage in Steinsalz, Ton- oder Kristallingestein eine Million Jahre sicher gelagert werden.
Bei der Suche nach dem »bestmöglichen« Standort wird das gesamte Bundesgebiet betrachtet. Für das Verfahren sieht §1 StandAG Partizipation, Wissenschaftsbasiertheit und Transparenz als Grundwerte vor. Auch soll es selbsthinterfragend und lernend angelegt sein. Der Salzstock Gorleben-Rambow überlebte den ersten Auswahlschritt im Jahr 2020 nicht. Die von der Anti-Atom-Bewegung angeführten Bedenken zu seiner Eignung bestätigten sich.
Das klingt alles nach einer Erfolgsgeschichte der Bewegung: Atomkraftwerke abgeschaltet, Atommüllprobleme auf einem guten Weg zur Lösung. Wir könnten anstoßen und uns entspannt zurücklehnen. Doch leider entspricht das Bild dieser schön gemalten Gesetzesfassade nicht der Realität.
Die Probleme beginnen mit den im Gesetz formulierten Anforderungen. Sind wir technisch so weit, ein untertägiges Lager so zu planen und auszustatten, dass der Atommüll dort eine Million Jahre sicher eingeschlossen bleibt? Wäre es für die Glaubwürdigkeit des Gesetzes nicht besser gewesen einzugestehen, dass der aktuelle Stand von Wissenschaft und Technik für diese Mammutaufgabe noch nicht ausreicht?
Im Gesetz ist ein zweiter zeitlicher Haltepunkt aufgeführt. Der Einschluss soll so erfolgen, dass die Abfälle für die nächsten 500 Jahre bergbar sind, sollten in der Zukunft bessere Methoden für den Umgang mit radioaktivem Müll entwickelt werden. Dieses Ziel erscheint in seiner Umsetzung realistischer, wenngleich es eine technische Herausforderung bleibt.
In den ersten acht Jahren des neuen Suchprozesses hat sich gezeigt, dass auch weitere Aussagen im Gesetz problematisch sind. Jede der fünf in §1 StandAG genannten Säulen des Gesetzes – Partizipation, Wissenschaftbasiertheit, Transparenz sowie selbsthinterfragendes und lernendes Verfahren – wurde bereits umgestürzt oder droht, ihre Tragfähigkeit zu verlieren.

Mangelnde Transparenz
Ausreichende Partizipation und Transparenz waren vom zuständigen Atommüll-Bundesamt (BASE) von Anfang an nicht gewollt. Die Einbeziehung der Bürger:innen bleibt nach wissenschaftlicher Definition des Begriffs Beteiligung auf den Vorstufen von eingeschränkter Information und Anhörung hängen. Wirkliche Rechte auf Mitsprache und Mitgestaltung fehlen ebenso wie die Möglichkeit, genutzte geologische Daten uneingeschränkt einzusehen. Eine unabhängige Beurteilung der Arbeit der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) ist nicht möglich.
Auch dem Nationalen Begleitgremium, das laut Gesetz die Begleitung des Verfahrens stellvertretend für die Öffentlichkeit sicherstellen soll, fehlen entscheidende Rechte zur Einflussnahme auf den Suchprozess. Seine Rolle bleibt auf lautes Reinrufen von der Zuschauertribüne beschränkt. Fehlen jedoch die Überprüfbarkeit und damit die Nachvollziehbarkeit der Entscheidungen sowie eine echte Mitgestaltung der Bürger:innen, kann auch das nötige Vertrauen in das StandAG nicht entstehen. Das Verfahren könnte am Widerstand der Bürger:innen scheitern, so wie es bereits in Gorleben zu Recht der Fall war.
Unter diesen Umständen ist auch das wissenschaftsbasierte Vorgehen für Bürger:innen kaum zu beurteilen. Aktuelle Vorhaben zur Änderung des Gesetzes lassen zusätzlich Schlimmes befürchten. Unter dem Deckmantel einer populistischen Debatte um die Beschleunigung des Verfahrens soll nicht nur die Suche nach dem »bestmöglichen Standort« geopfert, sondern auch einige der ohnehin reduzierten Klagerechte von Bürger:innen gestrichen werden.

Eingeschränkte Wissenschaft
Wenn der aktuelle Referentenentwurf des Bundesumweltministeriums übernommen wird, schadet dies auch dem rein wissenschaftsbasierten Vorgehen. Dies basiert auf einem Vergleich möglicher Standorte. Um die Auswahl schrittweise einzugrenzen, bis schließlich nur noch der Standort übrig bleibt, der gesetzlich als »bestmöglich« eingestuft wird, ist für alle Gebiete eine ausreichende Datengrundlage erforderlich, um sie beurteilen zu können. Um diese sicherzustellen, waren für den letzten Schritt der Untersuchungen und des Vergleichs Erkundungsbergwerke für die wenigen dann noch im Rennen befindlichen Standorte vorgesehen. Diese zugegebenermaßen zeit- und kostenaufwendigere, aber dafür wesentlich erkenntnisreichere Art der Erkundung wird nun voraussichtlich wegfallen.
Wenn es nach dem Umweltministerium geht, werden wahrscheinlich lediglich oberirdisch anzuwendende Techniken und Bohrungen zum Einsatz kommen. Dabei ist klar, dass dies an einigen Stellen – zum Beispiel grundsätzlich bei Salzstöcken – nicht ausreichen wird, um die Eignung sicher zu klären. Vor der Hacke ist duster! – diese alte Weisheit der Bergleute wird auch durch die heutige Technik nicht hinfällig. Der gesetzlich vorgesehene »bestmögliche Standort« könnte so wegen fehlender Erkenntnisse frühzeitig aus dem Verfahren ausscheiden. Es würde nur noch ein »möglicher Standort« gesucht, doch selbst diese Einstufung bleibt bei diesem Vorgehen fraglich. Die vermeintliche Abkürzung des Verfahrens könnte sich somit als Sackgasse entpuppen.
Das Beispiel des ehemaligen Salzbergwerks Asse zeigt, was passiert, wenn die Qualität der Suche dem Zeitfaktor untergeordnet wird. Der Salzstock bei Wolfenbüttel dient seit den 1960er Jahren als Endlager für schwach- und mittelradioaktiven Atommüll. Aus Zeitgründen verschlossen die Verantwortlichen bei seiner Einrichtung die Augen vor seinen Defiziten. Heute gilt das »Endlager« als havariert: In einen Teil der Atommüllkammern dringt Wasser ein, wodurch sich radioaktive Lauge bildet. Der Start der dringend erforderliche Räumung wird immer wieder verschoben.

Unangebrachter Zeitdruck
Häufig wird die Generationengerechtigkeit als Grund für eine nötige Beschleunigung der Standortsuche angeführt. Wir, die wir diesen Atommüll produziert haben, müssen auch dafür sorgen, die gefährlichen Stoffe sicher in einem Endlager unterzubringen. Wir dürfen die Verantwortung nicht auf nachfolgende Generationen abwälzen.
Doch ist niemandem geholfen, wenn wir unseren Nachfahren eine zweite Asse hinterlassen. Die heutige Suche muss daher mit maximaler Sorgfalt erfolgen. Zeit- oder Kostendruck darf dabei nicht dominieren. Wenn am Ende festgestellt wird, dass das gesetzte Ziel wegen fehlender Technik nicht erfüllbar ist, müssen wir das eingestehen und Methoden für eine sichere Lagerung über realistisch planbare Lagerzeiträume entwickeln. Das gilt für alle Arten radioaktiver Abfälle. Nur so werden wir unserer Verantwortung gegenüber den kommenden Generationen tatsächlich gerecht.
Die Reduzierung der aktuellen Debatte auf die Dauer der Suche nach einem sogenannten Endlager für hochradioaktiven Müll hat eine weitere negative Auswirkung. Sie dominiert die öffentliche Wahrnehmung. Wichtige Fragen zum Zustand und zur Sicherheit der aktuellen Atommüll-Zwischenlager werden nicht gestellt. Es braucht halt nur schnell ein sogenanntes Endlager, damit diese zügig geräumt werden können – fertig.
»Kartoffelscheune«, so nennen die Wendländer:innen die Halle in Gorleben, die bittere Bezeichnung spricht Bände. Decken- und Wandstärken von teilweise nur 20 Zentimeter bei den 19 Castor-Lagern in Deutschland stellen keinen adäquaten Schutz dar. Und das ist nur eines der vielen Probleme. Die in den nächsten Jahren anstehenden Neugenehmigungsverfahren müssen dafür genutzt werden, eine möglichst sichere Zwischenlagerung für den Zeitraum von einhundert Jahren zu ermöglichen.

Unnötige Risikotransporte
Solange wird es mindestens noch dauern bis ein sogenanntes Endlager zur Verfügung steht. Dabei müssen auch neue Bedrohungslagen, wie etwa Angriffe mit moderner Drohnentechnik berücksichtigt werden. Das Gefahrenpotenzial der zu lagernden Stoffe verbietet eine Fortführung der bisherigen Flickschusterei. Auch müssen die Atommülltransporte-Hütchenspielertricks aufhören. Castoren ohne Sinn von A nach B und dann weiter nach C zu verfrachten, ist keine Lösung. Jeder Transport birgt ein wesentlich erhöhtes Gefahrenpotenzial durch Unfälle und böswillige Angriffe.
Für das Jahr 2025 meldet das Bundeskriminalamt allein über tausend ungeklärte Drohnensichtungen über kritischer Infrastruktur in Deutschland. Castorlawinen wie die geplanten 152 Lkw-Transporte von Jülich ins etwa 170 Kilometer entfernte Ahaus quer durch das dicht besiedelte Ruhrgebiet grenzen angesichts der aktuellen Bedrohungslagen an Wahnsinn. Atommülltransporte sollten nur noch einmal durchgeführt werden: nach der Fertigstellung eines sogenannten Endlagers. Bis dahin bringt der Homo sapiens etwa drei weitere Generationen hervor.

Der Autor ist Referent für Atommüllfragen bei der Anti-Atom-Organisation .ausgestrahlt.

Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen

Folgende HTML-Tags sind erlaubt:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>


Spenden

Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF


Schnupperausgabe

Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.


Kommentare als RSS Feed abonnieren